Gemeinderäte | Jungpolitiker haben keine Lust mehr

Deshalb kehren Junge der Politik den Rücken

Erfahrene Politiker sehen mehrere Gründe, weshalb sich immer weniger Junge politisch engagieren. Im Bild: Thomas Burgener, Wilhelm Schnyder, und René Imoberdorf. (v.l.)
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Erfahrene Politiker sehen mehrere Gründe, weshalb sich immer weniger Junge politisch engagieren. Im Bild: Thomas Burgener, Wilhelm Schnyder, und René Imoberdorf. (v.l.)
Foto: RZ-FOTOMONTAGE

Quelle: RZ 0

Oft ist für Jungpolitiker nach einer Legis­latur Schluss. Warum? Die RZ hat bei drei langjährigen und erfahrenen Politikern nachgefragt.

Vorfreude und Bereitschaft waren gross: Marc Wyssen (36, Visp), Michael Lochmatter-Bringhen (30, Niedergesteln) aber auch vor vier Jahren Dominik Lorenz (damals 31, Mörel-Filet) kehren der Politik nach vier Jahren im Gemeinderat den Rücken. Zudem soll der amtierende Steger Gemeinderat Damian Zengaffinen (36) reelle Chancen auf das Amt als Gemeindepräsident gehabt haben. Doch er verzichtete. Warum verpflichten sich Jungpolitiker nicht mehr langfristig für ein politisches Engagment? Die alt Staatsräte Thomas Burgener (SP) und Wilhelm Schnyder (CSP) sowie alt Ständerat René Imoberdorf (CSP) sehen dafür unterschiedliche Gründe.

Verändertes Bild der Arbeitgeber

«In den vergangenen 30 bis 40 Jahren fand ein grosser gesellschaftlicher Wandel statt», sagt Wilhelm Schnyder, der vor seiner Tätigkeit als Staatsrat auch Erfahrungen als Grossrat und als Steger Gemeindepräsident gesammelt hat. Schnyder ist überzeugt, dass im Beruf von den Arbeitnehmern wesentlich mehr verlangt wird, als dies noch früher der Fall war. «Manch ein Arbeitgeber fordert von seinen Angestellten heute, dass sie 120 Prozent Leistung zeigen, da liegt es nur für wenige drin, sich neben dem Beruf noch für ein politisches Engagement bereit zu erklären.» Hinzu kommt laut Schnyder, dass die Arbeitgeber – im Gegensatz zu früher – es meist nicht mehr schätzen, wenn ihre Angestellten auf kommunaler oder kantonaler Ebene aktiv politisieren. Schnyder erwähnt dabei auch die Rolle der Frauen: «Früher freuten sich die Frauen, die häus­lichen Pflichten auszuführen, heute sind viele Frauen berufstätig, wovon unsere Wirtschaft enorm profitiert.» Dies bedeute jedoch, dass sich auch Männer zwischendurch um Hausarbeiten kümmern müssen, wozu wieder Zeit investiert werden muss. Zeit, die manchem kompetenten Mann dadurch fehlt, sich politisch zu verpflichten. Verglichen mit der Politik von früher, beobachtet der Altstaatsrat, dass die Politik «sanfter» geworden ist. Schnyder schmunzelt und sagt: «Früher ging man im Wahlkampf noch aufeinander los.»

Stille Wahl ohne Wahlkampf

Einen «intensiv» geführten Wahlkampf, wie es ihn früher gegeben hat, vermisst auch Thomas Burgener, Altstaatsrat der SP. «Früher wurde mehr gestritten, im guten Sinne. Das brachte Projekte vorwärts. Offene Auseinandersetzungen werden immer seltener. Das macht die Politik manchmal langweilig», sagt er der RZ. Burgener ist zudem überzeugt, dass eine stille Wahl nicht fördernd ist für eine Politkarriere. «In kleineren Gemeinden müssen junge Menschen oft nicht mehr kämpfen und werden in stiller Wahl in einen Rat gewählt. Dennoch kritisiert man sie auch einmal im Amt, das gehört dazu. Dies zu ertragen, gefällt jedoch nicht jedem gleich gut, weshalb mancher Gemeinderat zu früh das Handtuch wirft.» Grundsätzlich sieht Burgener auch in der gesellschaftlichen Entwicklung einen Punkt, der potenzielle Kandidaten von der Politik fernhält. «Die Bereitschaft der Arbeitgeber, Mitarbeiter für öffentliche Ämter freizustellen, ist gegenüber früher gesunken. Junge Menschen haben mit Job und Familie oftmals schon genug am Hals», sagt er.

Gemeinderäte angemessen entlöhnen

Der veränderte Stellenwert mancher jungen Menschen ihrer Familie gegenüber, sieht auch René Imoberdorf, Altständerat, als Grund dafür, dass sich immer weniger Junge für ein politisches Amt zur Verfügung stellen. Für Imoberdorf gibt es jedoch eine klare Lösung: «Die Gemeindestrukturen müssen angepasst werden. Heisst, Gemeinden sollen vermehrt fusionieren und dadurch soll mehr Geld zur Verfügung gestellt werden, Gemeinde­räte für ihre Arbeit angemessen zu entlöhnen.» Für Imoberdorf findet dies in kleineren Gemeinden derzeit noch viel zu wenig statt. Laut RZ-Recherchen gibt es bei den eingangs Text erwähnten Jungpolitiker meist berufliche oder private Gründe, die ihre politische Karriere (vorerst) stoppen. Zumindest ist dies die offizielle Version. Dennoch gibt es auch junge Menschen, die sich im Wallis seit längerer Zeit auf dem politischen Tablett präsentieren und die Politik auf Stufe Gemeinde, Kanton aber auch Nation mitgestalten. CVPO-Fraktionschef Philipp Matthias Bregy, FDP-Nationalrat Philippe Nantermod, Ferdens Gemeindepräsidentin Nadja Jeitziner, (sie stellt sich für eine weitere Legislatur zur Verfügung)) CVPO-Grossrat Aron Pfammatter oder Visps SVP-Gemeinderat Michael Kreuzer. Alle sind sie unter 40 Jahre jung.

Simon Kalbermatten

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