Jenny Stevanovic ist Hundeführerin bei der Schweizer Armee

«Frauen-Bonus? Gibt es nicht. Wollte ich nie!»

Im Panzer, im Biwak, in der Felswand. Jenny Stevanovic aus Bitsch und ihre Hunde, hier mit dem Deutschen Schäfer Milan.
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Im Panzer, im Biwak, in der Felswand. Jenny Stevanovic aus Bitsch und ihre Hunde, hier mit dem Deutschen Schäfer Milan.
Foto: WB / Andrea Soltermann 

Quelle: WB 0

Oberwallis | Früher arbeitete Jenny Stevanovic als Coiffeuse, heute ist die 25-Jährige Teil der Hundeführer-Kompanie in der Schweizer Armee und ­verdient gerade ihren Wachtmeister ab. «Ich lebe meinen Traum», sagt sie.

Wenn Jenny Stevanovic in ihren Kampfstiefeln über den Briger Bahnhofplatz schreitet, zieht sie zahlreiche Blicke auf sich. Das liegt zum einen an der Militäruniform – denn gerade mal 0,7 Prozent aller Dienstleistenden in der Schweiz sind weiblich. Zum anderen aber auch an dem grossen und prächtigen Deutschen Schäferhund an ihrer Seite, der ihr aufs Wort gehorcht. Nachdem sie dem Hund auf der Terrasse des Bahnhofbuffets einen Platz zugewiesen hat, liegt er am Boden und gibt keinen Mucks von sich.

Erst beim zweiten Anlauf

Hört man der 25-Jährigen zu, wie sie über ihre Arbeit spricht, ist ihre Begeisterung geradezu spürbar. Das sei nicht immer so gewesen. Nach ihrer Coiffeurausbildung hatte sie genug vom Haareschneiden und verdiente sich ihre Brötchen eine Zeit lang im Service. «In dieser Phase habe ich mir ganz genau überlegt, was ich eigentlich machen möchte», blickt Stevanovic zurück. Eine Sache war für die Hundehalterin sofort klar: «Es war schon immer mein Traum, mit Hunden zu arbeiten.» Mehrere Möglichkeiten kamen infrage – darunter auch eine Ausbildung bei Grenzwacht, Polizei oder Armee. Nach einem kurzen Ausflug in das Berufsfeld der Hundephysiotherapie stand für die damals 23-Jährige fest: Sie wollte zur Schweizer Armee und sich dort zur Hundeführerin ausbilden lassen. «Ich war immer schon ein Fan der Armee und fand die Uniform schon immer cool», schwärmt sie, als die Serviererin auftaucht: Stevanovic bestellt sich einen Kaffee und eine Cola und für ihren Schäferhund einen Napf mit Wasser. Ihre Rekruten essen nicht, bevor nicht die Hunde ihr Futter bekommen haben, wird sie später erzählen.

Die Plätze in der Hundeführer-Kompanie sind begehrt. Nur ein Bruchteil der Bewerber wird aufgenommen. Stevanovic überliess ihrerseits nichts dem Zufall: Sie informierte sich über die Anforderungen und bereitete sich gemeinsam mit ihrer Schweizer Schäferhündin Suela akribisch vor – unter anderem auch beim Verein Schweizerischer Militärhundeführer in Bern. «Dort habe ich wichtige Erfahrungen gesammelt», sagt sie. Beim ersten Versuch sollte es aber noch nicht klappen. Denn als sie mit Suela an der Aufnahmeprüfung teilnahm, musste sie feststellen, dass ihre Hündin für diese Art von Aufgaben nicht gemacht ist. «Das Tier muss in dieser Umgebung mit all den Leuten mit einem gewissen Druck umgehen können», führt Stevanovic aus. Deshalb musste sie sich überlegen, ob sie für die Ausbildung im Militär einen zweiten Hund zulegen will und überhaupt kann. Keine Entscheidung, die allzu leichtfertig gefällt werden dürfe. Das Halten eines Hundes bringe jeweils eine grosse Verantwortung mit sich. Das sei etwas, das viele Leute unterschätzen würden. Nach langem Abwägen entschied sie sich für einen zweiten Hund, vorausgesetzt, sie würde die Aufnahmeprüfung überstehen: Da sie diesmal nicht mit einem eigenen Hund an der Prüfung teilnahm, erhielt sie ein Tier, einen Dobermann, der Armee. Diesmal klappte es: Von 90 Prüfungsteilnehmern wurde Stevanovic als eine von 16 Rekruten in die Schutzhunde-Einheit aufgenommen – neben ihr waren noch sechs weitere Frauen dabei. «Wir Frauen hatten dabei nie einen Bonus und haben unsere Sache genauso gemacht», betont sie. Etwas anderes hätte sie auch nicht gewollt. Schliesslich sei sie freiwillig zur Armee gegangen.

Wie ihr Umfeld damals reagierte, als feststand, dass sie ins Militär gehen wird? Viele Personen hätten das nicht ganz nachvollziehen können: «Aber nein, kein Mensch geht doch freiwillig in die Armee», hätten diese zu ihr gesagt, blickt sie zurück und lacht. Ihre Eltern – und ganz besonders ihr Vater – hätten jedoch kaum stolzer sein können.

Als sie im Juli 2017 auf den Waffenplatz Sand in Schönbühl einrückte, war sie vorbereitet: Sie hatte ihre Kampfstiefel eingelaufen und ihr regelmässiges Lauftraining um Free­letics-Übungen ergänzt – eine Trainingsmethode, bei der man mit dem eigenen Körpergewicht seine Kraft und Stabilität trainiert. In den ersten vier Wochen durchlief sie die allgemeine Grundausbildung. In der fünften Woche wurde den Hundeführer-Rekruten dann ihr Hund zugeteilt. Jeder könne zwar gewisse Präferenzen angeben und die Ausbildner würden grossen Wert darauf legen, dass das Tier auch zur Person passe, führt Stevanovic aus. Falls man also daheim noch einen zweiten Hund habe, erhalte man wenn möglich ein Tier, das sich erwartungsgemäss besser mit anderen Hunden verträgt. Angst, dass gerade sie einen Hund mit grossen Macken kriegen könnte, hatte sie keine. «Kein Hund ist perfekt. Aber von wem kann man das schon behaupten?» Ihr wurde ein wolfsgrauer Deutscher Schäfer mit dem Namen Milan zugeteilt. «Ein wunderbares Tier», sagt Stevanovic und streichelt den Deutschen Schäferhund, der hinter ihrem Stuhl auf dem Boden liegt, am Rücken.

In den folgenden Tagen sollten die Rekruten ihr Tier kennenlernen – ­herausfinden, wie es tickt, was es mag, was nicht, worauf es wie reagiert und auch, woran man arbeiten muss. Dann begannen sie mit ersten Gebäudedurchsuchungsübungen. Bevor der Hund in ein Gebäude geschickt werden darf, muss erst ein Warnruf abgegeben werden, erklärt Stevanovic: «Achtung, Militär! Heraustreten oder ich schicke den Hund!» Bleibt eine Reaktion aus, lässt der Hundeführer sein Tier los, das, sobald es fündig geworden ist, zu bellen beginnt und so den «Treffer» anzeigt.

Den Hundezwinger putzen, Märsche, Waldläufe, Sicherheitskontrollübungen gemeinsam mit der Militärpolizei: Die Rekruten arbeiten permanent mit ihren Hunden. «Nachlässigkeit wird dabei nicht geduldet», so Stevanovic, die im vergangenen November ihre RS beendete und seit Mai den Wachtmeister abverdient. Das hat sie in ihrer eigenen RS-Zeit gelernt. Und wendet es jetzt auch bei ihren Rekruten an. «Der Hund kann nichts dafür, wenn man mal müde ist», hält sie fest. «Das Tier steht an erster Stelle. Das mache ich den Rekruten klar. Larifari gibt es bei mir nicht.» Die Tiere stammen aus einer Leistungszucht und müssen entsprechend beschäftigt werden.

«Und konsequent geführt», betont sie, «Das Militär kann keine Hundeführer nach Hause entlassen, die ihre Tiere nicht voll im Griff haben. Hundebesitzer können sich heute nichts mehr erlauben.»

Im Freien biwakiert

Ein Hund dürfe auf keinen Fall auf Jogger oder Velofahrer reagieren und ihnen hinterherrennen. An solchen Dingen gelte es während der ­Re­krutenschule zu arbeiten – denn auch in der Zeit danach gebe es keinen Platz für Nachlässigkeiten. Während Ste­vanovic das erzählt, richtet sich ein Elternpaar gemeinsam mit seinen zwei Kindern am Tisch hinter ihr ein. Die Tochter rempelt einen Stuhl in die Richtung von Milan, doch Stevanovic reagiert sofort und platziert den Schäferhund um. Milan gehorcht aufs Wort, bevor er seinen grossen Kopf wieder zwischen seine Pfoten legt. Das zweite Kind, ein vielleicht 8-jähriger Junge, bestaunt den Deutschen Schäfer weiterhin mit grossen Augen – die Hundeführerin bleibt wachsam.

Im vergangenen Jahr ist zwischen den beiden ein dickes Band ent­standen. Sie haben viel zusammen erlebt. Stevanovic ist im Militär eine Felswand hochgeklettert, während sie Milan um die Brust gebunden hatte. Und sie haben zusammen biwakiert. «Das war eines der Highlights, im Freien neben dem Hund ein­zuschlafen», erinnert sie sich. Sie sind auch gemeinsam Panzer ge­fahren. Und vielleicht werde bis zum Ende ihrer Militärzeit auch noch ein gemeinsamer Helikopterflug hin­zukommen. Wie lange dieses Ende noch auf sich warten lässt, weiss sie derzeit noch nicht. Stevanovic überlegt, ob sie auch noch auf die Offiziersschule will. Keine einfache Entscheidung: Denn dann müsste sie auch Milan wie Suela unter der Woche bei ihrem Freund oder ihren Eltern lassen.

Martin Schmidt

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