Oberwallis | Frontalinterview mit Augusta Theler

«Ein Kaiserschnitt ist für mich die letzte Option»

Augusta Theler hört mit dem Pinard die Herztöne des Babys ab.
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Augusta Theler hört mit dem Pinard die Herztöne des Babys ab.
Foto: zvg

Augusta Theler arbeitet als Hebamme im Spital Thun.
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Augusta Theler arbeitet als Hebamme im Spital Thun.
Foto: Gaëtan Bally

Quelle: RZ 0

Unterwegs in zwei Welten: Augusta Theler (52) arbeitet als Hebamme im Spital Thun. Daneben leistet sie für Hilfsorganisationen wie das Schweizerische Rote Kreuz immer wieder Einsätze in Krisen­gebieten auf der ganzen Welt.

Frau Theler, Sie arbeiten nicht nur in der Schweiz, sondern haben schon Einsätze in Eritrea, Kamerun, Tschad, Haiti und Nepal hinter sich. Woher kommt dieses humanitäre Engagement?

Mein Mann ist Tropen- und Allgemeinmediziner und war selber in zahlreichen Krisengebieten dieser Welt im Einsatz. Er hat mir viel von seiner Arbeit dort erzählt. So reifte in mir der Entschluss, dies auch zu tun. Meinen ersten Einsatz leistete ich 2004 als Freiwillige in einem Landspital in Eritrea.

Wo war es besonders schlimm?

Das Volk in Haiti wird immer wieder von Kata­s­trophen heimgesucht. Hurricans, Erdbeben, politische Unruhen – das Land ist am Boden, und dies sieht man den Menschen auch an. Viele haben alles verloren und sich in ihr Schicksal ergeben. Es ist hart dort. Schiessereien, Vergewaltigungen und Überfälle stehen an der Tagesordnung. Ich habe dort im Feldspital schlimmste Verletzungen gesehen, die durch Macheten zugefügt wurden. So was vergisst man nicht.

Haben Sie nie Angst um Ihre persönliche Sicherheit?

Ein Risiko besteht immer, das ist so. Kürzlich wurde jemand aus unserem Freundeskreis entführt. Wir werden vom Roten Kreuz entsprechend geschult und sind auch klar als Mitarbeiter gekennzeichnet. Im Feldspital wurden wir von Securitas-Leuten bewacht. Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es aber nicht.

In Nepal ging es nach dem Erdbeben fried­licher zu und her.

Ja, in Nepal waren die Menschen auch viel aktiver, haben ganz schnell wieder mit den Aufräumarbeiten angefangen. Speziell ist, dass in der gebirgigen Gegend dort die schwangeren Frauen in «Tschifre» ins Feldspital transportiert werden. Eine Familie dort hat nach der von mir assistierten Geburt ihr Kind nach mir benannt. Es gibt jetzt eine kleine Nepalesin, die Augusta Sherpa heisst.

Sie selbst haben keine eigenen Kinder. Ist dies nicht ein Nachteil als Hebamme?

Da ich keine eigenen Kinder habe, besitze ich keine persönliche Geburtsgeschichte. Diese könnte aber auch eine Belastung sein. Ich glaube nicht, dass es für meine Arbeit ein Nachteil ist, keine eigenen Kinder zu haben. Mein Mann brachte als Witwer zwei Kinder im Schulalter in die Beziehung mit. So habe ich zwar nicht selber geboren, aber auch Kinder grossgezogen.

Gerade in Entwicklungsländern ist die ­Kindersterblichkeit nach wie vor ein Problem.

Kinder unter fünf Jahren sind am gefährdetsten. Besonders in Haiti leiden viele Frauen unter den Folgen einer jahrelangen Mangelernährung und entwickeln während der Schwangerschaft Komplikationen. Dazu kommt die mangelhafte Hygiene, der Stressfaktor wegen der Naturkatastrophen und der Gewalt. In Kamerun, um ein anderes Beispiel anzuführen, haben die Frauen die Pulvermilch entdeckt. Nicht gestillte Kinder sterben häufig. Das verunreinigte Wasser kann wegen Holzmangel oft nicht abgekocht werden. Das Milchpulver wird gestreckt, weil nicht nur dem Baby davon gegeben wird, sondern sich die ganze Familie von Pulvermilch ernährt. Das Neugeborene leidet an Durchfall. Ein anderer Risikofaktor sind die vielen Geburten. Frauen, die häufig und in kürzeren Zeitabständen gebären, sind vermehrt gefährdet für Nachblutungen, die tödlich enden können.

Hebamme ist für Sie nicht bloss Beruf, ­sondern Berufung. Was fasziniert Sie daran?

Die Frauen ganz früh abzuholen und während der gesamten Schwangerschaft zu begleiten, ist manchmal eine schwierige, aber schöne Aufgabe. Man beginnt seinen Dienst und weiss nicht, was einen erwartet. Jede Geburt ist etwas Einmaliges. Ich empfinde es als riesiges Geschenk, dieses Wunder immer wieder erleben zu dürfen.

Und wie ist es in einem Katastrophengebiet im Ausland?

Die Arbeit im Ausland ist eine Herausforderung, da oft die gesamte lokale medizinische Infrastruktur zerstört ist. Ich arbeite mit einfachsten Hilfsmitteln wie dem Pinard (Hörrohr), muss viel mehr meine Sinne gebrauchen und mich auf meine Intuition sowie mein Hebammenwissen verlassen. Gerade in einer von Krieg oder Umweltkatastrophen versehrten Gegend sind Geburten Lichtblicke, ein Trost in schwieriger Zeit. Mit jedem Neugeborenen kehrt ein Stück Hoffnung zurück.

Sie sind ja erblich vorbelastet. Schon Ihre Grossmutter und Ihre Firmgotte hatten als Hebammen gearbeitet.

Der Gemeinderat von Ausserberg hatte meine Grossmutter Anfang des letzten Jahrhunderts auserwählt, die Hebammenschule in Sitten zu absolvieren. Ich hatte immer grosse Achtung vor ihr. Zusammen mit dem Pfarrer war die Hebamme damals die Vertrauensperson im Dorf gewesen. Auch meine Firmgotte Hilda als Spitalhebamme war für mich ein Vorbild.

Wenn Sie einen Vergleich anstellen: Die Hebammenarbeit Ihrer Grossmutter im Wallis oder Ihre Arbeit in einem Katastrophengebiet, welche Bedingungen sind schwieriger?

Auch wenn wir im Ausland arbeiten, so haben wir doch immer Ärzte an unserer Seite. Dies war früher ganz anders. Meine Grossmutter war ganz auf sich allein gestellt. Der nächste Arzt war vielleicht zwei Stunden Fussmarsch entfernt. Dazu musste sie bei jedem Wetter ausrücken – oft auch mitten in der Nacht; im Winter bei Schnee. Manchmal war sie stundenlang zu Fuss unterwegs, bis sie bei der Gebärenden eintraf. Sie hatte natürlich auch viel weniger Medikamente zur Verfügung als wir heute. Ich weiss von einer Geburt: Das Kind war da, aber die Mutter hatte starke Blutungen und ist unter den Händen meiner Grossmutter verblutet. Dieses Erlebnis hat sie nie mehr losgelassen.

Wie viele Geburten haben Sie schon erlebt?

Für eine Geburtshelferin ist es nicht ausschlaggebend, bei wie vielen Geburten sie schon assistiert hat. Eine kompetente Hebamme ist empathisch. Sie geht auf die Bedürfnisse der Frauen ein und nimmt sich selber zurück. Viel wissen, damit man wenig intervenieren muss, ist die Devise. Man soll den Dingen ihren Lauf lassen. Hierzulande verlaufen 97 Prozent der Geburten komplikationslos.

Obwohl die meisten Geburten reibungslos verlaufen, ist die Kaiserschnittrate stark angestiegen. Mehr als ein Drittel aller Spitalgeburten sind Kaiserschnitte: Wie stehen Sie dazu?

Für mich sind Kaiserschnitte die letzte Option. Frauen haben Angst und wollen deshalb einen Wunschkaiserschnitt, also ohne medizinische Indikation. Unsere Aufgabe ist es, diese Frauen gut über die Vor- und Nachteile eines Kaiserschnitts aufzuklären und ihnen auch Alternativen aufzuzeigen. Etwa eine Periduralanästhesie, das heisst eine Teilnarkose. Man darf nicht vergessen: Ein Kaiserschnitt ist und bleibt eine Operation mit den entsprechenden Risiken. So hat beispielsweise das Kind ein erhöhtes Risiko für ein Atemnotsyndrom.

Bei uns ist es üblich, dass der Vater bei der Geburt seines Kindes anwesend ist. Was sagen Sie zu Männern, welche die Geburt ihres Kindes nicht «live» miterleben möchten?

Hierzulande ist ein gesellschaftlicher Druck vorhanden, dass der werdende Vater bei der Geburt seines Kindes dabei sein sollte. Ich akzeptiere aber auch andere, vielleicht kulturbedingte Entscheide des werdenden Elternpaares.

Sie sind einer «Emergency Unit» zugeteilt, ­einer Art Pool von Einsatzhilfskräften, wenn es irgendwo auf der Welt wieder «brennt». Ist ein neuer Einsatz geplant?

Rund 400 000 Rohingya-Flüchtlinge sind aus Myanmar (Birma) nach Bangladesch geflohen. Norwegen hat dort jetzt ein Feldspital errichtet und sucht medizinisches Personal. Meine Auslandseinsätze von maximal vier Wochen muss ich natürlich immer mit meinem Arbeitgeber, dem Spital Thun, abstimmen.

Als Hebamme pendeln Sie zwischen zwei ­Welten. Ihre Geschichte kann man jetzt in ­«Mit dem Hebammenkoffer um die Welt» ­nachlesen. Wie kam es zu diesem Buch?

Rebekka Hafeli machte mit mir im Schweizer Radio ein Interview. Die Journalistin war fasziniert, wie vielseitig meine Arbeit als Hebamme ist und sagte mir: «Ich will über Sie und die Geschichte des Hebammenberufs ein Buch schreiben». Übrigens, das Buchprojekt war wie eine Schwangerschaft. Es dauerte neun Monate, bis das «Baby» auf der Welt war. Jetzt freue ich mich, in BergBuchBrig das Werk vorstellen zu dürfen.

Und den Hebammenkoffer gibt es wirklich?

Ja natürlich. Ich bin auch freischaffende Hebamme und betreue hier vor allem auch Flüchtlingsfrauen nach der Geburt bei ihnen zu Hause. Den Hebammenkoffer habe ich immer dabei.

Sie haben sich seinerzeit auf die Suche nach dem Hebammenkoffer Ihrer Grossmutter ­gemacht...

...und ihn nicht gefunden. Von meiner Tante habe ich dann erfahren, dass meine Grossmutter ihren Hebammenkoffer verbrannt hat. Mit 68 Jahren trat sie in den Ruhestand. Diesen Entscheid wollte sie symbolhaft unterstreichen, indem sie ihren Hebammenkoffer im Giltsteinofen verbrannte.

Und Sie werden es dereinst auch so machen?

Darüber mache ich mir noch keine Gedanken, da ich hoffe, meinen geliebten Beruf noch lange ausüben zu dürfen.

Frank O. Salzgeber

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Infos

Zur Person

Vorname Augusta 
Name Theler
Geburtsdatum 6. Februar 1965
Familie verheiratet
Beruf MPA und Hebamme
Hobbies Fotografie, Reben, Kultur, Wandern, Skifahren

Nachgehakt

Weltweit sterben immer noch zu viele 
Frauen an den Folgen einer Geburt.
Ja
Die Schweiz soll sich stärker in der ­Entwicklungshilfe engagieren. Ja
Würden statt der Frauen die Männer die Kinder gebären, wäre die Menschheit schon längstens ausgestorben. Joker
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

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