FC Sitten | Beim Walliser Eigengewächs Quentin Maceiras (24) stehen die Zeichen auf Abschied. Das wäre bedauerlich

Quentin, quo vadis?

Gedanken über das, was ist und noch sein wird. Quentin Maceiras auf dem Sittener Trainingsgelände in Riddes.
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Gedanken über das, was ist und noch sein wird. Quentin Maceiras auf dem Sittener Trainingsgelände in Riddes.
Foto: mengis media / Andrea Soltermann

Quelle: WB /ada 0

Quentin Maceiras erfüllt vieles, um für den FC Sitten so etwas wie ein perfekter Spieler im Portfolio zu sein. Noch ist er Teil davon, aber wie lange noch?

Das ist Quentin Maceiras, am 10. Oktober 1995 in Sitten geboren. Er war damals noch zu jung, um sich in der Fussballschule einzuschreiben. Um trotzdem dem runden Leder nachjagen zu können, profitierte er davon, dass sein Vater Trainer eines Bubenteams und sein grösserer Bruder Spieler just dieser Equipe war. Er ging einfach mit, so hat Ende der 1990er-Jahre alles angefangen mit Maceiras und dem Fussball.

In den Junioren des FC Sitten ist er gross geworden, 2013 wechselte er für eine Saison nach Siders, 2014 für eineinhalb Jahre zum FC Naters Oberwallis. Noch heute denkt er gerne an seine Zeit auf dem Stapfen zurück, der eine oder andere Kontakt ist geblieben. Der Rest seines Fussballerlebens kennt nur zwei Farben: Rot und Weiss. Kennt nur einen Klub: Sitten.

Einer, den man kennt

Maceiras ist ein Walliser Boy, ein bisschen südländisches Temperament lodert in ihm. Maceiras ist bissig im Zweikampf, hartnäckig, identifiziert sich mit seiner Heimat, seinem Klub. Mit diesen Eigenschaften ist er wie prädestiniert, für die Fans eine wichtige Bezugsperson zu sein. In Zeiten, in denen die Söldner noch vermehrter kommen und gehen, nicht zu unterschätzen. Ihn kennt man. Ein Schönspieler ist er nicht, im Spiel nach vorne muss er sich verbessern, noch präziser sein, aber Maceiras ist erst 24 und damit noch kein fertiger Spieler.

Für den Klub ist er dankbar, er besucht Kindercamps, an Autogrammstunden ist er oft dabei. «Das gehört dazu, ich mache es gerne, meine Bindung zum Verein ist nun mal grösser als bei anderen», sagt das Eigengewächs. Er will das nicht so verstanden haben, andere Spieler würden sich um die Belange das Klubs ausserhalb des Platzes foutieren.

«Jeder ist sich selber lieb»

Szenenwechsel, die Aktualität. Dem 24-Jährigen fehlt der Fussball selbstredend. «Ich bin der Wettkämpfer, der Matchtyp. Ich liebe den Spieltag, das Teilen der Emotionen mit den Fans im Stadion. Trainings sind nett, aber ersetzen das Matchfeeling nicht im Hauch», schmunzelt er. Auch das Homeoffice der Profifussballer dauert an, Motivationsprobleme macht Maceiras (noch) keine aus. «Speziell ist, dass wir jetzt Einzel- und nicht Teamsportler sind, aber im Endeffekt arbeite ich für mich. Mache ich einen Monat lang nichts, büsse ich später dafür. Dazu kommt, dass niemand weiss, wann es wieder losgeht. Für den Tag X müssen wir bereit sein», so der Verteidiger. «Jeder ist sich selber lieb.»

Wie alle anderen im Kader übermittelt er seine Trainingsdaten an den Trainerstab, dazu pro Woche ein Bodyfoto als Nachweis. Er fühlt sich nach eigenen Angaben fit, macht sich aber keine Illusionen, dass das Restpensum der Saison vor der Türe steht. «Vor dem 1. Juni wird kaum gespielt, aber ich will die Saison unbedingt zu Ende bringen. Es gibt wirtschaftliche wie sportliche Gründe dafür. Und vergessen Sie nicht, wir sind im Cup-Viertelfinal», macht der Unterwalliser klar. Auf die Fans wird er vorläufig wohl verzichten müssen. «In einer ausserordentlichen Lage wie jetzt, in Ordnung, Gesundheit hat absolute Priorität. Aber auf Dauer Fussball ohne Fans, das geht nicht.»

Er weiss, dass seine Mannschaft ohne die von Präsident Christian Constantin entlassenen neun Spieler klar weniger Qualität besitzt. Auf den möglichen Abstiegskampf in der Super League sagt Maceiras mit Respekt, aber frei jeglicher Angst: «Erfahrung im Abstiegskampf ist wichtig, die haben wir jetzt nicht mehr im
gleichen Umfang. Aber wir haben immer noch eine gute Truppe beisammen. Oder wer hätte den FC St. Gallen auf Platz 1 erwartet?»

Sensibilität in der Familie

Quentin Maceiras hält sich an das, was dieser Tage hohes Gebot ist. Er bleibt daheim, er tut das mit seiner Freundin, den zwei Katzen und zwei Hunden. Seine Mutter ist Krankenschwester, sensibilisiert auf die aktuelle Weltlage ist er und denkt an einige Menschen aus seinem Umfeld, die positiv getestet wurden. «Darunter auch der Grossvater einer Kollegin, der kürzlich und leider am Virus verstorben ist.»

Maceiras ist nachdenklich, aber klar im Kopf, als es zuletzt darum ging, mit dem Verein solidarisch zu sein und auf Lohn zu verzichten. Der 24-Jährige sprach sich zwar mit ein paar Teamkollegen ab, «aber Mithelfen war für mich selbstverständlich. Ich weiss, der Fussball ist eine besondere Welt, viel Geld ist im Spiel und das kann so manchem den Kopf verdrehen. Es tat aber weh, zu hören und zu lesen, alle Fussballer seien völlig realitätsfremd und abgehoben. Ich kann nur für mich reden, für mich war diese Geste selbstverständlich».

«In die Augen schauen können»

Man glaubt ihm, das Schicksal seines Stammklubs sei ihm nicht egal. Er denkt mit seinem Lohnverzicht nicht nur an das Heute, sondern an später. «Sollte ich dereinst weggehen, aber später wieder ins Wallis zurückkehren, will ich den Menschen des Klubs ins Gesicht schauen können. Ich kenne alle Angestellte, hier bin ich gross geworden. Ich will, dass es dem Klub und damit den Leuten auch künftig gut geht.»

In der Mannschaft ist Maceiras insbesondere mit Goalie Kevin Fickentscher gut befreundet, er hat die letzten Wochen aber auch bei Kollegen wie Jean Ruiz oder Roberts Uldrikis nachgefragt. «Meine Freundin ist bei mir, meine Eltern und Familie sind sehr nahe, ich kann mich privilegiert fühlen. Aber sie, sie sind völlig alleine hier, Familienbesuche in beide Richtungen gehen nicht.»

Zweiter Szenenwechsel, der Blick richtet sich in die Zukunft. Maceiras spielt seine vierte Saison in Sitten, 72 Spiele in der Super League, zehn im Cup und zwei in der UEFA Europa-League-Qualifikation sind es bis jetzt geworden. Als Rechtsverteidiger wurde er mehr und mehr zur Konstanten, aber die Entwicklung stockt. Schwer zu glauben, dass sich das ändert. Leicht zu glauben, der Spieler müsste mal raus aus dem Wallis, um den nächsten Schritt zu machen.

Ist ein Klubwechsel nötig für den nächsten Schritt?

Trainer kamen und gingen, Spieler ebenso. Ein Neuanfang alle paar Monate und Enttäuschungen, die nicht ausblieben. Der Walliser sagt selber, «was ich hier in bald vier Jahren erlebt habe, erleben andere in ihrer ganzen Karriere nicht». Es könnte vielleicht etwas einfacher auszuhalten sein, spielte der FC Sitten um Titel. Aber das tut er nun mal nicht. «Die Konstante ist leider negativ, sie kann ermüdend sein», gibt der Rechtsverteidiger offen zu. Mental hat er das eine oder andere Tief schon hinter sich.

Sein Vertrag läuft aus, Maceiras ist ablösefrei zu haben. Sein Berater ist Michel Urscheler (siehe WB vom 1. April), man gibt sich bedeckt. Die Waffen auf dem Transfermarkt stehen still, «aber das kann sich ändern, sobald wir wieder an Fussball denken können», sagt Maceiras, der vom Internetportal «transfermarkt.ch» mit 800000 Euro Marktwert gehandelt wird. Interessenten aus der Super League soll es mehrfach geben, gerüchteweise ist auch Leader St. Gallen mit seinen vielen jungen Spielern dabei. Dessen Trainer Peter Zeidler kennt den Profi aus seiner Sitten-Zeit (2016/17). «Die haben nichts gestohlen und stark gespielt. Warum nicht», schmunzelt er auf die Frage, ob er sich ein grünes Trikot vorstellen könne. «Ich kann aber auch Hans Ritz anrufen, ob er mich nach Naters zurückholt, dann bliebe ich bei meinen gewohnten Klubfarben.» Jetzt lacht Quentin Maceiras und sagt, seine Wohnung im Unterwallis habe er nicht gekündigt. Vieles ist zurzeit noch im Dunkeln.

Aber, die Zeit und der FC Sitten haben spürbar genagt an diesem dienstbaren Spieler. Ohne ihn würde der Klub wieder ein Stück Wallis verlieren. Quentin, quo vadis?

Alan Daniele

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