Sport | Daniel Kalbermatter ist leidenschaftlicher Wingsuit-Flieger

Ein Sprung ins Bodenlose

Gleiten wie ein Flughörnchen: Daniel Kalbermatter beim Wingsuit-Fliegen.
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Gleiten wie ein Flughörnchen: Daniel Kalbermatter beim Wingsuit-Fliegen.
Foto: zvg

Quelle: RZ 0

Töricht? Gefährlich? Halsbrecherisch? Oder einfach nur «geil»? Daniel Kalbermatter (35) über das «irre Gefühl», beim Wingsuit abzuheben und zu fliegen wie ein Vogel.

Der Motor des Pilatus Porters PC-6 brummt. Hier oben, auf rund 4000 Metern, ist die Luft ein bisschen dünner. Daniel Kalbermatter und seine Kollegen machen sich bereit für einen Wingsuit-Flug übers Rhonetal. Das Herz schlägt schneller, der Adrenalinpegel steigt. Ein prüfender Blick auf den Höhenmesser, ein letzter Kontrollgriff an den Anzug aus Nylongewebe – und schon gehts los. Die Sportler springen aus der Maschine und verlieren sich in der gähnenden Tiefe.

Bankstellenleiter und Sportfreak

Seit sieben Jahren frönt Daniel Kalbermatter dem Wingsuit-Fliegen. Dabei ist er im realen Leben kein verwegener Draufgänger. Bank-Geschäftstellenleiter und Vermögensberater, Gesellschafter, Unterhalter. Doch genau hier endet das Klischee vom biederen Bankfachmann. Kalbermatter ist ein Sportfreak, einer von der Sorte, die Sport nicht nur treiben, um fit zu bleiben, sondern den Sport mit allen Sinnen erleben und geniessen. Ein Freak eben. «Das Verständnis für meine grosse Leidenschaft, das Wingsuit-Fliegen, hält sich tatsächlich in Grenzen», sagt Kalbermatter und grinst. Viele halten ihn für einen Spinner, einen verwegenen Draufgänger, der, ohne zu zögern und auf Gefahren zu achten, sein Leben aufs Spiel setzt.

«Wingsuit ist keine Singlebörse»

Doch wer mit ihm spricht, merkt schnell, dass dem nicht so ist. Kalbermatter wirkt ruhig, besonnen, abgeklärt und routiniert – ein Typ, dem die Frauen vertrauen. Zurzeit ist er aber solo. «Das Wingsuit-Fliegen ist keine Singlebörse.» Kalbermatter grinst und verweist darauf, dass nur sehr wenige Frauen diesem Sport frönen. Auch wenn seine Ex-Freundinnen dem Hype ums Fliegen nicht viel abgewinnen konnten, ist er dem Wingsuit trotzdem treu geblieben. Zumindest bisher. «Es ist einfach ein irres Gefühl, wie ein Vogel durch die Luft zu schweben und den Flug mit allen Sinnen zu geniessen», schwärmt Kalbermatter, der nach eigenen Aussagen «per Zufall» zum Fliegen gekommen ist. «Als 16-Jähriger war ich auf Besuch bei meiner Grossmutter und habe in einer Zeitschrift gelesen, dass die Schweizer Armee neue Fallschirmaufklärer sucht. Das fand ich spannend und interessant zugleich. Also habe ich mich für die Vorkurse angemeldet», erinnert er sich.

Der Traum vom Fliegen

Nachdem er die erforderlichen Kurse besucht hat, macht Kalbermatter im Jahr 2000 das Fallschirmbrevet. Nach der Theorie folgt die Praxis. In einem Tandem-Flug erlebt Kalbermatter erstmals das Gefühl vom Fliegen. «Das war der Hammer», schwärmt er. «Schon der erste Sprung ist mir voll eingefahren.» Weitere sollten folgen. Bis heute genau 767 an der Zahl. Auch wenn er die Rekrutenschule als Fallschirmaufklärer vorzeitig beenden muss – «ich habe mir bei einem Orientierungslauf eine Knieverletzung zugezogen und musste passen» –der Traum vom Fliegen ist geblieben, bis heute. Inzwischen hat Kalbermatter aber die Disziplin gewechselt. «Nach rund 500 Fallschirmsprüngen fehlte mir der Kick. Ich suchte eine neue Herausforderung.» Dass just in dieser Zeit das sogenannte Wingsuit-Fliegen einen eigentlichen Boom erlebt und mehrere Hersteller auf den Flugplätzen um neue Kundschaft werben, kommt dem flugbegeisterten Sportler gerade recht. «Schon nach dem ersten Flug war ich hellauf begeistert. Das Fallschirmspringen ist mit dem Wingsuit-Fliegen nicht zu vergleichen», sagt Kalbermatter. «Der Grund ist ganz einfach: Beim Fallschirmspringen fällt man in die Tiefe, während man beim Wingsuit-Fliegen grosse Distanzen zurücklegen kann. Dabei nimmt man das Gefühl vom Fliegen viel intensiver wahr als beim Fallschirmspringen. Ich bin sozusagen mein eigenes Flugzeug.»

Der Mann für harte Töne

Circa drei Minuten fliegt Kalbermatter mit seinem Wingsuit, bevor er den Fallschirm öffnet. In dieser Zeit legt er eine Distanz von rund zehn Kilometern zurück. Dann schwebt er weitere fünf Minuten am Schirm, bevor er landet. Währenddessen beträgt die Freifallzeit beim Fallschirmspringen im Schnitt gerade mal 45 Sekunden. Ein Höhenmesser am Handgelenk und ein akustischer Höhenwarner helfen ihm, sich zu orientieren und rechtzeitig den Fallschirm zu öffnen. Wie gefährlich schätzt er das Fliegen ein? «Wingsuit/Fallschirmspringen zählt nicht zu den Risikosportarten, im Gegensatz zum Basejumping», sagt Kalbermatter. Darunter versteht man das Springen von fixen Objekten wie Gebäuden, Brücken oder Bergen. Allein die Zahl der Personen, die beim Basejumping ihr Leben verloren haben, unterstreicht diese Aussage. Auch Daniel Kalbermatter hat schon einige Bekannte und Freunde verloren, die beim Basejumping abgestürzt sind. «Darunter waren auch einige Profis. Das stimmt mich doch sehr nachdenklich.» Kalbermatter selber hat nie den Drang gespürt, das Basejumping auszuüben. «Das ist mir schlicht zu gefährlich. Vor allem auch deshalb, weil man immer sehr nahe am Gelände ist und der kleinste Fehler deshalb fatale Auswirkungen hat.» Demgegenüber will er dem Wingsuit-Fliegen weiter frönen. «Solange ich Freude daran habe, gibt es keinen Grund für mich, damit aufzuhören.» Zurzeit ist er gerade dabei, auch das Gleitschirmbrevet nachzuholen. «Im Gegensatz zum Wingsuit ist Gleitschirmfliegen eine fast meditative Angelegenheit», sagt Kalbermatter, der auch taucht oder einen Triathlon absolviert. Wenn er nicht gerade sportlich unterwegs ist, schlägt er ganz andere Töne an. Dann greift er als E-Bassist in der Rockband «Utopia» in die Saiten und sorgt auf der Bühne für die Musik.

Walter Bellwald

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