Frontal | Beat Perren, Gründer der Air Zermatt

«Im ersten Jahr hatten wir 98 Rettungseinsätze»

Beat Perren: «Ich war Retter, Flughelfer und Einsatzleiter.»
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Beat Perren: «Ich war Retter, Flughelfer und Einsatzleiter.»
Foto: RZ

Beat Perren: «Gegen den Heliport gab es grossen Widerstand.»
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Beat Perren: «Gegen den Heliport gab es grossen Widerstand.»
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Quelle: RZ 0

Er gilt als Gründer und Vater der Air Zermatt, die dieses Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Beat Perren (89) über die Anfänge und Bedeutung des Helikopter-Unternehmens.

Herr Perren, feiern Sie gerne Geburtstage?
Jein. Es ist interessant, am Geburtstag zurückzuschauen und auch ein bisschen über die Zukunft zu sinnieren. Das macht Geburtstage speziell.

Ihr Unternehmen, die Air Zermatt, feiert am Wochenende vom 19. und 20. Mai 2018 das 50-jährige Bestehen. Was geht Ihnen zum runden Jubiläum durch den Kopf?
Das Jubiläum erfüllt mich mit Stolz, weil wir viel erreicht haben. Ich empfinde aber auch Dank gegenüber den Mitarbeitenden, die wertvolle Arbeit leisten und sich für das Unternehmen einsetzen.

Erinnern wir uns an die Anfänge: Noch bevor Sie das Helikopter-Unternehmen gründeten, haben Sie als Gemeinderat in den 1960er-Jahren die erste Ambulanz in Zermatt angeschafft. Was hat Sie dazu bewogen?
Die Strasse von Zaniglas nach Zermatt war dazumal mehr oder weniger ein Spazierweg (lacht). Sie war nicht asphaltiert und es gab viele Schlaglöcher. Im Winter war die Strasse überdies sehr oft geschlossen. Die verletzten und kranken Personen wurden dann auf eine Militärbahre gehievt und mit dem Postwagen der damaligen BVZ talauswärts gefahren. Der Pöstler hat dann an jeder Station die Schiebetüre des Wagens geöffnet und die Post ausgegeben oder in Empfang genommen und der Patient lag neben den Postsäcken. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Zermatt hatte schon damals über eine Million Logiernächte und darum war es dringend nötig, den Krankentransport zu modernisieren. Auch die Bergrettung war noch in den Kinderschuhen. Zusammen mit dem damaligen Kur­direktor Constant Cachin suchte ich nach Lösungen und habe schliesslich für die Gemeinde die erste Ambulanz angeschafft.

Der nächste Schritt war die Gründung eines Helikopter-Unternehmens. Der Bau des Heliports im Dorf war allerdings umstritten. Erinnern Sie sich noch an die hitzige Orientierungsversammlung?
1956 hat der Konsumverein der Rettungsflugwacht um Hermann Geiger einen Helikopter geschenkt, der in Sitten stationiert wurde. Das brachte uns auf die Idee, auch in Zermatt eine professionelle Luftrettung auf die Beine zu stellen. Vor allem während der Nacht konnte man mit der Bahn keinen Personentransport gewährleisten, was zur Folge hatte, dass kranke oder verletzte Personen im wörtlichen Sinne auf der Strecke blieben. Darum wollten wir mit der Anschaffung eines Helikopters die Rettung verbessern. Gegen die Schaffung eines Heliports gab es eine starke Opposition im Dorf. Sogar Unterschriften wurden gesammelt. An der Orientierungsversammlung konnten wir das Blatt aber zugunsten der Air Zermatt wenden. Nachdem wir unsere Beweggründe für den Heliport dargelegt hatten, haben zwei Drittel der Anwesenden die Notwendigkeit erkannt und dafür gestimmt.

Schliesslich haben Sie den ersten Helikopter angeschafft, noch bevor es einen Hangar gab …
Wir haben daraufhin ein Initiativkomitee geschaffen und den ersten Helikopter bestellt. Der kostete damals rund 450 000 Franken. Einen Drittel davon mussten wir als Anzahlung leisten. Als der Helikopter dann eingetroffen ist, mussten wir ihn vorübergehend im Täschsand stationieren, weil wir noch keinen Einstellplatz hatten. Viel später, nachdem wir einen eigenen Heliport in Zermatt hatten, wurde die Baracke im Täschsand dann von einer Lawine weggefegt.

Sie waren nicht nur Initiant, sondern standen auch als Rettungshelfer im Einsatz. Hatten Sie keine Angst?
Doch, ich hatte Angst. Die ersten Flüge waren abenteuerlich. Aber letztlich blieb mir nichts anders übrig, als mitzuhelfen. Ich habe sowohl als Flughelfer, Retter und Einsatzleiter gearbeitet. Neben dem Bett und dem Telefon stand mein grosses Funkgerät, nicht vergleichbar mit den heutigen kleinen und modernen Einsatzgeräten. Damit habe ich die Einsätze koordiniert. Mit der Zeit bin ich in diese Rolle hineingewachsen. Ich hatte auch einen sehr guten Kontakt zu Fritz Bühler, dem Präsidenten der Schweizerischen Rettungsflugwacht. Darum haben wir von der Air Zermatt auch mitgeholfen, die Rettungsflugwacht aufzubauen und sind Einsätze im ganzen Alpenraum geflogen, vor allem im Berner Oberland, im Tessin und im Kanton Uri. Allein im ersten Jahr hatten wir 98 Rettungseinsätze.

Mit der Zeit wurden die Einsätze immer koordinierter und die Rettungstechnik immer ausgefeilter.
1969 haben wir eine Alouette III gekauft. Das war die erste Maschine, die mit einer Rettungswinde ausgerüstet war. Mit diesem Hubschrauber haben wir Rettungsgeschichte geschrieben und die ersten Personen aus der Eigernordwand gerettet. Das war für damalige Verhältnisse eine unglaubliche Leistung und hat ein grosses Echo ausgelöst. Wir wurden dafür 1971 mit dem Heroism Award ausgezeichnet. Später folgten dann die ersten Nachtrettungen.

Die nicht ganz einfach waren …
Das Problem war vor allem die Beleuchtung. Anfänglich behalfen wir uns mit einem Handscheinwerfer, der von einem Generator im Skikorb gespiesen wurde. Später folgte die Anschaffung des für die damalige Zeit unglaublich starken Spectrolab-Scheinwerfers. Dieser war anfangs seitlich am Helikopter montiert. Das führte zu einem schweren Unfall am Weisshorn, weil der Scheinwerfer, der hinter dem Piloten angebracht war, diesen blendete. In der Folge haben wir dann die Scheinwerfer an der Helikopternase montiert und der Pilot konnte selbst die Scheinwerfer mit einem joystickartigen Knopf in die gewünschte Richtung bewegen und zoomen.

Sie waren oft als Bergretter unterwegs. So auch einmal für die Bergung eines Ratrac auf dem oberen Theodulgletscher. Erzählen Sie …
Der Unfall ereignete sich 1973. Nachdem eine Meldung eingegangen war, dass ein Alpinist in eine Gletscherspalte gefallen sei, hat sich eine Rettungspatrouille mit dem Ratrac auf den Weg gemacht, um den Verunfallten zu bergen. Der Mann, der die Rettungskräfte alarmiert hatte, fuhr dem Ratrac voraus, um sie an den Unfall­ort zu bringen. Plötzlich brach die Schneedecke ein und der Ratrac wurde vom Gletscher verschluckt. Als wir mit dem Rettungshelikopter eingetroffen sind, konnten wir mit den Bergführern die fünf verunfallten Personen aus 22 Metern Tiefe bergen. Eine davon war meine spätere Frau. Alle kamen mit leichten Verletzungen davon. Beim Unfall hatte sie die Wochenend-Einnahmen des Bergrestaurants bei sich, in dem sie immer arbeitete. Der Rucksack mit diesen Einnahmen blieb im Spalt zurück und konnte erst später durch Bergführer gefunden werden. Meine spätere Schwiegermutter hat dann das Geld an einem Wäscheseil zum Trocknen aufgehängt (lacht).

Waren immer genug Rettungskräfte vor Ort, um bei der Bergung mitzuhelfen?
Nein. Wenn ein Unfall passierte, musste zuerst Alarm geschlagen werden. Das war nicht ganz einfach, weil es damals noch weder tragbare Funkgeräte noch Handys gab. Darum musste ich im Dorf die Bergführer zusammentrommeln, damit sie bei der Bergrettung mithelfen konnten. Vor allem im Sommer waren viele gar nicht im Dorf. Ich erinnere mich noch gut, dass ich einmal ganz allein mit dem Piloten ausrücken musste, weil kein Bergführer auffindbar war. Also liess ich mich in die Matterhorn-Nordwand abseilen, um vier Personen zu retten.

Sie waren nicht nur politisch tätig, sondern haben auch die erste Kehrichtverbrennungsanlage im Wallis erstellt und sind sogar selbst mit dem Kehrichtentsorgungsfahrzeug gefahren. Wie kam es dazu?
Anfang der 1960er-Jahre wurde der ganze Abfall von Zermatt in der Vispe entsorgt. Auch die Schlachtabfälle. Auch wenn es viel weniger Abfall gab als heute, war das natürlich ein unhaltbarer Zustand. Darum beschloss der Gemeinderat, eine Kehrichtverbrennungsanlage zu bauen. Weiter wurde auch ein Kehrichtcamion angeschafft. Früher wurden die Abfälle noch mit dem Maultier und im Winter mit einem Schlitten gesammelt. Für die Verbrennungsanlage hatten verschiedene Anbieter ihre Vorschläge eingebracht. Wir haben uns für eine Anlage eines deutschen Herstellers entschieden, die jahrzehntelang einwandfrei funktionierte. Die Anlage kostete rund 800 000 Franken.

Sie selbst haben auch den Kehrichtcamion chauffiert …
Es blieb mir nichts anderes übrig. Wenn der Chauffeur, der in Täsch wohnte, im Winter ausgesperrt war, musste ich mich halt hinter das Lenkrad setzen. Auch beim Verbrennen des Kehrichts in der Anlage habe ich mitgeholfen. Damals wurden «Ochsnerkübel» und Papiersäcke zur Entsorgung eingesetzt. Diese sind immer wieder einmal aufgeplatzt. Darum habe ich mich auf die Suche nach einer besseren Lösung gemacht. Schliesslich habe ich in Rapperswil eine Firma gefunden, die für unsere Gemeinde schöne blaue Plastik-Kehrichtsäcke hergestellt hat.

Sie sind bald 90 Jahre alt, würden Sie heute wieder alles gleich machen?
Nein, natürlich nicht. Aber ich bereue nichts. Ich habe nie ein Verwaltungsratshonorar genommen und habe während der Arbeit immer viele Bilder gemacht, die die Presse bezahlt hat. So kamen über die Jahre rund 60 000 Franken zusammen. Mit diesem Geld haben wir unser erstes Nachtsichtgerät gekauft.

Auch im Jubiläumsjahr amten Sie immer noch als Verwaltungsratspräsident der Air Zermatt. Was wünschen Sie Ihrem Unternehmen für die nächsten 50 Jahre?
Ich werde an der Jubiläums-Generalversammlung mein Amt als Präsident an meinen Sohn weitergeben und wünsche mir, dass die Air Zermatt in meinem Sinne weitergeführt wird und sich in der Rettung so weiterspezialisiert wie bisher. Wir haben heute im Oberwallis ein Rettungswesen auf allerhöchstem Niveau und ich hoffe, dass das auch in Zukunft so bleibt. Vor allem wünsche ich der Air Zermatt eine unfall­freie Zukunft.

Walter Bellwald

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Infos

Vorname Beat Herbert
Name Perren
Geburtsdatum 16. Oktober 1929
Familie verheiratet, zwei Kinder
Beruf Apotheker
Funktion Verwaltungsratspräsident Air Zermatt
Hobbies Fotografieren, klassische Musik, Lesen
Ich bin für die Olympiakandidatur «Sion 2026». Joker
Zermatt sollte für die Bewohner eine wintersichere Zufahrt erhalten. Ja
Die Air Zermatt ist wichtiger als das Matterhorn. Nein
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

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