Trient/Martinach | Alt-Bundesrat Pascal Couchepin

«Ich bin für eine Erhöhung des Rentenalters»

Alt-Bundesrat Pascal Couchepin.
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Alt-Bundesrat Pascal Couchepin.
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Vor zehn Jahren ist Pascal Couchepin (77) aus dem Bundesrat zurückgetreten. Vor den anstehenden National- und Ständeratswahlen ­erklärt er, warum er auf einen Sitzgewinn der FDP im Nationalrat hofft und die Erhöhung des Rentenalters befürwortet.

Wir treffen Sie in Trient, am Fusse des Mont Blanc. Was verbinden Sie mit diesem Ort?

Meine Familie hat hier seit mehr als 100 Jahren eine Wohnung und ich habe hier etwa 20 Jahre lang meine Sommerferien verbracht. Meine Mutter sagte schon immer, das Klima sei hier besser als in Martinach, auch wegen dem Gletscher. Das hat man auch während der Hitze­periode in diesem Sommer gespürt. War es morgens in Trient im Schnitt um die 17 Grad warm, zeigte das Thermometer in Martinach während der gleichen Tageszeit rund 25 Grad.

Vor zehn Jahren sind Sie aus dem Bundesrat zurückgetreten. Haben Sie den Entscheid je bereut?

Ich habe es nie bereut, Bundesrat zu werden, und ich habe auch den Rücktritt nie bereut.

Auch zehn Jahre nach Ihrem Rücktritt sind Sie immer noch medial präsent…

Ich bin noch präsent, wenn ich das brauche. Von Zeit zu Zeit mag ich gerne mal wieder ein Interview geben, weil mich Politik immer noch interessiert.

Was haben Sie in den letzten zehn Jahren seit Ihrem Rücktritt gemacht?

Ich war und bin in verschiedenen Organisationen tätig. So war ich unter anderem Vertreter der Frankofonie für Burundi und die Demokratische Republik Kongo. Wir waren da eine Gruppe von Vermittlern, die versucht haben, Lösungen für die Konflikte zu finden. Zudem bin ich Präsident der Stiftung für die Päpstliche Schweizergarde.

Seit einem halben Jahr ist der Kanton Wallis mit Viola Amherd wieder im Bundesrat ­vertreten. Wie haben Sie ihre Wahl erlebt?

Es hat mich interessiert, nicht mehr und nicht weniger, auch darum, weil sich Altbundesräte nicht in das Wahlverfahren einmischen. Als Walliser hatte ich aber natürlich Freude über die Wahl.

Viola Amherd wurde mit einem Glanzresultat gewählt. Sie wurden damals erst im fünften Wahlgang gewählt…

Je näher der Wahltag kam, desto wahrscheinlicher wurde die Wahl von Frau Amherd. Bei meiner Wahl war das Gegenteil der Fall. Anfangs gab es einen oder zwei mögliche Kandidaten, am Ende waren es deren fünf. Aber ich habe in meinem Leben oft bemerkt: Wenn ich für einen Posten kandidierte, gab es immer ganz plötzlich ­viele Interessenten. Als Gemeinderat habe ich damals als Sekretär für die Bezirkspartei kandidiert, einen Posten, den normalerweise niemand wollte. Aber mich hat das interessiert, weil ich gute Beziehungen zum Präsidenten hatte und viel bewegen wollte. Ganz plötzlich – zum ersten Mal im Jahrhundert – gab es einen Gegenkandidaten. So nach dem Motto: Wenn Couchepin das will, dann ist das interessant, dann will ich das auch. Aber in fast allen Fällen hatte ich hinterher ganz gute Beziehungen zu meinen Konkurrenten, das war auch als Bundesrat so.

«Das Wallis sollte zwei FDP-Nationalräte haben»

Wie aufmerksam verfolgen Sie die Entscheide des Bundesrates, vor allem wenn es um Krankenkassenprämien, die Erhöhung des Rentenalters oder die Invalidenversicherung geht, an der Sie persönlich intensiv gearbeitet ­haben…

Zu den Krankenkassenprämien äussere ich mich nicht, weil ich die Sache nicht schwieriger machen will, als sie schon ist. Eine Erhöhung des Rentenalters ist wohl unumgänglich. Ganz einfach da­rum, weil man sonst die jungen Leute benachteiligt gegenüber der älteren Generation. Man sollte diesen Schritt wagen, sonst wird das immer einem Pflaster auf einem Holzbein gleichen. Ich finde es falsch, wenn man Arbeitgeber und Arbeitnehmer noch mehr zur Kasse bittet in einer Zeit, in der der Wettbewerb schwieriger ist. Darum glaube ich, dass man eine Rentenerhöhung langsam angehen sollte. Die Invalidenversicherung habe ich saniert. Leider hat man es verpasst, trotz gegenteiliger Versprechen nach meinem Abgang die IV langfristig sicher zu machen.

Wie intensiv beschäftigen Sie sich noch mit der kantonalen Politik?

Ich interessiere mich sehr für Politik, bin persönlich aber nicht mehr so engagiert. Aber ich bin immer noch davon überzeugt, dass es dem Wallis guttun würde, wenn es einen zweiten FDP-Nationalrat bekommen würde, auf Kosten der SVP. So wäre ein besserer Ausgleich garantiert.

Als Bundesrat haben Sie häufig Kritik an der SVP geübt, inzwischen hat die Partei auch im Wallis Fuss gefasst. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Gesamtschweizerisch sieht man, dass die SVP nicht in der Lage ist, auf moderne Fragen zu antworten. Sie will keine Beziehung mit Europa, was fast lächerlich ist. Wir können Europa nicht durch China und die USA ersetzen. Wir machen ungefähr 60 Prozent unseres Handels mit Europa, allein der Handelsaustausch mit Baden-Württemberg ist grösser als mit China und den USA. Darum ist ein gutes Verhältnis mit Europa unausweichlich. Ausserdem: Was hat die SVP auf Bundesebene gebracht? Die Partei hat dafür gesorgt, dass das Arbeitsklima schlechter geworden ist und die Zusammenarbeit schwieriger. Man sieht das an SVP-Bundesrat Guy Parmelin. Er wagt nicht zu sagen, was ihm seine Spezialisten raten: Freihandel ist gut für das Land, obschon es auch Nachteile bringt. Darum wäre es gut für das Wallis, zwei FDP-Nationalräte zu haben. Viel hängt dabei vom Oberwallis ab, obwohl wir nicht mit vielen Stimmen aus dem Oberwallis rechnen. Aber wir lassen uns überraschen.

Vor 20 Jahren hat Ihre Partei, zusammen mit der SP, den damals vorherrschenden C-Parteien im Staatsrat den Kampf angesagt. Heute kämpft die Partei wohl eher gegen die SVP?

Mit Peter Bodenmann habe ich vor Jahren immer einen Konsens gefunden, und wenn man eine Lösung mit ihm gefunden hat, war er treu. Heute wäre es aber demokratischer, zwei C-Staatsräte zu haben und je einen Vertreter der anderen ­Parteien. Ich würde zwar nie für einen SVP-Mann wie Freysinger stimmen, aber wenn ein Kandidat aus dem Oberwallis kommt, wäre ich offen, diesen zu unterstützen – einen normalen SVP-Vertreter im BDP-Stil.

«Ich würde einen SVP-Politiker aus dem Oberwallis unterstützen»

In letzter Zeit hat die FDP wegen der ­Ausrichtung der Klimapolitik von sich reden gemacht. Unterstützen Sie die Haltung Ihrer Parteipräsidentin Petra Gössi?

Was Parteipräsidentin Gössi gemacht hat, ist intelligent. Auch dass sie ein bisschen nachgegeben hat. Wir haben nie eine Politik mit dem Klima gemacht, sondern immer eine gute Politik für das Klima. Den Beweis dafür habe ich schon in den 1980er-Jahren als Präsident von Martinach erbracht, als wir ein Fernwärmenetz aufgebaut haben, dem heute 7000 Leute in Martinach angegliedert sind. Wir haben auch schon in dieser Zeit Versuche mit Windturbinen und Biogas gemacht und waren immer der Meinung, dass es die Grünen nicht braucht, um gute Arbeit zu leisten. Denn die Grünen wollen eine Reduktion des Wachstums. Wir glauben, dass es unmöglich ist, Probleme zu lösen, wenn es kein Wirtschaftswachstum gibt.

Im nächsten Herbst stehen auch Ständeratswahlen bevor. Für Spannung sorgen könnte vor allem der Wahlkampf um den frei werdenden Ständeratssitz im Unterwallis. Wie schätzen Sie die Chancen von FDP-Nationalrat ­Philippe Nantermod ein?

Man wird sehen. Es ist noch zu früh, darüber zu sprechen, es wird auch viel vom ersten Wahlgang abhängen. Nantermod hat aber in der Vergangenheit viel von sich reden gemacht und ist in der «SonntagsZeitung» als bester Nationalrat des Wallis beurteilt worden.

Muss das Oberwallis damit rechnen, bald schon nicht mehr im Ständerat vertreten zu sein?

Nein. Ich bin zwar immer gegen Quoten gewesen, aber ich habe mich in meinem Leben stets für einen Oberwalliser Ständerat eingesetzt. Die Freisinnigen hatten immer einen Sinn für Gerechtigkeit.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen dem französisch- und dem deutschsprachigen Wallis aus Ihrer Sicht entwickelt?

Man sollte das verbessern. Darum habe ich einen Vorschlag gemacht bei der Wahl des Grossen ­Rates. Es gibt 130 Grossräte. Das sollte so bleiben. 100 dieser Grossräte sollte man nach dem heutigen Proporzsystem wählen, 30 sollte man im ganzen Kanton wählen können. Diese hätten dann die Aufgabe, sich miteinander sprach- und regionsübergreifend für die Interessen des ganzen Kantons einzusetzen.

Wagen Sie eine Prognose – wie werden die Sitze im Nationalrat nach den Wahlen im Herbst verteilt sein?

Das werden wir sehen.

Christian Zufferey

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Infos

Vorname Pascal
Name Couchepin
Geburtsdatum 5. April 1942
Familie verheiratet, drei Kinder
Funktion Alt-Bundesrat
Hobbies Lesen, Spazieren

Die Walliser FDP wird die C-Vorherrschaft im Ständerat brechen.

Joker

In vier Jahren könnten beide Walliser Ständeräte aus dem Unterwallis kommen.

Nein

Viola Amherd wird sich als Bundesrätin im VBS gut behaupten.

Ja
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

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