Interview | Ärztepräsidentin Dr. Monique Lehky Hagen

«In unserer Gesellschaft hat man verlernt zu sterben»

«Die Probleme im Gesundheitswesen sind gewaltig», Dr. Monique Lehky Hagen.
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«Die Probleme im Gesundheitswesen sind gewaltig», Dr. Monique Lehky Hagen.
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Quelle: RZ 0

An der Gesundheitsmesse «Planète Santé» in Martinach suchte die Walliser Ärztegesellschaft (VSÄG) den Dialog mit den verschiedensten Akteuren im Gesundheitswesen. Die RZ hat mit VSÄG-Präsidentin Dr. Monique Lehky Hagen anlässlich der Messe über die verschiedenen, drängenden Fragen im Bereich der medizinischen Versorgung gesprochen.

Monique Lehky Hagen, wenn Sie ganz grundsätzlich an das Walliser Gesundheitswesen denken, wie ist dann Ihre Stimmung?

Gespalten. Es kommt darauf an, von welchem Teil des Gesundheitswesens man spricht. Im nicht spitalambulanten Sektor, also dem Bereich der medizinischen Versorgung durch Hausärzte und Spezialisten mit eigenen Praxen, gibt es Anlass zu grosser Sorge. Ganz einfach gesagt fehlt es massiv an jungen Ärztinnen und Ärzten, die im Wallis eine Praxis betreiben möchten. Dieses Problem kennt man zwar im ganzen Land, bei uns ist es jedoch besonders akut.

Dafür läuft es im spitalambulanten Bereich ziemlich rund, gerade im Oberwallis. Am hiesigen Spitalzentrum geht man für dieses Jahr von einem Wachstum der Zahl der ambulanten Behandlungen von sieben Prozent aus.

Das kann ja gar nicht anders sein. Es werden immer mehr Behandlungen ambulant durchgeführt, die Leute sind deswegen aber nicht weniger krank. Entsprechend steigt die Zahl ambulanter Behandlungen. Problematisch ist dabei, dass der Druck, diesen Bereich auszubauen, steigt, da es, wie gesagt, an Medizinern ausserhalb des Spitals fehlt. Zwar sind ambulante Behandlungen im Spital günstiger, als wenn man die Patienten stationär betreut, doch im Vergleich zu einer Versorgung ausserhalb der Spitalstrukturen trotzdem kostenintensiver. Auch besteht die Gefahr, die unabhängige, niedergelassene Ärzteschaft weiter zu schwächen, die aber als Alternative zur Spitalmedizin eine für die Patienten wichtige Rolle spielt.

Ihr Auftritt an der Gesundheitsmesse «Planète Santé» stand unter dem Motto, Jung und Alt dazu zu bewegen, sich eigene Gedanken zu machen. Warum dieser Grundgedanke und nicht eine Präsentation der eigenen Leistungen, wie es die anderen Standbetreiber getan haben?

Wir sind überzeugt, dass es für die Probleme im Gesundheitswesen, und die sind gewaltig, nur Lösungen gibt, wenn sich alle Akteure einbringen und die Bevölkerung konstruktiv in den nötigen Reformprozess einbezogen wird. Wir müssen am Bewusstsein arbeiten, dass die Medizin sich im Spiegel unserer gesellschaftlichen Entwicklung verändert. Wir können unsere Medizin nicht verändern, wenn die Gesellschaft nicht mitzieht. Deshalb braucht es einen intensiveren Meinungsaustausch.

Lassen Sie uns über diese Probleme sprechen. Sie haben sich an der «Planète Santé» auf ein paar konzentriert. Das erste war die Medizin im Spannungsfeld von Gesetz und ethischem Handeln. Warum war es Ihnen wichtig, diese Problematik aufzugreifen?

In der Medizin sind Ärzte, Patienten und Behörden immer wieder mit unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert, die sich teils massiv widersprechen. Diese Problematik haben wir mit Kollegiumsschülern aus dem Ober- und Unterwallis anhand des Films «Fortuna» diskutiert. In diesem Film von Germinal Roaux, der auf dem Simplonpass spielt, zeigen sich einige solcher Spannungsfelder sehr eindrücklich. Beispielsweise gibt Fortuna, das 14-jährige schwangere Flüchtlingsmädchen, an, es sei volljährig, um seinen Geliebten zu schützen. Um das tatsächliche Alter zu bestimmen, ordnen die Behörden an, dass es gegen den Willen des Mädchens durch ein Knochenröntgenbild bestimmt werden soll. Der Mediziner, der die Untersuchung vornehmen muss, steht damit vor dem ethischen Dilemma, wem er nun mehr verpflichtet ist: dem Patienten oder dem Staat?

Nehmen denn solche ethischen Konflikte zu?

Diese Konflikte waren immer schon da und werden es auch bleiben. Die Ärzteschaft muss immer wieder den Diskurs mit der Gesellschaft und der Politik suchen, um auf durch die gesellschaftliche Entwicklung bedingte neue ethische Fragestellungen antworten zu können, zum Beispiel beim Datenschutz. Dieser kommt durch die zunehmende Digitalisierung zunehmend unter Druck. Dies haben wir ebenfalls in einer aussergewöhnlichen Konferenz unter Mitwirkung des Vizedirektors des Bundesamts für Statistik mit einer eindrücklichen «Live-hacking-Demonstration» zeigen können.

Ein weiteres Problem, auf das die Walliser Ärztegesellschaft eingegangen ist, war ziemlich naheliegend, jenes der ständig steigenden Kosten im Gesundheitswesen.

An diesem Thema führt kein Weg vorbei. Wir wollten aber einmal aufzeigen, dass eigentlich schon sehr viel gegen die steigenden Kosten getan wird, und das nicht nur von Ärzten. Darum haben wir zwölf Partnerorganisationen, unter anderem die Apotheker, die Samariter und Pro Senectute, eingeladen und sie gefragt, was sie eigentlich gegen die steigenden Kosten tun.

Und wie waren Sie mit den Antworten zufrieden?

Es war sehr spannend zu sehen, wie vielfältig die Angebote für bedürftige Menschen und Patienten bereits sind und wie wenig man eigentlich voneinander weiss. Der Austausch stiess auf viel Resonanz und es wurde einstimmig gewünscht, mindestens einmal jährlich Treffen dieser Art zu organisieren, um die Partner näherzubringen und das Zusammenarbeitspotenzial weiter optimieren zu können. Dies könnte sicher einen positiven Einfluss auf die Kostenentwicklung haben.

Ein weiteres Ihrer Podiumsgespräche an der «Planète Santé» war der Vergleich der Gesundheitskostenproblematik mit der Debatte um den Klimawandel. Worin liegt für Sie die Analogie?

In beiden Bereichen spürt man politisch und gesellschaftlich den Druck, etwas verändern zu müssen, bevor es zur Katastrophe kommt. Mit der aktuellen ‹grünen Welle› zeigt sich, dass ein grosser Teil der Bevölkerung zu einem Umdenken bereit ist und auch die Notwendigkeit, unser Konsumverhalten einzuschränken, um die vorhandenen Ressourcen zu schonen, endlich ‹salon-fähig› wird. Dieses Umdenken sollten wir auch zum Wohl unseres Gesundheitswesens nutzen.

Teilen Sie die Auffassung, dass wir es im Gesundheitswesen mit einer absehbaren Katastrophe zu tun haben, so wie es derzeit in den politischen Debatten den Anschein macht?

Ich denke, die Katastrophe ist nicht eigentlich im Gesundheitswesen zu erwarten, sondern in der Prämienentwicklung unseres Krankenkassenwesens. Dieses müsste dringend durchleuchtet und reformiert werden.

Erklären Sie das?

Die Kosten im Gesundheitswesen sind in den letzten Jahren ziemlich linear gestiegen. Die Prämien hingegen explodieren förmlich, ohne nachvollziehbare Erklärung. Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass die Prämien als politisches Druckmittel missbraucht werden, um ein ‹Globalbudget› diktieren zu können. Wenn die Krankenkassenprämie um 11,7 Prozent steigt, um eine nicht vorhersagbare ‹Risikokompensationskasse› unter Versicherern zu füllen, notabene ohne Mehrwert für den Versicherten, und handkehrum Versicherungen im Geld schwimmen, weil sie 20 Prozent Versicherte verloren haben, dann kann doch etwas nicht stimmen. Da gibt es keinen sinnvollen Zusammenhang mehr zwischen medizinischen Leistungen und Krankenkassenkosten. Es besteht ein grosser Klärungs- und Reformbedarf.

Gibt es andere Ähnlichkeiten zwischen der Klimadebatte und jener über steigende Gesundheitskosten?

Wir haben verlernt zu verzichten, und im Gesundheitswesen heisst das: In unserer Gesellschaft hat man verlernt zu sterben. Es gibt gewisse Krankheiten, die man nicht heilen kann, gewisse Einschränkungen, die man nicht beheben kann. Die technische Entwicklung verleitet uns aber dazu zu glauben, dass wir alle Grenzen und Schwierigkeiten überwinden können. Das führt zu Exzessen.

Das heisst?

Wir müssen unsere Grenzen wieder annehmen lernen und uns gleichzeitig auch unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden. Gesundheit ist nicht nur eine persönliche Frage, sondern betrifft unsere ganze Gesellschaft, wie beim Klima.

Zusammengefasst: Ich soll auf eine mögliche, aber teure Behandlung verzichten, damit das Gesundheitssystem finanzierbar bleibt, und mich mit meinem Schicksal abfinden?

Überspitzt gesagt, manchmal ja. Wichtig ist aber, dass eine solche Entscheidung freiwillig bleibt, sprich, dass Patient und Arzt diese gemeinsam treffen können. Das andere wäre die auf keinen Fall wünschenswerte Zweiklassenmedizin. Wenn wir das System stabilisieren wollen, so müssen wir freiwillig situativ auf Behandlungen verzichten lernen. Eben genau so, wie es beim Klimaschutz ist. Auch das Gesundheitswesen hat nur begrenzte Ressourcen, mit denen wir alle gemeinsam besonnen umgehen müssen. Eine Haltung, wonach nur die anderen es richten sollen, führt uns an kein Ziel. Wir stehen alle in der Verantwortung.

Paradoxerweise kämpfen Sie schon länger und intensiv für eine bessere Bezahlung der Ärzte im Wallis. Wie geht das mit Ihren Aussagen zu Verzicht zusammen?

Wie gesagt, fällt es uns schwer, junge Ärztinnen und Ärzte dazu zu bewegen, sich im Wallis niederzulassen. Das liegt zu einem grossen Teil daran, dass die Rahmenbedingungen im Wallis zu schlecht sind. Welcher junge Arzt kommt hierher, wenn er für den gleichen Lohn 20 Prozent mehr arbeiten muss als in einem anderen Kanton? Fehlt es aber an der Grundversorgung, so müssen die Patienten auf die viel teurere Spitalinfrastruktur zurückgreifen. Es ist richtig, wir verlangen für die Walliser Mediziner einen höheren Taxpunktwert, aber mit der Überzeugung, dass damit ein sonst drohender massiverer Kostenanstieg verhindert werden kann.

Einige Gemeinden haben damit begonnen, Gesundheitszentren einzurichten, um junge Mediziner anzulocken. Was halten Sie von dieser Strategie?

Es ist auf alle Fälle ein Zeichen dafür, dass die Problematik der fehlenden Grundversorgung von den Gemeindeverantwortlichen wahrgenommen wird. Die Idee ist grundsätzlich nicht schlecht, aber leider nicht wirklich zielführend. Man zäumt das Pferd sozusagen von hinten auf. Reine Immobilienprojekte bewegen Ärzte kaum dazu, sich bei uns niederzulassen. Es bräuchte ein gemeinsames Konzept mit der Ärzteschaft. Stossend ist, dass sich die Krankenkassen einfach aus dieser wichtigen Problematik komplett ausgeklinkt haben.

Martin Meul

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Infos

Zur Person

Vorname Monique
Name Lehky Hagen
Geburtsdatum 29. Dezember 1971
Familie drei Kinder
Beruf Ärztin
Funktion Präsidentin Walliser Ärztegesellschaft
Hobbies Musik, Lesen, Reisen

Nachgehakt

Ich würde nochmals Ärztin werden. Ja
Ich habe mehr Ärger mit der Bürokratie
als mit dem Kampf gegen Krankheiten.
Nein
Das Walliser Gesundheitswesen hinkt
jenem in anderen Kantonen hinterher.
Nein
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

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