Interview | Strassenmeister Martin Sarbach im Gespräch

«Leute brechen Barrieren auf und fahren durch»

«So viel Schnee habe ich noch nie gesehen», sagt Strassenmeister Martin Sarbach.
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«So viel Schnee habe ich noch nie gesehen», sagt Strassenmeister Martin Sarbach.
Foto: RZ

Quelle: RZ 0

Ob im Raum Visp eine Strasse gesperrt wird, entscheidet er. Martin Sarbach erklärt, was die Strassenwärter unternehmen, um Strassen so lange wie möglich offen zu halten.

Herr Sarbach, Sie kommen gerade von Visperterminen zurück, wo Sie in letzter Zeit öfter waren und die Strasse letzte Woche sogar zwei Tage lang gesperrt war. Was ist dort passiert?
Aufgrund der starken Niederschläge gab es dort mehrere Rutsche. Diese bedrohten sogar die Strasse zwischen Visp und Stalden, was uns letzte Woche veranlasst hat, auch diese Strasse zu sperren.

Kann es passieren, dass es demnächst wieder zu einer Sperrung kommt?
Das kann passieren, aber wir sind zusammen mit der Gemeinde Visperterminen beim Beheben der Schäden sehr gut vorangekommen. Letzte Woche waren die Auswirkungen aber auch deshalb so gravierend, weil auch die Bahn unterbrochen war und wir den Verkehr auch nicht über den Vispertaltunnel umleiten konnten. So kam es, dass das ganze Tal schon ab Visp komplett abgeschnitten war. Das habe ich zuvor noch nie erlebt. Früher hatten wir solche Probleme erst am Stägjitschuggen zwischen Stalden und St. Niklaus, diesmal hatten wir dank dem Tunnel dort aber kein Problem.

Dass die Strasse nach Visperterminen gesperrt werden musste, ist aussergewöhnlich. Im Saastal dagegen kommt das häufiger vor. Wie geht die jeweilige Bevölkerung damit um?
Den meisten ist die Sicherheit wichtig. Auch in Visperterminen, wo man sich gesperrte Strassen nicht so gewöhnt ist. Im Saastal gilt es zu erwähnen, dass die Hänge dort sehr steil sind. Dadurch kommen Lawinen bis hinunter zum Talboden. Wir haben dort zwar auch Galerien, bei denen es sich gezeigt hat, dass sie alle am richtigen Ort sind. Die Lawinen gingen über die Galerien hinweg, allerdings kam so viel Schnee, dass man diese ausschaufeln musste, weil sie regelrecht im Schnee versunken sind. So viel Schnee habe ich in den neun Jahren, seit ich Strassenmeister bin, beziehungsweise in den ganzen 30 Jahren, seit ich beim Kanton arbeite, noch nie gesehen.

In Deutschschweizer Medien wurde das Wallis als ein einziges Katastrophengebiet dargestellt. Wie haben Sie solche Schlagzeilen aufgenommen?
Ich finde es schade, dass die Medien von Katastrophen berichtet haben. Wir hatten keine Katastrophe, sondern im Gegenteil eine wunderschöne Zeit. Die meisten Leute haben den Schnee sogar genossen und haben Fotos gemacht, die um die ganze Welt gegangen sind. In den vergangenen Jahren, als es viel zu trocken war, hiess es, es hätte zu wenig oder gar keinen Schnee. Nun müssen wir wieder lernen, mit dem Schnee umzugehen.

Wie viele Überstunden haben Sie geleistet?
Normalerweise fahren sieben Strassenwärter sämtliche Strecken zweimal täglich ab. Wenn es schneit, sind aber sämtliche 17 Strassenwärter unseres Sektors voll im Einsatz. Je vier im Matter- und im Saastal und neun Mitarbeiter in Visp, Stalden, Ausserberg und Eggerberg.

Wie gewährleisten Sie, dass die Strassen so lange wie möglich offen bleiben?
Wenn es schneit, pflügen unsere Mitarbeiter so lange, bis es nicht mehr geht. Dazu haben wir Verträge mit Konzessionären, welche vom Kanton die Pflüge bekommen. Letzte Woche hatten wir aber zusätzlich auch Regen und es brauchte Leute, die den Auftrag hatten, Schächte und Bankette freizumachen. Würde das Wasser nämlich über die Bankette am Strassenrand hinaus in die Böschung fliessen, könnte es zu Erdrutschen kommen und die Strasse würde weggespült.

Wer entscheidet, ob eine Strasse für den Verkehr gesperrt wird, oder wann sie wieder geöffnet wird?
Der Strassenmeister.

Sie entscheiden also ganz allein?
Grundsätzlich ja. Ich sage, ob eine Strasse zugeht – oder geöffnet wird. Früher war man da noch ganz auf sich allein gestellt, heute hat man gut funktionierende Führungsstäbe und in den Tälern einen regionalen Sicherheitsdienst, deren Rettungschefs mir einen Vorschlag machen.

Wie kommt ein solcher Entscheid zustande?
Ich habe dank moderner Meteo- und Radar-Systeme Zugriff auf viele Messstationen und Lawinenbulletins. Ich sehe da zum Beispiel den Zuwachs an Schnee und wie kalt dieser ist. Wir interpretieren aber auch die Wolkendecke und aus welcher Richtung der Wind kommt. Aufgrund dieser Kenntnisse lässt sich abschätzen, wie viel Niederschlag es in den nächsten drei Stunden in etwa geben wird. Unter Umständen machen wir auch Rekognoszierungs-Flüge (Reko-Flüge) und schauen uns von oben an, wie viel Schnee noch liegt oder ob es Risse in der Schneedecke hat. Das alles hilft mir zu entscheiden, ob wir schliessen müssen oder nicht.

Wie gelangt Ihr Entscheid, eine Strasse zu schliessen, an die Bevölkerung?
Zuerst melde ich den Entscheid an die Einsatzzentrale der Kantonspolizei in Sitten oder Siders. Die Polizei streut dann die Nachricht über eine vordefinierte E-Mail-Gruppe, an der viele Stellen im Kanton Wallis angeschlossen sind. Dann geht die Nachricht über Radio und Presse an die Öffentlichkeit und über die Einsatzzentrale der Schweiz, die Via-Suisse, weiter an den Touring-Club und an Meteo Schweiz. Meist habe ich auch noch Zeit, das Lokalradio oder PostAuto Oberwallis zu informieren, damit man dort so planen kann, dass nicht Busse mit 30, 40 Passagieren vor einer Barriere nicht mehr weiterkommen und umkehren müssen.

Gibt es Autofahrer, die versuchen, Sperrungen zu umfahren?
Es gibt solche Leute. Die handeln brandgefährlich und sind für uns ein grosses Problem. Es gibt sogar Leute, die Barrieren aufbrechen und durchfahren. Wir können aber nicht an jeder Barriere eine Person oder einen Polizisten hinstellen. Bei gewissen Anlagen haben wir aber auch Radaranlagen mit Videoaufzeichnung, sodass wir belegen können, wer trotzdem durchgefahren ist.

Was passiert dann mit solchen Personen?
Sie werden gebüsst, das ist auch richtig so. Denn so jemand bringt sich nicht nur selbst in Gefahr, sondern gefährdet unter Umständen auch Rettungskräfte, die so jemanden bergen müssen.

Wie stellen Sie sicher, dass sich niemand mehr im gesperrten Abschnitt aufhält?
Wir fahren als Letzte noch einmal durch das Gebiet. Hinter unserem Fahrzeug kommt dann sicher nichts mehr.

Sind Strassenwärter noch auf Strassen anzutreffen, die eigentlich geschlossen sind?
Auf gesperrten Abschnitten ist niemand drin, auch wir nicht. Dort kann im Prinzip passieren was will, wir gehen erst wieder rein, wenn die Sicherheit wiederhergestellt ist und wir es verantworten können, die Strasse zu öffnen. Dazu muss man vielleicht erst Lawinenhänge sprengen. Wenn man aber aufgrund von Nebel nicht fliegen kann, bleibt auch uns nichts anderes übrig, als zu warten. Häufig dauert es aber auch nach einer Sprengung noch sehr lange, bis wir eine Strasse vom Schnee befreit haben. Viele Leute können sich kaum vorstellen, wie viel es braucht, bis eine Strasse wieder frei ist.

Hatten Sie auch schon amüsante Erlebnisse mit Autofahrern?
Dieses Jahr, als wir die Strasse Visp – Stalden gesperrt haben, gab es Leute, die Schleichwege gesucht haben. Zum Teil mitten in der Nacht und auf Wegen, wo ich nicht mal tagsüber fahren würde. Da fragt man sich schon, ob diese Leute wirklich so dringend nach Hause müssen, um sich so einer Gefahr auszusetzen.

Was empfehlen Sie Einheimischen oder Touristen, die aufgrund gesperrter Strassen nicht nach Hause können?
Ich würde mich darüber informieren, wo ich übernachten kann. Am besten in einem Hotel, wo ich mich breitmachen kann und wo ich mich selber wohlfühle. Wenn Hotels nicht genügend Betten haben, stellen Gemeinden manchmal sogar Turnhallen zur Verfügung. Vor allem aber würde ich nicht vor einer Barriere warten, bis sie wieder aufgeht. Selbst das kommt vor, dass ganze Familien fünf Stunden lang vor einer Barriere warten, obschon wir ihnen gesagt haben, dass auch wir nicht wissen, wann es wieder aufgeht.

Wie sinnvoll scheint Ihnen eine Luftbrücke, wie sie vergangene Woche zwischen Zermatt und Täsch eingerichtet wurde?
Ich empfinde das als ein schönes und sinnvolles Angebot und sogar als gute Werbung für unsere Berge. Für die Leute ist so ein Helikopterflug ein Erlebnis und besonders Kinder haben Spass daran, einmal in einen Helikopter zu steigen. Wenn ich in Zermatt in den Ferien wäre, nach Hause zurückkehren müsste und das Angebot hätte, für 70 Franken von Zermatt nach Täsch zu fliegen – das Wetter spielt ja mit, sonst würde auch der Helikopter nicht fliegen –, wäre das sicher ein schöner Ferienabschluss und ein tolles Erlebnis.

Christian Zufferey

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Infos

Zur Person

Vorname Martin
Name Sarbach
Geburtsdatum 7. Oktober 1962
Familie Geschieden
Beruf Stras­senmeister Region Visp
Hobbies Skifahren, Wandern, Schwimmen

Nachgehakt

Ich gehe meiner Arbeit im Winter lieber 
nach als im Sommer.
Nein
Ich ärgere mich manchmal auch über 
gesperrte Strassen.
Nein
Im Wallis hat man die Naturgefahren 
besser im Griff als in anderen Kantonen.
Nein
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

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