Im Mai 2011 fanden im Wallis die Dreharbeiten zu der Enigma-Film-Produktion «Puppe» im Wallis statt. An nur 28 Drehtagen ist ein deutsch-schweizerischer Kinofilm entstanden, der sich um das Strassenkind Anna dreht, das in einem Walliser Erziehungscamp auf die brutale Mörderin ihrer besten Freundin trifft. Nun wird der Film an den 47. Solothurner Filmtagen einem breiten Publikum gezeigt. 1815.ch wollte vom Regisseur Sebastian Kutzli wissen, warum es die Filmcrew ausgerechnet ins Wallis verschlagen hat und wie sich die Dreharbeiten in der alpinen Landschaft gestaltet haben.
Können Sie den Inhalt des Films kurz umreissen?
«Anna, ein 16-jähriges Strassenkind aus einer grossen deutschen Stadt wird durch eine engagierte Frau grade noch rechtzeitig aus ihrem Leben gerissen, als grade alles anfängt, über ihrem Kopf zusammenzubrechen. Sie bekommt eine Chance auf einen Neuanfang.»
Teile des Films wurden im Zwischbergental und auf dem Simplon gedreht. Warum sollte es gerade diese Gegend sein?
«Eigentlich hat ein Haus zu der Entscheidung geführt. Ich habe ein Haus gesucht, dem man noch 'Wind und Wetter' ansieht, und das einem ein Gefühl dafür vermittelt, was es heisst, in diesen Lagen zu leben. Oder sogar zu überleben! Die Leute haben im Zwischbergental seit Generationen der Umwelt getrotzt, mit Geduld und Fleiss. Diese Steinmauern und Holzstösse hätten wir so nie bauen können. Sie sind echt, wild, und wunderschön. Und sie geben unserem Hofheim eine grosse Kargheit und Schwere.
Der Simplonpass stellte für mich einen guten Kompromiss zu den echten Höhen dar, weil uns logistisch nichts im Wege stand. Wir haben sehr früh im Jahr mit der Arbeit begonnen, konnten uns aber einen Abbruch durch Neuschnee nicht leisten. Da sind wir ein hohes Risiko eingegangen. Glück war, dass der Winter dramatisch niederschlagsarm gewesen war und auf 2000 Meter nur noch im Schatten Schnee lag. So haben wir den Schnee zwar noch im Bild gehabt, nicht aber als Hindernis auf der Strasse.»
Kannten Sie das Wallis bereits vorher?
«Ja. Ich bin Schweizer! Obwohl ich es nicht 'kennen' nennen würde. Kennen tun die Menschen das Wallis, die morgens vor ihr Haus treten und erkennen können, wie das Wetter wird. Ich habe aber die Simplonstrecke immer gerne benutzt, um in die Schweiz hinein zu fahren. Als Teenager habe ich auf einem Gästebett in Brig die Bände des schweizer Zeichners Cosey, 'Auf der Suche nach Peter Pan', gelesen und damit das Genre des gezeichneten Romans entdeckt, zu dem ich seit dem eine grosse Leidenschaft habe. Diese Geschichte spielte auch im Wallis, einem sehr einsamen, kargen Wallis, vermutlich hat mich dieses Bild bis heute nicht losgelassen.»
Wie haben Sie die Dreharbeiten im Wallis erlebt?
«Die Dreharbeiten im Wallis waren eine tolle Erfahrung. Ich glaube, wir alle haben diese grossartige Natur sehr gemocht, auch wenn wir während der Dreharbeiten kaum Zeit hatten, sie zu geniessen. Eine, die das aber sehr konsequent gemacht hat, war die Schauspielerin Corinna Harfouch, die in ihrer freien Zeit oft wandern ging.»
Können Sie einige Anekdoten erzählen?
«Ich wollte unbedingt, dass 'Geena', die Rolle, die Corinna Harfouch im Film spielt, eine Adlerfeder im Auto hat, wenn wir sie das erste Mal sehen. Ich wusste jedoch nicht, woher ich diese Feder bekommen sollte. Bei einer Recherchetour hab ich dann in einer Schäferhütte eine Feder entdeckt, nur war die Hirtin leider grade draussen bei den Schafen. Ich wollte ihr für die Feder Geld geben. Aber was kostet eine Adlerfeder? Ich habe ihr meinen schönsten Fünflieber hingelegt und die Feder mitgenommen. Ich hoffe, sie hat wieder einmal eine so schöne gefunden.
Woran wir im Wallis auch nicht vorbei gekommen sind, ist das Thema Wolf! Da kann man sich im Wallis ja leicht zwischen die Stühle setzen. Auch bei uns gab es einige Dinge, die sich an diesen Fronten zerschlagen haben. So etwa Drehorte, die wir gerne gehabt hätten und schliesslich nicht bekommen haben. Wir wollten nämlich ursprünglich auch Schutzhunde in unserer Schafherde haben. Das wurde dann aber aus Zeitgründen nichts. Zulange hätten sich die Hunde an uns und die grossen Kameras gewöhnen müssen und wir hätten ganz anders arbeiten müssen. Schutzhunde wären ein Statement in gewisser Weise gewesen. Wer Schutzhunde hat, weiss, dass es nicht nur den Kommerz, sondern auch eine Umwelt gibt: Schafe sind Lebewesen in einer mit Raben, Füchsen, Adlern, wildernden Hunden und eben auch anderen Tieren belebten Natur. Das noch als Teil in unserer Geschichte vertreten zu haben, wäre schön gewesen.»
In der Vergangenheit konnte man viele Dokumentationen über schwererziehbare Jugendliche im TV sehen, die in ein «Umerziehungslager» geschickt oder von einer Nanny besucht wurden. Wie stehen Sie solchen Formaten gegenüber? Sehen Sie Parallelen zu Ihrem Film?
«Das sind genau diese Geschichten, ja, nur haben wir dazu eine dramatischere Form, und eine Erzählhaltung. Wir halten nicht nur drauf, und weiden dann das Material nach Sensationen aus. Was in diesen Formaten immer verloren geht, ist der Respekt den Verlierern gegenüber. Und die wirklichen Härtefälle werden gar nicht gezeigt. Die Menschen, die wir im TV sehen, denen geht es oft noch ziemlich gut. Man muss aber sehen, dass es hier in Mitteleuropa auch, oder immer noch Menschenhandel gibt, dass hier auch und nicht selten Kinder verloren gehen, und dass es vor allem einen Markt für diese Art von Verbrechen gibt: Missbrauch und Vergewaltigung von Kindern und Minderjährigen. Angesichts solcher Tatsachen könnte sich keiner mehr lustig machen und sich daran berauschen, wie toll man doch selber ist gegenüber diesen 'Assozialen', die das TV einem in die gute Stube beamt. Wir greifen diese Thematik auch nicht in solcher Härte auf, haben uns aber den Respekt vor den betroffenen Menschen auf die Fahnen geschrieben, und eine Geschichte erzählt, die sogar ein Happy End hat: Unsere Protagonistin nimmt ihr Leben selber in die Hand, und macht damit diesen klitzekleinen Schritt, den es braucht, um dem Glück eine Chance zu geben.
Warum der Titel «Puppe»?
«Der Titel versucht, das Geschäft mit dem weiblichen Körper anzudeuten, die Rotlichtzonen, das kriminelle Millieu, dem die Mädchen zu entkommen versuchen, meint dann aber auch den Zustand der Schmetterlinge, bevor sie fliegen können. Die Metamorphose. Die Puppe, die im Film eine gewisse Wichtigkeit erlangt, passt da auch mit hinein, als Sinnbild für eine verlorene Kindheit vielleicht.»
Lässt sich der Film in ein bestimmtes Genre einteilen?
«'Drama mit einem hoffnungsvollen Ausgang' würde es vermutlich gut treffen.»
An welchem Projekt arbeiten Sie gegenwärtig?
«An einer Liebesgeschichte! Zwischen einem verwöhnten, naiven, mitteleuropäischen jungen Mann und einer Frau, die als Kind mit ihrer Familie als Flüchtling ins Land kam. Romantisch, lustig, unbedingt mit Happy End, ohne aber die Realitäten in den Ländern um uns herum auszuklammern.»








