Frontal | Dr. Simon Fluri

«An Heiligabend fliessen auf jeden Fall Tränen»

Dr. Simon Fluri, Leiter Pädiatrie am Spitalzentrum Oberwallis.
1/1

Dr. Simon Fluri, Leiter Pädiatrie am Spitalzentrum Oberwallis.
Foto: RZ

Quelle: RZ 0

Gerade wenn die kleinsten Patienten Weihnachten im Spital verbringen müssen, ist dies eine sehr spezielle Situation. Kinderarzt Simon Fluri über die Festtage auf der Kinderstation.

Dr. Fluri, arbeiten Sie an Weihnachten?
Ja, ich werde über die Festtage arbeiten. Entweder bin ich am Heiligabend oder am ersten Weihnachtstag im Dienst. Das handhabe ich seit 15 Jahren so. In diesem Jahr werde ich am 25. Dezember arbeiten, sprich die Kinderabteilung und den Notfalldienst betreuen.

Eine bewusste Entscheidung also?
Bislang hatte ich keine eigenen Kinder, so gesehen hat es sich irgendwie angeboten, damit die Kolleginnen und Kollegen mit ihren Familien feiern konnten. Gleichzeitig braucht es natürlich auch an Weihnachten im Spital motivierte Mitarbeiter, schliesslich ist Weihnachten im Krankenhaus etwas Spezielles.

Wie äussert sich das?
Weihnachten im Spital verbringen zu müssen ist für die meisten Menschen keine sehr angenehme Vorstellung. Das wünscht man niemandem. Dennoch gibt es Situationen, in denen es halt einfach nicht anders geht. Für das Personal heisst das, dass man versucht, auch im Spital während der Festtage eine Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen. Dies neben den medizinischen Aspekten. Man darf nicht vergessen, dass über Weihnachten nur die im Spital bleiben, bei denen es absolut nicht anders geht. Jene, die bleiben müssen, sollen aber trotzdem eine schöne Erinnerung an das Fest mitnehmen, das gilt sowohl für die Kinder wie auch deren Eltern. Aber auch das Personal soll etwas von Weihnachten haben. Schliesslich können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ebenfalls nicht zu Hause sein. Darum dekorieren wir die Station so festlich wie es geht, und am Weihnachtsmorgen gibt es für das Personal ein Weihnachtsfrühstück.

Die Kinder sind nicht umsonst im Spital. Wie gelingt der emotionale Spagat zwischen festlicher Stimmung und Krankheit?
Die eigentlichen Festtage sind hier weniger die Herausforderung. Emotionaler und deutlich belastender ist der Moment vorher, wenn wir dem Kind und den Eltern eröffnen müssen, dass das Kind Weihnachten bei uns verbringen muss. Die Enttäuschung bei allen Beteiligten ist dann sehr gross, hinzu kommen organisatorische Herausforderungen. Viele Familien haben ja noch andere Kinder, die ebenfalls Weihnachten feiern wollen. Also müssen die Familien planen, wer beim Kind im Spital bleibt und wie die anderen feiern. Glücklicherweise haben wir hier in Visp die Möglichkeit, dass ein Elternteil beim Kind übernachten kann. Ohne Kinderabteilung müssten die kleinen Patienten die Spitalweihnacht sehr weit von zu Hause verbringen. Sobald sich der Schock gelegt hat und die organisatorischen Fragen geklärt sind, entspannt sich die Situation in den allermeisten Fällen.

Für wen ist der Schock über die Nachricht, dass das Kind im Spital bleiben muss, grös–ser? Für das Kind oder die Eltern?
Das hängt stark vom Alter des Kindes ab. Bei Neu- oder Frühgeborenen sind es die Eltern, die sich auf die erste Weihnacht mit ihrem Kind gefreut haben. Aber auch hier versuchen wir, für Weihnachtsstimmung zu sorgen. Wir wissen nicht, ob nicht auch ganz kleine Kinder schon unbewusst etwas von dieser Stimmung mitbekommen, die weihnachtliche Gefühlslage ihrer Eltern bekommen sie aber sicherlich mit. Sind die Kinder älter und sich der Festtage bewusst, sind natürlich sie es, die unter der Situation mehr leiden.

Fliessen denn auch Tränen?
An Heiligabend fliessen auf jeden Fall Tränen. Vor allem die Kinder, die sich bewusst sind, was jetzt gerade zu Hause laufen würde, sind natürlich oft traurig. Tränen gibt es aber auch bei den Müttern.

Wie geht es Ihnen als Kinderarzt an diesen Tagen?
Es gibt an diesen Tagen sehr eindrückliche Momente. Ein Jahr hatte ich an Weihnachten Nachtdienst auf der Intensivstation im Inselspital. Dort war zu dieser Zeit ein achtjähriges Mädchen, das ein künstliches Herz bekommen hatte. Natürlich konnte das Kind nicht nach Hause und die Eltern konnten nicht dableiben, da zu Hause weitere Kinder auf sie warteten. In solchen Situationen wird das Krankenhauspersonal dann ein bisschen zur Ersatzfamilie. Das können schöne Momente sein, denn man erhält von den Kindern viel zurück. Und wenn man dann trotz dieser schwierigen Situation ein Leuchten in den Augen der Kinder sieht, dann weiss man, dass man seine Arbeit gut gemacht hat.

Also nichts, was Sie an diesen Tagen mehr belastet als sonst?
Doch, leider gibt es das auch. Die Festtage haben bekanntlich das Potenzial, bereits schwelende Konflikte innerhalb der Familien noch zu verstärken. Wenn dann Kinder zu uns aufgrund von Misshandlungen oder Übergriffen kommen und wir im schlimmsten Fall sogar die Behörden einschalten müssen, so ist dies schon sehr belastend. Leider kommen solche Sachen auch hier im Oberwallis vor.

Kommen wir zurück zum Heiligabend. Wie läuft der im Spital ab?
Am späteren Nachmittag findet jeweils die Bescherung statt. Die Kinder bekommen ihre Geschenke und ein paar Süssigkeiten. Natürlich liegt auch ein Geschenk vom Spital unter dem Weihnachtsbaum. Allerdings können wir keine gemeinsame Feier für die ganze Abteilung machen. Aus infektiologischen Gründen ist das nicht möglich. Auch an Weihnachten steht die Gesundheit im Vordergrund. Die Kinder feiern also zusammen mit ihren Angehörigen in ihren Zimmern. Dabei sprechen wir uns natürlich mit den Eltern ab, wie und wann unser Beitrag erwünscht ist. Weihnachten auf der Kinderstation ist eine sehr massgeschneiderte Sache.

Süssigkeiten sind an Weihnachten sehr wichtig. Müssen Sie manchmal einem Kind diese aus medizinischen Gründen verwehren?
Es gibt Patienten, zum Beispiel mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, die eine strikte Diät brauchen. In solchen Fällen müssen wir in der Tat manchmal «Nein» sagen. Die Kunst ist aber, diesen Kindern einen Ersatz zu bieten. Zum Beispiel halten wir die Eltern solcher Kinder an, stattdessen ein Buch oder ein Spielzeug mitzubringen.

Stichwort Geschenke. Gibt es solche, die sich besonders gut für ein Kind im Spital eignen?
Das sind sicher solche Geschenke, die auch ein gemeinsames «Zeit-miteinander-Verbringen» beinhalten. Man sollte nicht nur ein Buch schenken, sondern sich die Zeit nehmen, dem Kind anschliessend daraus vorzulesen. Diese gemeinsam verbrachte Zeit ist für das Kind sicher wertvoller als irgendein riesiges Geschenk, mit dem sich das Kind aber alleine beschäftigen muss.

An Weihnachten dürfen Ihre Patienten sich auch etwas zu essen wünschen. Was ist der Renner auf der Kinderstation?
Chicken Nuggets mit Pommes frites kommen immer gut an. Viele Kinder würden auch gerne ein Fondue chinoise essen, doch das ist leider nicht möglich. Fast gar nicht nachgefragt wird hingegen Filet im Teig (lacht).

Werden Sie auch danach gefragt, ob es das Christkind wirklich gibt?
Es ist ja bekannt, dass Kinder direkte Fragen stellen. Daher kommt es schon einmal vor, dass uns solche Fragen gestellt werden.

Und was antworten Sie?
Manchmal muss man antworten, ohne direkt zu antworten. Einerseits wollen wir natürlich den Zauber von Weihnachten nicht zerstören, andererseits die Kinder auch nicht anlügen. Ich würde daher nie sagen: «Ich habe das Christkind gerade vorher noch gesehen.» Bei solchen Fragen ist Fingerspitzengefühl gefragt, man muss herausfinden, was das Kind für eine Antwort erwartet. Ich denke aber, dass wir hier auf der Kinderstation sensibel genug sind, um mit solchen Situationen umzugehen. Auch wenn jemand nicht mehr direkt ans Christkind glaubt, versuchen wir die Kraft und das Licht von Weihnachten hochzuhalten, übrigens auch für die Erwachsenen.

Kann das Weihnachtsfest den Kindern helfen, schneller gesund zu werden?
Die Frage «Kann ich am 24. Dezember nach Hause gehen?» kann in der Tat ein grosser Motivationsfaktor sein. Wenn wir Kinder ein paar Tage vor Weihnachten aufnehmen müssen und es gewisse Ziele zu erreichen gilt, zum Beispiel genug zu trinken oder zu essen, merkt man schon, dass die Kinder dadurch motiviert werden. Ich will nicht sagen, dass ich mir wünsche, es wäre immer Weihnachten, dann ginge der Effekt nämlich verloren, aber es ist schon so, dass wir dank der Motivation der Kinder, aber auch der der Eltern, die Patienten vor dem Fest oft schneller entlassen können, als es während des Jahres der Fall ist.

Schnelles Entlassen liegt dabei auch grundsätzlich im Trend.
In der Tat hat sich in der Pädiatrie, aber auch sonst die Philosophie durchgesetzt, dass die Patienten sich zu Hause am besten erholen. Die Station kann noch so schön dekoriert sein, das Essen noch so gut, jedes Kind ist an Weihnachten am liebsten zu Hause. Dieser Tatsache hat man in den letzten Jahren zunehmend stark Rechnung getragen, wodurch heutzutage in allen Kinderspitälern weniger Kinder Weihnachten feiern müssen, als es früher der Fall war.

Welche Tipps haben Sie für Eltern, deren Kind an Weihnachten im Spital sein muss?
Wichtig ist, dass die Eltern authentisch sind und auch zu ihren Emotionen stehen. Das heisst, dass sie dem Kind auch sagen können, «das ist eine traurige Sache», und nicht künstlich gute Miene zum bösen Spiel machen. Dann halte ich es auch für zentral, dem Kind zu erklären, dass es trotzdem nicht alleine ist. Jemand von der Familie ist bei ihm und das Pflegepersonal und die Ärzteschaft feiert mit ihm zusammen Weihnachten. Ganz wichtig ist zudem, dass, wenn das Kind dann entlassen wird, Weihnachten daheim nachgefeiert wird. Die Vorfreude darauf ist für die Kinder Lebenselixier.

Martin Meul

Artikel

Infos

Vorname Fluri
Name Simon
Geburtsdatum 1. Mai 1973
Familie verheiratet, ein Kind unterwegs
Beruf Pädiater
Funktion Leiter Pädiatrie am Spitalzentrum Oberwallis
Hobbies Joggen, Reisen, Kochen, Skitouren
Weihnachten auf der Kinderstation ist besonders stressig. Nein
Das Personal ist für die Kinder an Weihnachten eine Ersatzfamilie. Ja
Die Eltern bringen zu viele Geschenke mit ins Spital. Joker
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

Artikel

Kommentare

Noch kein Kommentar

Kommentar

schreiben

Loggen Sie sich ein, um Kommentare schreiben zu können.

zum Login

Artikel

Empfehlungen

In der aktuellen RZ

Oberwalliser Baby-Galerie

Milea NellenLorena GitzDavid Bregamo
zur Baby-Galerie

1815.märt - Jetzt inserieren

Hier können Sie Ihre Inserate direkt, günstig und flexibel im Walliser Bote und der Rhone Zeitung aufgeben.

Sitemap

Impressum

MENGIS GRUPPE

Pomonastrasse 12
3930 Visp
Tel. +41 (0)27 948 30 30
Fax. +41 (0)27 948 30 31