Bildung | Eine kleine Schule in einem kleinen Dorf hat Grosses vor. Schulleiter Gsponer sagt:

«Wenn der Wettbewerb spielt, ist das für das Schulwesen gut»

Eigener Weg. «Hätte ich meine Ideen einbringen können, wäre ich in Leuk geblieben», blickt Damian Gsponer zurück.
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Eigener Weg. «Hätte ich meine Ideen einbringen können, wäre ich in Leuk geblieben», blickt Damian Gsponer zurück.
Foto: WB/Alain Amherd

Quelle: WB 0

Bratsch | Die gd-Schule in Bratsch ist anders. Auch besser? Schulleiter Damian Gsponer im Gespräch.

Damian Gsponer, ein Blick zurück auf ihre Schulzeit: Was ist geblieben?

«Ich habe als Kind immer gerne gespielt, war begeisterungsfähig und engagiert. Ich konnte diese Energie jedoch nicht in den Schulbetrieb einbringen. Ich musste oftmals Sachen machen, die mit meinem Lebensinhalt wenig zu tun hatten. Mein Ausweg: Ich spielte häufig den Clown, oftmals auch den Provokateur.»

Wieso konnten Sie Ihre Fähigkeiten, also die Begeisterungs­fähigkeit und die Neugierde, nicht in der Schule ausleben?

«Ich habe bereits damals vieles hinterfragt und konnte mich nur schwer damit abfinden, in der Schule rum­zusitzen. Wenn die Lehrperson mir aber Wertschätzung entgegenbrachte, war ich ein relativ einfacher, gut ­führbarer Schüler. War das nicht der Fall, habe ich provoziert. Und auch mal eine Ohrfeige kassiert. Heute gäbe es Bezeichnungen für mein Profil.»

Welche?

«Hyperaktivität würde sicher dazu­gehören.»

Also eine eher durchzogene Schulzeit. Und trotzdem wurden Sie Lehrer. Wie das?

«Es war nie mein Plan, Lehrer zu werden. Ich hatte aber durch Fussball­lager und andere Aktivitäten einen engen und häufigen Kontakt zu Kindern. Das hat mir gefallen. Als ich realisierte, dass ich dank der Passerelle an der Pädagogischen Hochschule studieren kann, habe ich die Chance gepackt. Dort bin ich aufgeblüht.»

Wussten Sie bereits damals, dass Sie nicht an einer «herkömmlichen» Schule tätig sein wollen?

«Ja, das wusste ich bereits sehr früh.»

Was ist eine gute Schule?

«In einer guten Schule fühlt man sich wohl und wird trotzdem gut auf das Leben vorbereitet.»

Das tönt naheliegend. Was heisst das konkret?

«Entscheidend ist, dass es keine Trennung zwischen Leben und Schule gibt. Der Unterricht muss realitätsnah und projektbezogen sein und er muss auf Werten basieren, die ein schönes Miteinander ermöglichen. Eine Schule muss aber auch fordern.»

Und auf was legen Sie besonderen Wert?

«Erstens auf Innovation. Wir haben viele Prozesse digitalisiert – von der Kommunikation bis zur Planung der Tagespläne, die die Schülerinnen und Schüler selber machen. Zweitens auf Bodenständigkeit. Die Kinder sollen raus in die Natur, draussen spielen und lernen. Wir wollen Innovation mit Bodenständigkeit verknüpfen.»

Warum haben Sie eine eigene Schule gegründet und Ihre Ideen nicht in einer bestehenden Schule umgesetzt?

«Wäre das möglich gewesen, wäre ich in Leuk geblieben, wo ich ja Schul­direktor war. Aber die Rahmenbedingungen haben nicht gepasst.»

Was für Rahmenbedingungen?

«Mein Haltung ist es beispielsweise, dass auch Kinder mit einer Behinderung hier zur Schule gehen können. Würden die Rahmenbedingungen dazu stimmen, bräuchten wir keine Sonderschulen, die übrigens hervorragende Arbeit leisten. Meine Schule soll für alle da sein. Auch die verschiedenen Konditionierungs- und Kontrollmechanismen passen nicht zu meiner Schulidee.»

Das heisst, eine Schule ohne ­Noten – der Traum eines jeden Schülers. Aber der Leistung ­abträglich.

«Wie kann ich meine Schülerinnen und Schüler dazu ermuntern, Fehler zu machen, wenn diese sogleich sanktioniert werden? Das widerspricht sich. Oder wie sollen die Kinder vernetzt denken lernen, wenn wir den Unterricht in Fächer aufsplitten? Diese Strukturen aufzubrechen, ist schwierig. Daher habe ich die gd-Schule gegründet.»

Es gibt viele Konzepte für Schulen. Schlussendlich sind aber die Pädagogen entscheidend.

«Natürlich. Das beste Konzept bringt nichts, wenn die Lehrer das Konzept nicht leben. Daher habe ich grosse Achtung und Bewunderung vor den Personen, die diesen Job tagtäglich engagiert und motiviert ausüben. Egal an welcher Schule.»

«Entscheidend wird sein, wie sich unsere Abgänger später bewähren»

Das Berufsbild des Lehrers verändert sich. Sind die Lehrer genügend offen für Veränderungen?

«Die Wertschätzung gegenüber dem Lehrerberuf hat abgenommen. Früher war der Lehrer eine Art Lexikon, er wusste viel und war daher eine Autorität im Dorf. Heute gibt es Wikipedia. Daher muss sich der Beruf wandeln. Vom Wissensvermittler zum Menschen- und Beziehungsspezialisten.»

Was heisst das?

«Ein Lehrer muss die Idee eine Kindes aufnehmen können und diese kanalisieren. So realisiert das Kind, dass aus einer Idee etwas Konkretes entstehen kann. Ein solcher Prozess ist für ein Kind eine fantastische Erfahrung.»

Und wo bleibt der Lehrplan? Wo bleiben die Themen, die ein Kind in der Schule nun mal ­lernen muss?

«Die Kinder erreichen die Lernziele bei der Umsetzung ihrer Ideen. Ohne sich dessen bewusst zu sein.»

Funktioniert das? Kontrollieren Sie die Lernziele?

«Wir sind eine junge Schule, haben entsprechend wenig Erfahrungswerte und ein kleine Stichprobe. Doch unsere Schülerinnen und Schüler haben im letzten Jahr die kantonalen Jahresprüfungen absolviert. Sie haben überdurchschnittlich abgeschnitten. In allen Fächern, auf allen Stufen.»

Obwohl die Lernziele nicht ­konkret erarbeitet wurden?

«Wenn man Wissen nur mit Büchern vermittelt, isoliert von der Lebenswelt, ist das wenig nachhaltig. Verknüpft man Lernen mit der Lebenswelt, bleibt Wissen haften.»

Ihre Schule wird oft mit Vorurteilen konfrontiert. Es sei eine «Gschpirsch-mi-Schule», vielleicht gar ein «Larifari-­Betrieb». Was sagen Sie dazu?

«Wir erhalten in der Tat viele Ferndiagnosen. Wir sind indes sehr strukturiert und die Abläufe sind klar definiert. In unserem Schulhaus ist es relativ ruhig. Das überrascht viele, wenn sie das erste Mal bei uns sind. Zudem wird die gd-Schule wissenschaftlich begleitet. Wir können also zumeist konkrete Fakten liefern, wenn wir mit Vorurteilen konfrontiert werden. Entscheidend wird sein, wie sich unsere Abgänger im Berufsleben oder im ­Studium bewähren. Das wird unser Qualitätsmanagement sein.»

Ein weiteres Vorurteil: Hier sind vor allem Kinder, die mit der ­öffentlichen Schule nicht klargekommen sind?

«Wir haben verschiedenste Kinder mit verschiedensten Begabungen hier. Wir haben in der Tat Familien, die sich hier melden, weil sie mit der öffentlichen Schule nicht einverstanden sind. Andere finden einfach unser Konzept interessant.»

Viele Eltern, die ihre Kinder in die gd-Schule schicken, sind selber Lehrer oder haben einen pädagogischen Hintergrund. Wie erklären Sie sich das?

«Das stimmt. Pädagogen beschäftigen sich beinahe täglich mit Bildung. Sie machen viele Erfahrungen und können gut abschätzen, ob unser Modell für ihr Kind passend ist oder nicht.»

Sie sind für die freie Schulwahl. Wieso?

«Das würde unsere Finanzierung regeln. So könnten wir unsere Schule weiterhin für alle Kinder öffnen, unabhängig vom Einkommen der Eltern. Unsere grosse Warteliste verlangt nach einem Ausbau. Von daher befürworte ich die freie Schulwahl.»

So gefährden Sie die öffent­lichen Schulen in den kleineren Bergdörfern. Weil die Kinder in den grösseren Gemeinden ­eingeschult werden können.

«Das Beispiel von Bratsch zeigt doch, dass Bergdörfer auf andere Schulmodelle umsteigen können, die erfolgreich und anziehend sind. Für Bergschulen wäre die freie Schulwahl also eine grosse Chance – wenn sie innovativ sind. Und zudem ist die freie Schulwahl ein einfaches und kostenneutrales Qualitätsmanagement.»

Wie das?

«Sobald eine Schule weiss, dass sie gute Arbeit leisten muss, wenn sie überleben will, setzt das Prozesse in Gang, die für die Qualität einer Schule entscheidend sein können. Wenn der Wettbewerb spielt, ist das auch für das Schulwesen gut. Wer gute Arbeit leistet, kann diese Initiative mit Gelassenheit betrachten.»

Interview: Armin Bregy

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Zur Person

Damian Gsponer (35) ist Initiant und Schulleiter der gd-Schule in Bratsch – eine Schule ohne Schulfächer, ohne Stundenplan, ohne klassischen Unterricht und bis zur Sekundarstufe ohne Prüfungen und Noten. Die gd-Schule hat grossen Zulauf, wird aber auch kontrovers diskutiert. Nach einer KV-Lehre stieg Gsponer in die Bildungsbranche ein. Er ist ausgebildeter Kindergarten- und Primarlehrer sowie diplomierter Lerntherapeut. Während sechs Jahren war Gsponer Direktor der Regionalschule in Leuk, weiter war er an der Pädagogischen Hochschule Wallis als Dozent tätig. Aktuell absolviert er das Master-Studium für die Sekundarschule 1. Gsponer ist verheiratet und Vater von drei Kindern

«Schüälziit» - Die Serie

Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonen, Eltern und Experten: Die Schule steht im Fokus verschiedener Akteure – und diese haben jeweils verschiedene Ansprüche und Forderungen an das Bildungswesen. Der «Walliser Bote», 1815.ch und rro. ch widmen sich in den kommenden Wochen intensiv der Schule von morgen. In der Serie «Schüälziit» sprechen wir mit Leuten, die etwas zur Schule zu sagen haben. Wir fragen, wie es um die Schule im Wallis steht und wie sie sich verändern muss, um den verschiedenen Ansprüchen gerecht zu werden. Kommende Woche mit Patrice Clivaz und Peter Summermatter von der Pädagogischen Hochschule Wallis.

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