Jetzt mal ehrlich | Die Parteipräsidenten im Gespräch – heute: Warum Franziska Biner von der CVP beinahe hinschmeissen wollte, wie viel sie innerhalb der Partei zu sagen hat und weshalb sie nicht streiken ging

«Wie soll ich mich da benachteiligt fühlen?»

Am Drücker. Franziska Biner, hier in ihrem Elternhaus in Zermatt, hat in ihrem Jahr als Präsidentin Viola Amherd in den Bundesrat begleitet.
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Am Drücker. Franziska Biner, hier in ihrem Elternhaus in Zermatt, hat in ihrem Jahr als Präsidentin Viola Amherd in den Bundesrat begleitet.
Foto: WB / Alain Amherd

Quelle: WB 0

Franziska Biner, jetzt mal ehrlich: Hat sich Ihr Vorgänger Toni Andenmatten nie bei Ihnen gemeldet, er wolle das Amt zurück?

(lacht) «Nein. Aber er unterstützt mich bei Bedarf.»

Es ist doch eine verrückte Sache: In einem Jahr sind Sie quasi vom Notnagel zur Nationalratskandidatin avanciert, und in der Zwischenzeit haben Sie die erste Walliser Bundesrätin ins neue Amt begleitet.

«Damals sagte mir Toni, ich habe ein Jahr Zeit, um mich in aller Ruhe einzuarbeiten, damit ich bereit sei für die Organisation der kommenden Wahlen, dann gelte es dann ernst. Seither sind die Verfassungsratswahlen und die Bundesratswahl dazwischengekommen. Das hat den Lernprozess – sagen wir – doch etwas beschleunigt.»

Das alles wussten Sie damals nicht. Und trotzdem haben Sie zugesagt. Wieso?

«Ich habe mich mit dem Entscheid schwergetan. Weil ich ja Vollzeit arbeite und weil ich nicht gerade zentral wohne. Auch, weil ich wenig Erfahrung hatte. Aber es war eben auch eine Chance, für mich sowie für die Partei, sich neu zu entwickeln. Man kann nicht immer nur sagen, man sollte dieses und jenes machen. Man muss es tun.»

Ihr Name ist damals bereits vor Ihrer Ernennung durchgesickert. Als mein Kollege Sie hierzu erreichen wollte, waren Sie gerade in den Ferien.

«Ja, das war speziell, zumal ich mir zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht hundertprozentig sicher war, ob ich es machen werde. Mein Handy war aus und als ich es angeschaltet habe, war der Artikel bereits veröffentlicht. Ich hatte unzählige Anrufe in Abwesenheit und Nachrichten. Und ich dachte mir: Oh Gott, wenn die Medienarbeit so intensiv wird, lasse ich den Job besser sein. Aber Toni Andenmatten hatte mich dann beruhigt und gesagt, das sei nur zu Beginn so, das flache sehr schnell wieder ab. Aber bei den Bundesratswahlen wurde es ja noch viel schlimmer.» (schmunzelt)

Sie sprechen unsern Artikel über einen Mietstreit von Viola Amherd an. Heute, mit etwas Abstand: Wie beurteilen Sie diese Episode?

«Für mich war das alles schwierig einzuschätzen. Da wurden viele alte Geschichten hervorgekramt, bei denen ich nicht dabei war und entsprechend auch nicht wissen konnte, was tatsächlich Sache ist. Ich war wie eine Aussenstehende und trotzdem mittendrin. Den WB-Bericht von damals fand ich etwas einseitig. Man hätte sich auch fragen können, warum die Mieter so lange einen falschen Betrag überwiesen hatten. Mich haben viele darauf angesprochen. Und ich sagte dann: Auf die Kandidatur von Viola wird das keinen Einfluss haben…»

Sie haben Amherd in dieser Zeit eng begleitet. Wer hat Sie unterstützt?

«Wie gesagt: Mein Vorgänger stand mir zur Seite, wenn ich Fragen hatte. Für die Bundesratswahl stand ich eng mit Brigitte Hauser-Süess in Kontakt. Und mit dem ganzen Parteipräsidium, mit Philipp Matthias Bregy und Beat Rieder. Die Verfassungsratswahlen wurden mit grosser Unterstützung der Bezirksparteien organisiert. Das fiel ja dann terminlich alles zusammen. Das hat aber sehr gut funktioniert, weil wir hier auf viele erfahrene und engagierte Leute zählen können.»

Franziska Biner, jetzt mal ehrlich: Haben Sie gerne Macht?

(überlegt lange) «Ich bin eher eine Teamplayerin. Bei heiklen Entscheiden bringe ich meinen Standpunkt ein, aber wir entscheiden dann meist gemeinsam im Präsidium.»

Von null (tief) bis zehn (hoch): Wie ist Ihr Einfluss innerhalb der Partei?

«Das kommt ganz darauf an, in welchem Bereich. Grundsätzlich sind wir ja eine Partei, die von der Basis hinauf organisiert ist. Bei uns haben die Orts- und Bezirksparteien einen hohen Stellenwert, die CVP Oberwallis ist quasi das Dach. Aber ich bin bei allen wichtigen Entscheiden involviert.»

Haben Sie entschieden, dass etwa David Volken im Bezirk Visp nicht kandidieren soll?

«Das wurde innerhalb der Bezirkspartei entschieden. Aber es ist interessant: Wir hatten praktisch in allen Bezirken mehrere Anwärter, die dieses Mal leer ausgingen. Aber ich höre immer nur von David Volken.»

Wer musste sonst noch über die Klinge springen?

«Nur so viel: Nicht nur im Bezirk Visp gab es aufgrund des grossen Interesses intensive Diskussionen.»

Eine komfortable Situation für Sie als Präsidentin, nicht?

«Nun ja, Anfang Jahr hiess es, dass es wohl schwierig wird, genügend Kandidaten zu finden. Und plötzlich hatten wir zu viele, die wollten. Für mich ist das eher unangenehm, weil man auch Leute enttäuschen muss, obwohl sie sich ja engagieren wollen. Auf der anderen Seite zeigt mir das, dass wir doch breit aufgestellt sind. Das ist wichtig für eine Partei.»

Nochmals kurz zu David Volken, der oft mit der grünen Fahne wedelt. Das wäre doch ein guter Mann für Klima-Themen gewesen.

«Er unterstützt uns ja weiterhin mit seinem Fachwissen. Sein Moment wird noch kommen –wenn er denn will.»

Haben Sie Angst, dass auf nationaler Ebene die CVP von den Grünen überholt wird?

«Das ist heute schwer zu sagen. Aber was die CVP anbelangt, bin ich wirklich guter Dinge. Schweizweit stellen sich mehr Kandidaten als in jüngster Vergangenheit, Parteipräsident Gerhard Pfister macht einen guten Job. Und sind wir ehrlich: Mit Violas Übernahme des VBS konnten wir wirklich viele Pluspunkte sammeln. Ich bin zuversichtlich.»

Der Sitz der CVPO ist nicht gefährdet. Und hinter Philipp Matthias Bregy ist ziemlich alles möglich. Was ist Ihr Ziel?

«Mein Ziel ist es, dass ebendieser Sitz nicht gefährdet ist.» (lacht)

Aber Sie selbst wollen sicher auch ein gutes Resultat machen?

«Sicher.»

Mit wie vielen Stimmen rechnen Sie, 8000, mehr?

«Uff, das wäre schon super. Ich hoffe aber vor allem darauf, dass unsere Wähler eine ‹saubere› Liste einwerfen und dass alle Kandidaten nahe beieinander sind, dass niemand abfällt.»

Aber jetzt mal ehrlich: Ein Hauch Ego muss doch auch bei Ihnen vorhanden sein, Sie wollen doch sicher das Resultat von Christoph Bürgin 2015 (Anm. der Red. 9433 Stimmen) toppen. Oder jenes von Danica Zurbriggen Lehner, der Zermatter Kandidatin der «Gelben»?

«Ehrlich gesagt, habe ich mich damit noch gar nicht beschäftigt. Aber klar, ich will ein gutes Resultat. Wenn ich nur wenige Stimmen holen würde, müsste ich auch meine Arbeit als Präsidentin hinterfragen.»

Wie hoch ist das Wahlkampf-Budget der CVP Oberwallis?

«150 000 Franken für die Nationalrats- und Ständeratswahlen.»

Verteilt auf neun Kandidaten. Wie viel werden Sie für Ihre eigene Kampagne selbst einschiessen?

«Das weiss ich heute noch nicht, da meine persönliche Kampagne noch gar nicht steht. Aber vielleicht einen Betrag irgendwo zwischen 5000 und 10 000 Franken.»

CVPO-Kandidatin Astrid Hutter ist mit einer Plakatkampagne bereits vorgeprescht. Ist das sinnvoll?

«Astrid möchte vor den Sommerferien ihren Bekanntheitsgrad etwas steigern. Und ich wurde jetzt schon ein paar Mal auf ihre Kampagne angesprochen. Ob man das jetzt gut findet oder nicht – aber sie scheint in aller Munde zu sein. Genau deshalb macht man doch Werbung, oder?»

Hutter wird in Steg aufgebaut, um dereinst den «Gelben» dort das Präsidium streitig zu machen. Auch bei der Nominationsversammlung der CVPO wurde deutlich gemacht, dass man auf sich selber schauen müsse. Wie stehts denn derzeit mit dem Verhältnis zur CSP?

«Die Botschaft an der Versammlung war lediglich, dass unsere Leute ‹saubere› Listen einwerfen. Durch die Listenverbindung würden ja auch die ‹Gelben› davon profitieren. Das Verhältnis zur CSP ist nicht besser oder schlechter als zuvor.»

Ein Oberwalliser Sitz dürfte ins Unterwallis wandern. Aus Ihrer Sicht: lieber der von CSP-Mann Thomas Egger oder jener von SVP-Nationalrat Franz Ruppen?

«Egger gehört in Bern zur CVP-Fraktion. Aber auch Franz Ruppen macht gute Arbeit. Aus Oberwalliser Sicht wäre es deshalb schon wichtig, alle drei Sitze zu halten, zumal unser Einfluss im Grossen Rat wahrscheinlich weiter schwinden wird.»

Dafür ist das Oberwallis mit einem Sitz im Ständerat etwas übervertreten. Es gibt den Deal, wonach die Oberwalliser C-Parteien sich diesen Sitz jeweils nach zwei Legislaturen hin- und herschieben. Beat Rieder ist aber derzeit gut unterwegs. Hat er keine Lust auf eine dritte Amtszeit in Bundesbern?

«Dieser Deal besteht ja im Zusammenhang mit der Oberwalliser Vertretung in der Kantonsregierung. Es wird sich zeigen, ob die CSP ihren Staatsratssitz behalten möchte oder im Ständerat vertreten sein will.»

Und Rieder käme dann zurück in den Staatsrat?

«Rieder hat immer betont, dass er acht Jahre im Ständerat machen will und danach ziemlich offen ist.»

Glauben Sie, dass nach dem Frauenstreik die CVP-Kandidatin für den Ständerat, Marianne Maret, auch von der Linken unterstützt wird?

«Das hoffe ich schwer. Man kann nicht sagen, es braucht mehr Frauen in der Politik, und dann nicht die Frauen wählen, die aufgestellt werden. Zumal Marianne Maret eine gute Ständerätin sein wird.»

Wo waren Sie am 14. Juni, als die Frauen streikten?

(lacht) «Das darf ich ja fast nicht sagen. Aber ich war berufsmässig auf einer Baustelle.»

Sie sind Architektin. Wurden Sie im Berufsleben aufgrund Ihres Geschlechts mal benachteiligt?

«Nie. Im Gegenteil. Deshalb war ich auch nicht streiken. Ich kann nicht meinem Arbeitgeber, der mich in allem unterstützt, sagen, ich geh mal kurz streiken. Aber wir haben geschaut, dass sich unsere Männer in der Fraktion im Grossen Rat solidarisch zeigen.»

Tun sich bürgerliche Frauen schwerer mit dem Thema?

«Überhaupt nicht. Die Gleichstellung von Mann und Frau ist ein wichtiges Thema und es gibt noch viel zu tun. Der Frauenstreik war deshalb gut, um uns Frauen Kraft und mehr Selbstvertrauen zu geben, dass wir etwa bei Lohnverhandlungen entschlossener auftreten. Oft beginnt es bei der Frau selbst.»

Wurden Sie in der Politik mal diskriminiert?

«Nach einem Jahr Politik hat man mich gefragt, ob ich Präsidentin der CVPO werden will. Wie soll ich mich da benachteiligt fühlen?»

Franziska Biner, wo gehen Sie in die Ferien?

«Rauf auf die Schönbielhütte.»

Interview: David Biner*

*ist mit Franziska Biner weder verschwägert noch verwandt

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