Frontal | Gerd Zengaffinen und Philipp Truffer

«Ereignisse mit Kindern sind besonders schlimm»

Gerd Zengaffinen (l.) und Philipp Truffer.
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Gerd Zengaffinen (l.) und Philipp Truffer.
Foto: zvg

Quelle: RZ 0

Polizisten müssen täglich damit rechnen, mit Unfällen oder Verbrechen konfrontiert zu werden. Gerd Zengaffinen (51) und Philipp Truffer (50) reden darüber, wie sie damit umgehen und trotzdem ein ausgeglichenes Privat- und Familienleben führen können.

Wenn Sie frühmorgens nach dem Aufwachen am Radio schlechte Nachrichten hören, nehmen Sie als Polizist diese anders wahr als andere Menschen?
Philipp Truffer: Ich höre morgens gar kein Radio. Erst im Büro schalte ich das Radio an, bekomme aber zunächst nur oberflächlich mit, was in der Welt so abläuft. Falls man etwas hört, in das die Polizei involviert ist, wie zum Beispiel der Fall in Graubünden (Bondo), hört man aber genau hin und macht sich Gedanken, wie wir wohl damit umgegangen wären und was die Kollegen dort nun ertragen.

Sie gehen somit völlig unbelastet zur Arbeit, ohne zu wissen, was heute auf Sie zukommt?
Philipp Truffer: Man weiss schon in etwa, was auf einen zukommt, man kennt ja die normalen Arbeitsabläufe. Aber es kann vorkommen, dass ein Mitarbeiter während der Nachtschicht etwas erlebt hat, das wir anpacken müssen, manchmal auch Unangenehmes.

Muss man als Kantonspolizist immer rund um die Uhr erreichbar sein?
Gerd Zengaffinen: Es kann vorkommen, dass der Kommandant bei einem Grossereignis entscheidet, das gesamte Korps zu mobilisieren. Etwa bei einer Naturkatastrophe oder wenn nach einem Verbrechen eine Grossfahndung ausgelöst wird. Dann erhält jeder Polizist über sein Natel eine Mitteilung, was passiert ist, und die Aufforderung, sich zu melden. Dann ist jeder gefragt, der nicht gerade auf einem Berggipfel hockt oder im Ausland in den Ferien ist.

Wie geht Ihre Familie damit um, dass Sie praktisch jederzeit aufgeboten werden können?
Philipp Truffer: Ich glaube, die Familie geht gut damit um. Sie weiss, dass das alle Blaulicht-Organisationen in etwa gleich betrifft.

Dürfen Sie nie mehr als ein Glas Alkohol trinken, weil Sie jederzeit damit rechnen müssen, aufgeboten zu werden?
Philipp Truffer: Doch. Wenn ich bei einem Fest bin und Alkohol getrunken habe, kann ich auch bei einer unerwarteten Mobilisierung zurückmelden, dass ich nicht einrücken kann.
Zengaffinen: Wenn jemand offiziell Pikettdienst hat, gilt 0,0 Promille, sonst gibt es kein offizielles Limit. Aber es ist klar, dass ein Polizist eine gewisse Vorbildfunktion hat und sich dementsprechend verhalten sollte.

Als Polizist erlebt man viel Schlimmes. Was ist für Sie das Schlimmste, das Sie erlebt haben?
Gerd Zengaffinen: Die schlimmsten Erlebnisse haben in der Regel mit Kindern zu tun. Das bestätigen auch andere. Das ist auch mein schlimmstes Erlebnis, als ein sechsjähriger Junge ums Leben gekommen ist, den wir bergen mussten und den ich selbst auf meinen Armen getragen habe. Ich bin seit 30 Jahren bei der Kantonspolizei, habe viele schlimme Sachen wieder vergessen oder eher ins Unterbewusstsein verdrängt, aber ein tragisches Ereignis mit einem Kind kommt immer wieder an die Oberfläche, besonders wenn man selbst Vater ist.
Philipp Truffer: Alles, was ins Emotionale geht, belastet stark. Wenn man Todesnachrichten von Leuten überbringen muss, mit denen man selbst befreundet war, wenn man einer Frau und ihren Kindern mitteilen muss, dass ihr Mann oder Vater ums Leben gekommen ist, geht das ans Lebendige.

Wie lernt man damit umzugehen?
Philipp Truffer: Heute werden neue Polizisten 80 bis 90 Stunden lang in Psychologie unterrichtet. Früher war das nicht der Fall. Wir sind einfach in solche Situationen geraten und mussten das dann irgendwie managen. Aber mit den Jahren eignet sich das jeder an.
Gerd Zengaffinen: Todesnachrichten zu überbringen ist in der Regel Sache des Kaders, aber nicht, weil wir weniger sensibel oder härter sind. Mit den Jahren kommt die Reife und Erfahrung, um mit solchen Aufgaben umgehen zu können, wobei man überhaupt nicht davor gefeit ist, dass solche Einsätze einem selbst nahegehen.

Wie gehen Sie mit Verbrechen um?
Gerd Zengaffinen: Ein Verbrechen gegen Leib und Leben hat eine ganz andere Dimension. Bei einem Unfall ist, selbst wenn ein Fehler passiert ist, irgendwo auch Schicksal dabei. Niemand verunfallt absichtlich. Aber bei einem Verbrechen fügt jemand einem anderen willentlich einen schweren Schaden zu.

Sind denn alle, die ein Verbrechen begehen, automatisch kriminell, oder kann eine Tat nicht auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit sein?
Philipp Truffer: In einer ersten Phase können wir uns keine Gedanken machen, aus welchem Grund ein Täter etwas gemacht hat. Wir müssen den Tatbestand aufnehmen, Spuren sichern und alles sachlich zusammentragen, was später hilft, ein Urteil zu fällen. Im Nachhinein wird manches vielleicht klar, trotzdem bleibt die Frage, ob es jemandem das Recht gibt, so zu handeln.

Was aber, wenn Sie sich anhören müssen, wie ein Täter vielleicht aus Verzweiflung falsch gehandelt hat?
Gerd Zengaffinen: Die Kantonspolizei urteilt nicht, sondern ermittelt unvoreingenommen den Sachverhalt, um der Staatsanwaltschaft alle Fakten zu liefern. Ob für die Tat schliesslich mildernde Umstände zum Tragen kommen, beurteilt ein Gericht. Eine Handlung aus Notwehr oder Notstand kann ein Rechtfertigungsgrund sein, sofern die Handlung verhältnismässig ausgefallen ist.

Sie müssen sicher auch darüber reden können.
Philipp Truffer: Es ist wichtig, dass man reden kann. Aber wenn man 10, 15 Jahre täglich acht Stunden zusammen im Dienstauto unterwegs ist, entwickelt sich automatisch eine Verbindung zueinander. Da redet man auch über private Sorgen, nicht nur berufliche.
Gerd Zengaffinen: Jeder hat so seine Bezugspersonen. Man kennt sich, hat Verständnis füreinander, weil man dieselbe Arbeit macht und weiss, dass jeder mal drankommt.

Sie reden untereinander, aber wohl kaum zu Hause mit Ihrer Familie?
Gerd Zengaffinen: Zu Hause ist es klar, dass man aufgrund des Amtsgeheimnisses nicht über Details spricht. Man will auch die Belastung nicht in die Familie hineinbringen. Ich sage vielleicht mal, dass wieder jemand am Berg abgestürzt ist – aber weder Namen noch Einzelheiten.

Kann man denn, wenn etwas Schlimmes passiert ist, Feierabend machen, nach Hause gehen und abschalten, ohne dass die Familie etwas davon spürt?
Philipp Truffer: Eine Frau, mit der man 15 Jahre verheiratet ist, merkt, dass etwas nicht gut ist. Sie spürt aber auch, wenn ich nicht reden, sondern mich lieber anders beschäftigen möchte, um etwas zu verarbeiten.
Andere Kantone haben Polizeipsychologen, um Polizisten zu helfen, gewisse Dinge zu verarbeiten. Das Wallis nicht.

Warum nicht?
Philipp Truffer: Dafür wurde im Wallis schon 1999 die Debrieferzelle gegründet.

Was versteht man darunter?
Philipp Truffer: Ein Debriefing ist die Aufarbeitung von einem Ereignis auf emotionaler Ebene und in einem geführten Gespräch mit einem nicht in das Ereignis involvierten Polizisten. Der Debriefer wurde speziell geschult, ist aber ein Polizist, der weiss, wovon man redet. Wer will, kann die Debrieferzelle anrufen und wählen, mit wem er ein Gespräch führen möchte. Es werden keine Aktennotizen gemacht, man bestimmt auch einen neutralen Ort. Bei Gruppengesprächen kann man auf Mandatsebene auch einen Psychologen beiziehen. Bei psychisch schwer belastenden Ereignissen, etwa einem Totschlag, bei häuslicher Gewalt oder wenn Kinder involviert sind, nimmt die Debrieferzelle in der Regel auch unverbindlich mit dem Agenten Kontakt auf und bietet ein Gespräch an.
Gerd Zengaffinen: Die Möglichkeit eines Debriefings besteht zwar, aber meist reden und verarbeiten die Polizisten das untereinander. Als Polizist kann man nicht bei jedem Ereignis in eine Krise fallen, sonst wäre man im falschen Beruf.
Philipp Truffer: Ein Ereignis allein löst vielleicht noch nichts aus, aber wer innert dreier Monate, übertrieben gesagt, 25 Todesnachrichten überbringen muss und vielleicht auch noch privat das Messer am Hals hat, kann schon mal so weit kommen, dass er Hilfe benötigt.

Welche positiven Seiten hat Ihr Beruf?
Philipp Truffer: Es ist schön, wenn man jemandem zur Seite stehen kann und wenn man als Mensch wahrgenommen wird, nicht als böser Polizist, der Bussen verteilt. Ich muss immer den Kopf schütteln, wenn mir eine Mutter mit einem Kind begegnet, das nicht gehorcht und sie zu ihm sagt: «Wenn du nicht lieb bist, nimmt dich der Polizist mit.» Das ist ein falsches Bild von der Polizei, und ich habe zu solchen Müttern schon gesagt, dass es nicht stimmt, was sie da sagen.
Gerd Zengaffinen: Die Geschichte mit der Frau und ihrem Kind, meistens Kleinkinder, erlebe ich auch des Öfteren. Ich knie mich dann nieder, sodass ich mit dem Kind auf Augenhöhe bin, und erkläre diesem, dass ich kein böser Mann bin. Danach sage ich auch der Mutter, dass sie ein ganz falsches Bild vermittelt, wenn sie versucht, mit dieser Drohung ein Kind zu erziehen. Die Bevölkerung muss unbedingt wissen, dass die Walliser Kantonspolizei in der Gesellschaft keinen anonymen Fremdkörper darstellen will, wie es in gewissen Ländern oder teilweise auch in einzelnen Grossstädten der Fall ist. Grundsätzlich sind wir zum Schutz der Bevölkerung und für ihre Sicher-
heit da. Dazu gehört halt auch, die Einhaltung der Gesetze zu kontrollieren. Da hilft ein erbauliches Gespräch mit einem Mitmenschen oft über die Schattenseiten des Berufes hinweg.

Christian Zufferey

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Infos

Vorname Philipp
Name Truffer
Geburtsdatum 16. November 1967
Familie verheiratet, drei Kinder
Beruf Polizist (Feldweibel)
Funktion Chef der Gruppenchefs in der mobilen Gendarmerie
Hobbies Familie, Fussball, Curling, Motorrad
Vorname Gerd
Name Zengaffinen
Geburtsdatum 29. Dezember 1966
Familie geschieden, zwei Kinder
Beruf Polizist (Leutnant)
Funktion Kreischef Gendarmerie Kreis I (Oberwallis)
Hobbies Wandern, Geschichte, altes Werkzeug, Sport

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