Frontal-Interview | Nationaltrainer Vladimir Petkovic

«Wir können in Frankreich EM-Geschichte schreiben»

Will mit der Nati mindestens die Viertelfinals erreichen - Trainer Vladimir Petkovic.
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Will mit der Nati mindestens die Viertelfinals erreichen - Trainer Vladimir Petkovic.
Foto: Toto Marti

Vladimir Petkovic
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Vladimir Petkovic
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Quelle: RZ 0

Nati-Trainer Vladimir Petkovic spricht über die Erwartungen an der Fussball-EM und sagt, weshalb die Schweiz eine Überraschung schaffen kann. Zudem gibt der Nati-Coach Entwarnung in der Kosovo-Frage.

Herr Petkovic, am Samstag gehts für die Schweiz an der EM los. Was liegt für die Nati in der Gruppe A drin?

Wir haben den Anspruch, uns für die nächste Runde zu qualifizieren. Umso mehr deshalb, als erstmals bei einer Fussball-EM auch vier der sechs Gruppendritten die Achtelfinals erreichen. Einfach wird das jedoch nicht. Frankreich ist Mitfavorit für den Turniersieg. Rumänien kassierte in der Quali nur zwei Tore und Albanien wird für uns ein Derby sein. Doch unser Ziel ist es, dass wir nach zwei Spielen die Achtelfinal-Quali geschafft haben.

Das ist das Minimalziel, oder?

Das ist die Basis, damit wir uns dann neue Ziele setzen können. Und vielleicht sogar EM-Geschichte schreiben.

Was wäre für Sie EM-Geschichte?

Ich will nicht die Achtel-, Viertel- oder Halbfinal-Quali als EM-Geschichte definieren. Wenn wir siegen, steigt die Moral und die Lust, noch mehr erreichen zu können. Unser Team kann sich im Verlauf eines Wettbewerbs enorm steigern und wird die Höchstleistung abrufen, wenn am Samstag für uns das Turnier beginnt. Es wird sich zeigen, was dann alles möglich ist. Wir wurden im Jahr 2009 mit der U17 Weltmeister, Seferovic hat damals den einzigen Treffer im Endspiel erzielt. Das sind Momente, die kein Fussballfan aus der Schweiz je vergessen wird. Ähnliches kann auch uns gelingen, ein derart gutes Turnier zu spielen, dass man sich später an die Nati von 2016 erinnern wird.

Dazu wird ein guter Start mit dem Spiel gegen Albanien (Samstag, 15.00 Uhr, die Red.) wichtig sein. Mehrere Schweizer Spieler spielen dabei gegen das Land, aus dem ihre Eltern stammen. Wie motiviert man einen solchen Spieler für dieses Spiel?

Die Spieler müssen und werden ausblenden, wer bei welchem Land wie verwurzelt ist. Am Samstag gilt es, als Mannschaft aufzutreten. Es gilt, uns zu freuen über die bevorstehende EM und vor allem: den ganzen Fokus darauf zu richten, dieses erste Spiel unter allen Umständen zu gewinnen.

Was wissen Sie über Albanien?

Alles. Die Trainer der Schweizer Juniorenauswahlen haben für uns Spiele und Spieler beobachtet und werden dies an der EM weiterhin tun. Es wird in diesem Spiel kaum etwas geben, was uns überraschen kann. Planung ist das Wichtigste im Hinblick auf ein solches Turnier. Wir werden an der Euro auch bereits Portugal und Ungarn beobachten, gegen die wir in der WM-Quali ab Herbst antreten werden.

Sie sprechen von Vorfreude auf ein Spiel und ein Turnier. Auf welches Nati-Spiel freuen Sie sich bei der Euro in Frankreich eigentlich am meisten?

Auf das Finalspiel natürlich (lacht). Im Ernst, wir nehmen bei der EM immer Schritt für Schritt. Diese Woche haben wir uns intensiv auf Albanien vorbereitet. Nach dem Spiel richten wir den Fokus direkt auf Rumänien und dann auf Frankreich. Es ist falsch, zu weit vorauszuschauen und den zweiten Schritt vor dem ersten machen zu wollen.

Bei der WM 2014 waren viele Spieler dabei, auf die Sie auch diesen Sommer in der Nati setzen. Wie wichtig ist bei einem solchen Turnier die Erfahrung?

Das ist bestimmt ein mentaler oder emotionaler Vorteil für uns. Doch wir müssen aufpassen, denn bei Emotionen können Vorteile schnell zu Nachteilen werden. Gerade Albanien wird mit vielen Emotionen gegen uns spielen. Doch unter dem Strich gilt es, sich auf unser Spiel und unsere Leistung zu konzentrieren. Gelingt uns das, haben wir gute Chancen auf die Achtelfinal-Quali.

Nachdem der neue EM-Modus feststand (neu 24 Teams und erstmals mit Achtelfinal-Spielen, die Red.), forderten die Medien gleich die Viertelfinal-Quali von der Schweiz. Zu Recht?

Griechenland als Europameister 2004 ist nicht am Turnier dabei. Holland hat sich sportlich nicht qualifiziert. Die Anzahl qualitativ guter Teams hat sich in der Qualifikation erneut erhöht. Deshalb ist es bereits ein Erfolg, in Frankreich dabei zu sein. Um diesen beneidet uns halb Europa.

Nimmt man die ersten drei Testspiele im Jahr 2016 als Gradmesser, dann ist die EM-Quali in der Tat als Erfolg zu werten. Gegen Irland, Bosnien-Herzegowina und Belgien gab es drei Niederlagen. Zwei davon auf eigenem Terrain.

Die Spiele gegen Irland und Bosnien-Herzegowina waren Testspiele in einer Phase, in der viele Spieler von uns vor wichtigen Partien im Verein standen. So riefen mich mehrere Trainer an und baten mich, den jeweiligen Spieler aus ihrem Klub 30 oder maximal 45 Minuten spielen zu lassen. Dazu hatten wir angeschlagene und verletzte Spieler. Das lässt sich nicht einfach so wegstecken.

In keinem von diesen Spielen machte die Innenverteidigung einen soliden Eindruck. Was gibt Ihnen auf dieser Position Hoffnung für die EM?

Eine gute Form durch die Vorbereitung, das Selbstvertrauen der Spieler, die auf diesen Positionen eingesetzt werden, und die tägliche harte Arbeit. Doch es ist falsch, sich auf die Innenverteidigung einzuschies­sen, wir haben als Team verloren.

Die Innenverteidigung verursachte in den Testspielen mehrere Gegentore.

Das sehe ich anders. Wir haben in der Offensive klare Torchancen nicht genutzt, davon spricht jedoch kaum jemand, und wir haben in der Mittelzone oft zu schlecht verteidigt, weshalb unsere Innenverteidigung dann schlecht ausgesehen hat. Das muss man immer genau analysieren. Ich bin überzeugt, dass die Schweizer Nati kein Problem auf dieser Position hat.

Nur wenige Schweizer Stammspieler hatten eine wirklich gute Saison in ihrem Verein. Was gibt Ihnen dennoch Hoffnung für ein gutes Turnier?

Es ist wie generell im Leben: Wenn du eine Tür schliesst, öffnet sich eine andere. Jetzt zählt für jeden Spieler nur die Nati und somit auch die Leistung in der Nati. Wir arbeiten nun seit mehreren Tagen und Wochen zusammen und erzielen stets Fortschritte.

Wird das reichen, um an der EM zu bestehen?

Wir haben auch Spieler im Kader, die eine erfolgreiche Saison bestritten haben: Ich denke an Xhaka, Sommer, Lichtsteiner, Elvedi oder Embolo. Diese Mischung wollen wir auf das ganze Kader übertragen und dadurch überdurchschnittlich viel Selbstvertrauen gewinnen. Gelingt uns das, werden wir an der EM einen überzeugenden Auftritt hinlegen.

... und zur EM-Überraschung werden?

Das werden wir bestimmt versuchen. Doch das Wort «Überraschungsteam» ist definierbar.

Definieren Sie.

Wir müssen realistisch bleiben. Realistisch ist, dass auch andere Mannschaften für Aufsehen sorgen werden, ich denke da zum Beispiel an Belgien.

Vor der EM sorgte auch die Aufnahme des Kosovo in die Fifa für Aufregung. Einer wie Xherdan Shaqiri hat sich – im Gegensatz zu Granit Xhaka – noch nicht für die Schweiz entschieden.

Zu diesem Thema gibt es nicht mehr viel zu sagen. Jeder Spieler muss das für sich entscheiden. Doch natürlich bringt ein klares Bekenntnis eines Granit Xhaka oder eines Valon Behrami eine gewisse Ruhe ins Team.

Inwiefern war die Aufnahme des Kosovo während der Vorbereitung ein Thema in der Mannschaft?

Gar nicht. Wir haben darüber kaum gesprochen. Die ganze Diskussion hat unsere EM-Vorbereitung kein bisschen belastet. Doch grundsätzlich habe ich ein gutes Gefühl, dass sich auch Xherdan Shaqiri für die Nati entscheiden wird.

Zur EM: Spanien ist seit acht Jahren Fussball-Europameister und tritt auch heuer mit grossen Ambitionen an. Ist es der Topfavorit auf den Titel?

Es ist einer von mehreren Topfavoriten, das steht fest. Spanien hat viel Erfahrung, viel Qualität und viel individuelle Klasse. Aber Deutschland, Italien sowie Gastgeber Frankreich traue ich auch viel zu. Und wie fast schon üblich, gibt es wohl auch ein Überraschungsteam. Wir freuen uns auf das Turnier.

Simon Kalbermatten

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Infos

Zur Person

Vorname Vladimir
Name Petkovic
Geburtsdatum 15. August 1963
Familie Verheiratet, zwei Kinder 
Beruf Fussball-Nati-Trainer

Nachgehakt

Die Schweiz erreicht an der Euro in Frankreich 
mindestens den Viertelfinal.
Ja
Ich trainiere die beste Nati aller Zeiten. Joker
ch möchte eines Tages wieder einen Verein in der Schweizer Super League trainieren. Ja
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

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