Frontalinterview | Ried-Brig / Bethlehem

«In Jerusalem wurden wir mit Steinen beworfen»

Brigitte Pfammatter.
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Brigitte Pfammatter.
Foto: RZ

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Quelle: RZ 9

Brigitte Pfammatter (24) arbeitete ein halbes Jahr für die Schweizer Organisation Horyzon in Palästina. Wie sie die Menschen vor Ort erlebte und mit der latenten Gefahr umging, erzählt sie im FrontalInterview.

Sie waren sechs Monate in Palästina. Jetzt sind Sie seit zwei Wochen wieder im Oberwallis. Haben Sie sich gut akklimatisiert?
(überlegt lange) Der Alltag hat mich schnell wieder eingeholt. Schon am ersten Tag nach meiner Ankunft hatte mein Freund ein Vorstellungsgespräch und zwei Tage später haben wir eine Wohnung besichtigt. Es war recht turbulent. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich zwischen den Stühlen sitze. Mit vielen Freunden und Bekannten, die ich in Palästina kennenlernte, kann ich aus verschiedenen Gründen keinen Kontakt aufnehmen. Diese Leute sind immer noch sehr präsent in meinem Kopf. Da schwingt auch eine gewisse Wehmut mit.

Im Oktober sind Sie nach Palästina gereist, um als Übersetzerin für die Schweizer Organisation Horyzon zu arbeiten. Was hat Sie dazu bewogen?
Vor zwei Jahren wurde ich auf den Konflikt zwischen Israeli und Palästinensern aufmerksam. Irgendetwas an diesem Konflikt hat mich tief berührt. Vor allem das Schicksal der Palästinenser hat mich unglaublich aufgewühlt und beschäftigt. Daraufhin sagte ich mir, ich muss etwas tun. Aber nicht nur der Konflikt an sich, auch die Kultur im Nahen Osten und der Islam haben mich fasziniert. Nach meinem Studienabschluss hatte ich auch das Bedürfnis, eine Auszeit zu nehmen. Darum habe ich mich an die Organisation Horyzon gewandt. Die haben mir dann ein Volontariat vermittelt und so bin ich nach Palästina gegangen.

Hatten Sie keine Bedenken, sich in einen Krisenherd zu begeben?
Nein, meine Bedenken sind schnell verflogen. Ich habe sofort gespürt, dass mich dieses Land und diese Menschen in den Bann ziehen. Ich wusste zwar, dass ich in diesem Konflikt sehr wenig bewegen kann, aber dennoch hat mich dieses Land und der politische Konflikt auf unerklärliche Weise interessiert.

Und die Gefahren haben Sie einfach ausgeblendet...
Sagen wir es so, die Gefahren sind überschaubar. Es ist ja nicht ein Kriegsschauplatz im eigentlichen Sinne. Es ist zwar eine stete militärische Besatzung durch die Israeli in Palästina, aber es fallen nicht jeden Tag Schüsse in Reichweite. Für mich war es auch wichtig, dass ich als Tourist nicht Zielscheibe im Konflikt bin. Dadurch ist das Risiko überschaubar.

Was für ein Bild haben Sie in Palästina angetroffen?
Mein erster Eindruck war gar nicht so, wie ich es mir eigentlich vorgestellt hatte. Das Leben in Bethlehem pulsiert, die Häuser sind intakt und auf den Strassen herrscht reger Verkehr. Erst bei näherem Hinsehen merkt man, dass die Menschen in Palästina unterdrückt werden.

Wie zeigt sich das?
Das zeigt sich vor allem darin, dass sie nicht die gleichen Rechte wie die Israeli haben, in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind und diskriminierende Handlungen erdulden müssen. So dürfen sie nicht einfach so nach Jerusalem, das nur knapp fünf Kilometer entfernt ist, einreisen. Das hat weniger mit Bürokratie zu tun, als mit unterschwelligem Terror und Machtausübung. Das bekommen die Menschen in Palästina oft zu spüren. Das ist vor allem dann heikel, wenn es um medizinische Angelegenheiten geht. Wenn beispielsweise eine schwangere Frau, die in den Wehen liegt, in ein Spital nach Jerusalem gebracht werden soll, kann sie nicht einfach hinüberfahren. Dafür muss sie zuerst den Checkpoint passieren. Es kommt nicht selten vor, dass eine Frau am Checkpoint festgehalten wird und so lange Abklärungen stattfinden, bis das Baby da ist. Aus diesem Grund gibt es sehr viele sogenannte Checkpoint-Babys.

«In Jerusalem gibt es viele sogenannte Checkpoint-Babys»

Können die Menschen in Betlehem nicht frühzeitig ein Gesuch um eine Einreise nach Jerusalem stellen?
Doch, natürlich. Aber dieses Prozedere zieht sich hin und wird oft unbegründet abgelehnt. Es gibt auch groteske Beispiele. Im Westjordanland gibt es viele Kinder, die sich regelmässig einer Dialyse unterziehen müssen, weil sie Nierenprobleme haben. Weil es hier aber kein einziges Spital gibt, das eine Dialyse machen kann, müssen diese Kinder nach Jerusalem fahren. Sie haben zwar mittlerweile eine Spezialerlaubnis, um nach Jerusalem einzureisen. Aber die Eltern dürfen nicht mit. Das heisst, auch kleine Kinder müssen ohne Begleitung der Eltern mit dem Spezialbus nach Jerusalem fahren und werden im Spital an eine «künstliche Niere» angeschlossen.

Beschreiben Sie uns den Alltag in Palästina. Wie haben Sie Land und Leute erlebt?
Das Leben in Palästina ist sehr sinnesreich und der Alltag auf den Strassen ist laut und emotional. Feine Gerüche von Gewürzen beherrschen den Markt, der das pulsierende Zentrum ist. Nachrichten über tägliche Zusammenstösse zwischen Palästinensern und Israeli sind immer präsent. Während es tagsüber sehr laut und lebhaft zu und her geht, ist es schon früh am Abend recht still und die Strassen sind menschenleer. Dieser Kontrast ist extrem. Dann steht die Familie im Mittelpunkt.

Wie wird das Familienleben zelebriert?
In den Häusern wohnen viele Generationen. Die Eltern und die Kinder mit ihren Familien. Für das Mittagessen stehen die Frauen täglich bis zu drei Stunden in der Küche und bereiten die Hauptmahlzeit vor. Das kann man sich hier in der westlichen Kultur kaum vorstellen. Am Nachmittag gegen drei Uhr versammeln sich alle Familienangehörigen und essen gemeinsam. Das ist der Höhepunkt des Tages. Da sind teilweise bis zu zwanzig Personen in einem Raum, essen gemeinsam und unterhalten sich.

Das Familienleben wird also grossgeschrieben...
Ja, auch die gegenseitige Unterstützung ausserhalb der Familie ist sehr wichtig. Wenn zum Beispiel die Hausfassade des Nachbarn kaputt ist, dann ist es selbstverständlich, dass alle aus dem Umfeld mithelfen, die Fassade zu reparieren. Jeder hilft jedem.

«Das Leben in Palästina ist sehr laut und emotional»

Wie schnell haben Sie sich in Palästina eingelebt?
Bis man sich als Teil der Gesellschaft fühlt, dauert es eine Weile. Nach drei bis vier Monaten hat man sich aber einigermassen integriert und an die Gepflogenheiten gewöhnt. Einzig mit der Tatsache, dass man in geschlossenen Räumlichkeiten während des Essens raucht, habe ich mich bis zum Schluss nicht anfreunden können.

Die militärische Präsenz im Land ist stetig präsent. Gewöhnt man sich an dieses Bild oder flösst das auch Angst ein?
Wenn zum ersten Mal ein 18-jähriger Militarist während der Ausweiskontrolle mit dem Gewehr auf dich zielt, dann ist das ein echt beschissenes Gefühl. Es ist nicht nur ein ungewöhnliches Bild, sondern flösst auch Angst ein. Aber nach zwei, drei Wochen hat man sich daran gewöhnt. Es ist wie ein Überlebensinstinkt. Man blendet die Gefahr aus und lässt die Kontrolle über sich ergehen. Wenn ich mir jetzt auf Distanz diese Bilder nochmals durch den Kopf gehen lasse, dann bin ich schockiert, wie schnell man sich daran gewöhnt. Erst kürzlich war ich hier in der Schweiz in einem James-Bond-Streifen. Bei einer Schiess-Szene musste ich den Kinosaal verlassen. Hier bei uns sind solche Szenen reine Unterhaltung und in Palästina ist die Gewalt fast alltäglich.

Hatten Sie in Palästina nie Angst um Ihr Leben?
Nein.

«Man muss die Gefahr ausblenden und rational denken»

Weil Sie die Gefahr ausgeblendet haben oder weil Sie nie in eine brenzlige Situation gekommen sind?
Man hat irgendwie gar keine Zeit, um Angst zu haben. Wenn es irgendwo brenzlig wird, dann sucht man schnellstmöglich das Weite. Einmal waren wir mit einem Bus im besetzten Ostjerusalem unterwegs, als wir von israelischen Jugendlichen mit Steinen attackiert wurden. Das war keine schöne Situation. Es war weniger die Angst, von einem Stein getroffen und verletzt zu werden als vielmehr die Erfahrung, den Hass dieser Jugendlichen zu spüren. Das war sehr schockierend.

Sind Ihnen noch andere Bilder von Hass und Terror präsent?
Einmal war ich mit einer Gruppe in Jerusalem unterwegs, als ein Mädchen von israelischen Soldaten auf den Boden geworfen und kontrolliert wurde. Sofort bildete sich ein Mob und die Stimmung heizte sich schnell auf. Daraufhin haben wir den Platz schnell verlassen. Ein andermal erlebte ich im alten Stadtteil von Hebron, wie ein Attentäter erschossen wurde. Weil alle Checkpoints sofort geschlossen wurden, mussten wir einen grossen Umweg in Kauf nehmen. Aber passiert ist uns glücklicherweise nichts.

Sie haben während Ihres Aufenthalts auch viele junge Menschen kennengelernt. Wie gehen sie mit dem Konflikt um?
Viele Jugendliche haben den Traum, im Ausland zu studieren, um später wieder nach Palästina zurückzukehren und etwas zu verändern. Aber die Realität sieht anders aus. Darum flüchten sich viele in eine Art Fatalismus und fügen sich in ihr Schicksal.

Wie würden Sie diese Menschen beschreiben?
Die palästinensischen Jugendlichen sind sehr stolz und würden trotz ihrer eher düsteren Zukunftsaussichten ihr Land nicht verlassen. Ihre Botschaft ist klar: Sie müssen ihren Teil zur Existenz von Palästina beitragen, sonst fällt das Land und mit ihm all seine Hoffnungen in sich zusammen.

Sie waren ein halbes Jahr in diesem Land, das grösstenteils von seinen Hoffnungen und Träumen lebt. Was nehmen Sie mit von Ihrem Aufenthalt?
Ich habe weniger Berührungsängste und die Erfahrungen helfen mir im Umgang mit anderen Kulturen und anderen Religionen. Das kann ich in meinem Alltag anwenden. Ich finde es auch wichtig, dass man sich auf andere Menschen einlässt und ihnen völlig unvoreingenommen zuhört.

Werden Sie wieder nach Palästina zurückkehren?
Ja. Im nächsten Frühling wird mein Freund in Palästina am Marathon «Right to Movement» teilnehmen. Da werde ich ihn begleiten und meine Freunde besuchen.

Walter Bellwald

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Infos

Zur Person

Vorname Brigitte 
Name Pfammatter
Geburtsdatum 23. Juli 1992
Familie ledig
Beruf Umweltingenieurin
Hobbies Reisen, Lesen, Kochen

Nachgehakt

Der Konflikt zwischen Israeli und 
Palästinensern ist lösbar.
Joker
Ich möchte einmal in Palästina leben. Ja
Die Schweiz sollte noch mehr Flüchtlinge aufnehmen. Ja
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

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Kommentare

  • Maria - 10

    Ihr Lieben alle
    Wenn wir es nicht schaffen - weit weg von allem - einen einigermassen friedvollen Konsens zu formulieren, wie soll das denn in Palästina und Israel gehen?!

  • Peter, Holland - 86

    Im 2. Weltkrieg sind 6 mil. Juden zielgericht umgebracht worden. Israel will ein zweites mal nie mehr akkzeptieren. Israel ist ein kleines Streifen Land in einer feindlichen Umgebung. Ohne Aufmerksamkeit könnte man schnell überrollt sein. Araber haben schon Anfang 1948 sofort Israel angegriffen und mehrmals versucht Israel zu vernichten. In 1973 war das fast gelungen. Nur wegen die Hilfe Hollands, die sofort Flugzeugen mit Waffen geschickt hat nach Hilferufen premierministerin Golda Meir und Mosje Dayan, konnte Israel gerade zuruck schlagen. Seitdem hat Israel teilen besetzt als Buffer. Das ist der Kontext. Man kann sagen Palastinenser haben Recht auf eine Staat, aber solange die Israel nicht anerkannen gibt's keine Lösung. Israel hat nur zwei richtige Freunden in de Welt: Holland und die USA. Und eigentlich gibt es schon ein Palistinenserstaat: Jordanien. Die Mauer die Israel gebaut hat kann man nicht vergleichen mit die Berliner Mauer. Die leztzte wollte Menschen drinnen halten. Israel will terroristen draussen halten. Das ist der Kontext. Ich werde mich abfragen wenn ein Nachbar der Schweiz fast jeden Tag Anschläge verübt, was man dann für gegenmassnahemen man nehme würde. Israël macht Fehler, aber man sollte erstens die Souverenität Israels anerkennen und stoppen mit Terror. Weiter ist Israel ein Demokratie und eine Rechtsstaat, das kann man von Hamas' geleitete gebiet auch nicht sagen.

    • Elizabeth - 85

      gut gesagt!
      Wenn die Palastinenser aufhören würden mit das abschlachten von Israeli, sieht die situation anders aus. Hamas will keinen Frieden, die wollen nur Krieg.
      Ich hoffe das Holland und die USA Israel weiter unterstützen.
      God Bless

  • Elizabeth - 1719

    Möchte gerne ein Paar Fotos sehen von, durch Steinen, verletzte Palastinenser.
    Ich hab nämlich Fotos genug von verletzte Israeli, die durch Steinen und selbst gebastelte Bomben von Palastinenser sogar ums Leben gekommen sind. 5 Kinder die anschauen müssten wie Ihre Eltern gelyncht worden sind im Auto. Babys im Kinderwagen die über die Haufen gefahren worden usw.
    Nimm nur ein Vorbild an Vittorio Arrigoni, der ist ermordet worden durch dieselbe Leute die er geholfen und beschützt hat.
    Infidel bleibt Infidel

    • Andrea - 2117

      Lieben Elisabeth ,vielleicht solltest du bedenken ,dass Israel genau das will und bei dir anscheinend auch erreicht hat.Es will seine Völkerrechtsverletzung und Kriegsverbrechen legallisieren und rechtfertigen.Ständig wird von palästinensischem Terror berichtet ,aber ist das was Israel macht nicht auch Terror? ?? Israel stellt sich immer wieder als schwaches Land hin ,das ja ständig terrorisiert wird ,das sind sie aber nicht.Liebe Elisabeth stell dir vor ,deine Kinder werden als achtjährige eventuell verhaftet weil sie es gewagt haben, etwas gegen einen Soldaten zu sagen und nach neuestem israelischem Gesetz dürfen sogar minderjährige Kinder festgenommen und in Administrativhaft festgehalten werden !! Ist das menschenwürdig ??? Ist das kein Terror? ? Würden wir zulassen dass jemand das mit unseren Kindern macht ??? Nein würden wir nicht !!!! Selbstgebastelte Bomben gegen technisch hochqualifizierte Ausrüstung und Militär mit Gewehren? ?? Drohnen mit automatischem Schießauslöser der bei der kleinsten Bewegung ausgelöst wird? ? Ist das gerecht? ?? Würde wir uns einsperren lassen und unsere Kinder an einem Checkpoint auf die Welt bringen? ?? Bitte überlege ob das kein Terror ist ...Natürlich wirst du keine Fotos von misshandelten und gefolterten Palästinenser sehen ,weil Israel das nicht zulässt ,wenn jemand versucht solche Fotos zu veröffentlichen wird er verhaftet ,mit dem Tod bedroht oder gar umgebracht.

  • Bergler - 1312

    Welch ein romantischer Beitrag.....

  • Elizabeth - 2432

    Wilkommen in Pallywood.
    Hab nicht gewüsst das es ein Land gibt das Palastina heisst?
    War selber 2 Jahre dort, hab das Gegenteil erfahren.
    Schade das auf dieser Weise lügen verbreitet werden.

    • Michael - 2421

      Palästina ist vielleicht kein Land, es ist ein besetztes, unterdrücktes Gebiet voller Menschen, die es verdient haben, unterstützt zu werden. Ich war selbst gerade dort, für eine viel kürzere Zeit, aber was Brigitte sagt, ist nach meiner Erfahrung absolut authentisch und wahr. Die Lügen kommen von der anderen Seite.

    • Kamal - 2717

      Das sind keine lügen habe es selber erlebt wie die Palästinenser schikaniert werden, und Steine werfende Siedler sind leider keine Ausnahme , sogar in Anwesenheit der israelischen Armee

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