Walliser im Ausland | Anna-Maren Brantschen im Kosovo

«Ich geniesse die Gastfreundschaft»

«Ramize, eine Mitarbeiterin, Johanna, eine Mitfreiwillige, ich, Suzane, eine
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«Ramize, eine Mitarbeiterin, Johanna, eine Mitfreiwillige, ich, Suzane, eine 'Tranzit-Bewohnerin', und Krenare, ebenfalls eine Mitarbeiterin.»
Foto: zvg

«Moritz Kuhlmann, mein Mentor im Projekt, Bashkim, ein Tranzitler, ich, und Susanne, Moritz
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«Moritz Kuhlmann, mein Mentor im Projekt, Bashkim, ein Tranzitler, ich, und Susanne, Moritz' Mutter, welche zu Besuch war.»
Foto: zvg

«Die Ashkali-Community in Tranzit»
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«Die Ashkali-Community in Tranzit»
Foto: zvg

Quelle: 1815.ch 0

Anna-Maren Brantschen aus Brig-Glis absolviert derzeit einen Freiwilligeneinsatz im Kosovo. Auf 1815.ch erzählt die 20-Jährige, wie sie dort in eine andere Welt eintaucht.

Anna-Maren Brantschen, was hat Sie dazu bewogen, ein Freiwilligenjahr im Kosovo zu absolvieren?
«Ich habe im Sommer 2017 meine Matura gemacht und wusste schon seit Längerem, dass ich danach für ein Jahr aufbrechen möchte, um mich auf einen neuen Ort einzulassen. Auf die Menschen, die Lebensweise, die Art zu denken und zu sein – eintauchen in eine andere Welt. Da für mich dies auf dem Prinzip von Geben und Nehmen basiert, habe ich mich entschlossen, dies als Freiwillige zu tun und mich bei ‚Jesuitvolunteers’ beworben. Nach einer intensiven Vorbereitungszeit wurde ich dann gemeinsam mit einer Mitfreiwilligen in den Kosovo entsandt.»

Wie lange werden Sie bleiben?
«Ich habe mein Freiwilligenjahr im August 2017 begonnen und werde wahrscheinlich Ende Juli/Anfang August 2018 zurückkehren, wobei die Busreise noch nicht gebucht ist und der Abreisetermin noch nicht feststeht.»

In welcher Stadt leben Sie?
«Ich lebe in Prizren, welche mit knapp 100'000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt des Kosovos ist.»

Wem sind Sie dort zuerst begegnet?
«Ich bin zusammen mit meiner Mitfreiwilligen Emilia in den Kosovo gereist. Auf der langen Busreise hatten wir ganz viel Zeit, uns über unseren Einsatz Gedanken zu machen und voller Vorfreude gemeinsam in das Jahr zu starten. Zu dem Zeitpunkt konnten wir praktisch noch kein Wort Albanisch und waren froh, dass einige der Mitreisenden uns die Ansagen des Chauffeurs übersetzen konnten. Schon auf der Fahrt durften wir die Gastfreundschaft der Kosovaren und ihre Offenheit kennenlernen. Neben Reisetipps, welche Orte wir uns unbedingt anschauen sollten, wurden wir unterwegs auch direkt auf einen Kaffee eingeladen. Eine Mutter und ihre Tochter haben uns dann auch beim Umsteigen geholfen, damit wir ja den richtigen Bus erwischen. Die beiden haben wir dann zufälligerweise auch nochmal in der Stadt getroffen. So ging es dann mit den Begegnungen gleich weiter: Als wir nach 30 Stunden Reise sehr erschöpft in Prizren ankamen, wurden wir von Tomislav, einem angehenden Jesuiten, abgeholt und zu unserem neuen Zuhause gefahren.»

Wie wohnen Sie?
«Ich wohne auf dem Schulgelände des Loyola Gymnasiums, einer Privatschule, die von einem Jesuiten geführt wird und die mit zu den besten Schulen des Landes zählt. Auf dem Campus befindet sich, neben einem Gebäude mit Schulzimmern und Mensa, eine Sporthalle sowie ein Internat. Angrenzend an das Mädcheninternat befindet sich im Gästetrakt unsere geräumige Wohnung, welche ich mit Emilia und einer Deutschlehrerin teile.»

Was gehört im Rahmen des Freiwilligeneinsatzes zu Ihren Aufgaben?
«Ich arbeite mit Ashkalis zusammen. Die beste Übersetzung dafür, wie sie sich selber nennen, ist ‚Zigeuner’. Diese ethnische Minderheit wohnt in verschiedenen isolierten Vierteln der Stadt. Eines davon ist Tranzit. Ich bin Teil des Projektes Loyola-Tranzit, welches als Begegnungsfläche zwischen den Ashkalis und den Loyolaschülern angefangen hat. Auf dem Weg zu Verantwortung, Bildung, Gebrauchtwerden und sich auf Augenhöhe begegnen, ist eine Brücke der Freundschaft zwischen diesen zwei Welten entstanden. Das Projekt ist nicht ein Projekt für Ashkalis, sondern eines fürs Zusammenleben, welches auf verschiedenen Säulen aufbaut. Ein wichtiger Teil dabei ist der Kindergarten, welcher von jugendlichen Ashkalis, die begonnen haben, selber Verantwortung zu übernehmen, geleitet wird. Anfangs meiner Zeit habe ich geholfen, den Kindergarten mit zu strukturieren und den Mitarbeitern Werkzeug in die Hand zu legen, wie sie diesen nun selbstständig leiten können. Nun bin ich beim Aufbau und bei der Durchführung eines Beschleunigungsunterrichtes dabei, welcher das Ziel hat, den vielen jungen Tranzitlern, die die Schule abgebrochen haben, einen Schulabschluss zu ermöglichen.»

Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen aus?
«Morgens stehe ich jeweils um 7.33 Uhr auf und fahre dann mit dem Rad zum Viertel Tranzit. Dort beginnt der Tag mit einer sogenannten Meditation, einem gemeinsamen Start in den Tag, bei dem Gemeinschaft gelebt wird. Die Kinder des Viertels, die Mitarbeiter, manchmal ein paar Mütter und wir Freiwilligen singen gemeinsam, jeder teilt in der Runde mit, wie es ihm gerade geht, und wir hören einen Text aus der Bibel und einer der 99 Gottesnamen aus dem Koran wird erläutert. Danach wird gemeinsam gefrühstückt, Brötchen aus der Bäckerei, sogenannte ‚Kifle’, die vom Vortag übriggeblieben sind. Für die Erst- bis Sechstklässler gibt es dann eine Hausaufgabenbetreuung, da der Unterricht nur nachmittags stattfindet und viele individuelle Unterstützung brauchen. Währenddessen bin ich beim Beschleunigungsunterricht dabei, der täglich von zehn bis zwölf Uhr auf dem Programm steht. Nach einem warmen Mittagessen, welches wir gemeinsam einnehmen, öffne ich noch einmal den Raum, in welchem der Unterricht stattfindet, und übe mit einigen Schülern lesen und schreiben. Mein offizieller Arbeitstag endet danach. Oftmals schaue ich aber noch bei Familien vorbei und werde auf einen ‚çai’ eingeladen. Am Abend findet auch noch Musikunterricht in Tranzit statt, bei dem ich aber keine Verantwortung übernehme und manchmal einfach nur da bin.»

Auf welche Herausforderungen treffen Sie?
«Anfangs war die Sprache schon eine Herausforderung. Dank eines intensiven Sprachkurses und dadurch, dass ich in Tranzit einfach Albanisch reden muss, konnte ich mich schon ziemlich schnell an Mitarbeitertreffen beteiligen. Die materielle Armut in Tranzit ist weniger gross als die Isoliertheit und Ausgrenzung aus der kosovarischen Gesellschaft. Aufgrund der Tatsache, dass den Ashkalis vorgeworfen wird, im Kosovo-Krieg 1999 an der Seite der Serben gemordet zu haben, steht das Verhältnis zwischen den Kosovaren und den Ashkalis unter keinem guten Stern. Dieses Phänomen zu verstehen und damit einen Umgang zu finden, fällt mir nicht leicht.»

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?
«Ich verbringe sehr viel Zeit in Tranzit und geniesse es, mit den Menschen in Kontakt zu sein und Leben zu teilen. Ich habe angefangen, in Tranzit Gitarrenunterricht zu nehmen, etwas was ich mir vor diesem Jahr unmöglich hätte vorstellen können. Ansonsten vertiefe ich meine Albanischkenntnisse, lese viel, schreibe auf, was ich alles erlebe, meditiere, mache Yoga, erkunde die Gegend, gehe wandern, fahre mit dem Fahrrad in die Stadt, tausche mich mit meinen Mitfreiwilligen aus... Einmal in der Woche haben wir ein Zusammensein, das immer jemand von uns vier Freiwilligen plant. Auch habe ich angefangen, abends mit den Internatsschülern Fussball zu spielen.»

Wie viel kostet eine Tasse Kaffee?
«In meinem Lieblingscafé gibt es eine Tasse Tee für siebzig Cent, Kaffee gibt es für etwa einen Euro. Diese Preise wirken auf den ersten Blick sehr billig, in Anbetracht des Durchschnittsgehaltes von 250 Euro jedoch eher teuer.»

Welchen Eindruck vom Land haben Sie bisher gewonnen?
«Ich wurde bislang immer sehr freundlich überall begrüsst und aufgenommen und geniesse diese Gastfreundschaft sehr. Durch diese Offenheit der Leute, hat sich ein Einleben sehr einfach gestaltet. Manchmal aber staune ich, wie offensichtlich Männer auf der Strasse jungen Frauen nachschauen. Ja, es passiert auch des Öfteren, dass ein Auto am Strassenrand einfach anhält, um sich des Anblickes zu erfreuen. Auf der anderen Seite gibt es nicht so viel Interaktion zwischen Mann und Frau im öffentlichen Raum und es wird sehr schnell von allen gewusst, wer sich mit wem getroffen hat. Ich geniesse die schöne Landschaft und die Natur auf langen Spaziergängen und Wanderungen sehr. Doch genau da lässt sich auch das fehlende Verständnis für Erhaltung und Schutz der Umwelt festmachen. Fast überall liegt Müll, in jedem Supermarkt wird mit Plastiktüten um sich geworfen und jeder verbrennt alles Mögliche vor seinem Haus, Mülltrennung scheint ein Fremdwort zu sein. Der Kosovo ist aber durchaus ein Land, welches gerade im Umbruch ist. Zwar sind noch einige Überreste des Krieges festzustellen, trotzdem findet ganz langsam ein Umdenken statt, auch wenn viele Produkte importiert werden und es neben Wein, Rraki, Milch und Mehl keinen (grossen) Wirtschaftszweig gibt.»

Würden Sie das Leben im Kosovo als gefährlich bezeichnen?
«Das einzig ‚Gefährliche’ hier ist, sich mit dem Fahrrad seinen Weg durch den Strassenverkehr zu bahnen, da viele Autofahrer scheinbar den Schulterblick nicht kennen oder Fahrradfahrer als normale Verkehrsteilnehmer ignorieren.»

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Freiwilligenjahr im Kosovo?
«Ein Jahr lang anders leben, mit diesem Gedanken bin ich hierher gekommen. Und ich merke dadurch, dass es mir gelingt, mich hier wirklich einzulassen, passiert innerlich auch ganz viel. Diesen inneren Prozess lasse ich mit viel Freude zu und erfreue mich an den kleinen und grossen Dingen. Sei dies die Entwicklung der Kinder, die ich miterleben darf, das Zusammenleben mit meinen Mitfreiwilligen oder dass mich die bettelnden Kinder voller Freude begrüssen, wenn ich sie in der Stadt treffe. Dies alles nur, weil ich einmal mit ihnen unterwegs war und wir zusammen gespielt haben. Das Glück in kleinen Dingen sehen und mit viel Dankbarkeit mein Leben hier spüren.» Haben sich diese Erwartungen bis jetzt erfüllt? «Ich hatte nie konkrete Erwartungen, was das Leben hier angeht. Trotzdem übertrifft das, was ich hier erlebe, alles, was ich mir habe vorstellen können. Natürlich gibt es immer wieder Sonnen- und Schattenseiten und ich glaube, jeder Einsatz ist nicht immer nur einfach. Trotzdem bin ich sehr froh, hier zu sein.»

Was unterscheidet die Kosovaren von den Wallisern?
«Als erstes ist mir diese unglaubliche Offenheit aufgefallen. Hier passiert es fast jeden Tag, dass man zu jemandem nach Hause eingeladen wird. Ausserdem lebt man hier weniger nach exakten Uhrzeiten und ist bei der Tagesplanung sehr spontan. Des Weiteren pflegen viele Kosovaren einen sehr engen Kontakt zu ihrer Familie, was sich zum Beispiel sprachlich daran festmachen lässt, dass bei allen Verwandtschaftsbezeichnungen väterlicher- und mütterlicherseits unterschieden wird, sodass jeder Familienangehörige seine spezielle Position innehat.»

Welches Bild der Schweiz hat man im Kosovo?
«Das Bild der Schweiz ist im Allgemeinen sehr gut, da viele Kosovaren Verwandte in der Schweiz haben und damit einen durchwegs positiven Bezug zum Land pflegen. Ich glaube auch, dass die vielen ‚Heimkehrer’ im Sommer, mit ihren gediegenen Autos, ein etwas falsches Bild präsentieren – im Ausland ist alles besser und einfacher. So wollen viele Einwohner ihr Land verlassen und in der Schweiz oder in Deutschland ihr Glück suchen, vielen ist aber dabei nicht bewusst, was es bedeutet, sein Heimatland zu verlassen.»

Haben Sie manchmal Heimweh?
«Klar vermisse ich meine Familie und meine Freunde manchmal. Trotzdem würde ich jetzt nicht heim wollen, sondern geniesse mein Leben hier sehr. Ich bin erstaunt wie sehr ich mich hier zuhause fühle und wie schön es ist, eigenständig zu wohnen und den Haushalt selber zu regeln.»

Was vermissen Sie am meisten aus der Schweiz?
«An materiellen Dingen vermisse ich dunkles Brot, (Greyezer-)Käse und meinen Lieblingsbrotaufstrich: Mandelmus. Es sind aber nicht jene Dinge, die mir tatsächlich fehlen, sondern ich merke, wie schön es ist, Briefe aus der Heimat zu bekommen. Denn diese zeigen mir, welche Verbundenheit ich zu meinen engsten Freunden und zu meiner Familie stets spüre, obgleich ich sehr froh bin, hier zu sein und deren Unterstützung aus der Ferne mir vor Ort sehr viel Kraft gibt.»

Wie gehts nach Ihrer Rückkehr ins Wallis weiter?
«Ich habe zum Glück noch etwas Zeit, mich damit auseinanderzusetzen, wie es nach diesem Jahr für mich weiter gehen wird. Grundsätzlich könnte ich mir vorstellen, mit Kindern zu arbeiten oder auch ein Studium in Psychologie und/oder Philosophie anzufangen.»

Mehr über Anna-Maren Brantschens Erlebnisse im Kosovo sind auf Ihrem Blog zu finden.

Für unsere Rubrik «Walliser im Ausland» sind wir regelmässig auf der Suche nach Wallisern, die fernab der Heimat leben. Gehören Sie auch dazu oder kennen Sie jemanden? Dann freuen wir uns auf Ihre Nachricht an [Javascript einschalten um Email zu sehen].

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