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FC Sitten ohne Constantin – Chance oder Ruin?

Christian Constantin. Wie lange kümmert er sich noch um die Akten des FC Sitten?
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Christian Constantin. Wie lange kümmert er sich noch um die Akten des FC Sitten?
Foto: RZ-Archiv

Die «Gradin Nord» im Tourbillon. Je höher sich der FC Sitten in der Tabelle klassiert, desto besser ist die Stehrampe besetzt.
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Die «Gradin Nord» im Tourbillon. Je höher sich der FC Sitten in der Tabelle klassiert, desto besser ist die Stehrampe besetzt.
Foto: RZ-Archiv

Quelle: RZ 0

Der FC Sitten ohne seinen Präsidenten Christian Constantin? Ist das möglich? Selten war sein Abgang so wahrscheinlich wie jetzt. Was passiert während der Weihnachtszeit?

Gehasst oder geliebt. Schwarz oder Weiss. Nur wenige Persönlichkeiten polarisieren in der Schweiz so stark wie der starke Mann des FC Sitten. Der FC Sitten verdankt seinem Präsidenten Christian Constantin viel. Er ist erfolgreich. Bei sieben der insgesamt 13 Cupsiege ist er Präsident des Vereins. Einen der zwei Meistertitel in der Klubgeschichte darf er als Präsident feiern. Das geschieht alles in den vergangenen 20 Jahren. In Bern, St. Gallen, Luzern, Lausanne, Genf oder Neuenburg träumen die Fans von solchen Erfolgen. Siege wecken im Präsidenten die Lust auf mehr. Erfolg macht hungrig.

Seit 20 Jahren fehlt eine Strategie
Nach dem Meistertitel 1992 zieht sich André Luisier zurück und Christian Constantin wird erstmals Präsident des Vereins. Der beliebte Luisier weiss bereits damals: «Ich war ein Präsident mit Herz, der neue schaut nur aufs Geld.» Doch auch Constantin hat oft bewiesen, dass er ein grosses Herz hat. Dem FC Thun spendet er in einer finanziell schwierigen Situation 5000 Franken. Die Aussicht auf das grosse Geld treibt ihn immer wieder an. Erstmals in der Saison 1997/1998. Nach dem Meistertitel locken die Champions-League-Millionen. Constantin setzt alles auf eine Karte. Sitten ist in der Qualifikation gegen Galatasaray Istanbul chancenlos. Und Constantin muss sich vorwerfen lassen, zu viele Spieler ohne klares Konzept und ohne jegliche Strategie eingekauft zu haben. Ein Fehler, der sich wiederholen wird.

Eine Seuchensaison
Heute, 20 Jahre nach der verpassten Champions-League-Quali, macht Constantin noch immer dieselben Fehler. Er kauft Spieler ein, ohne dabei eine Strategie zu verfolgen. In jedem professionell geführten Sportunternehmen sitzen Geldgeber und Trainer zusammen und verfolgen eine Strategie auf dem Transfermarkt. Wie will der neue Trainer spielen lassen? Welcher Charakter passt in unser Team? Welches Nachwuchstalent hat Potenzial, sich in der ersten Mannschaft durchzusetzen? Nicht so im «Tourbillon». Constantin verzichtet auf einen erfahrenen und gut vernetzten Sportchef und überlässt diese Aufgabe seinem Sohn. Das Resultat: Sitten spielt gegen den Abstieg. Sitten fliegt im Cup gegen einen Klub aus der 1. Liga Promotion raus und Sitten ist gegen eine halbe Amateurmannschaft aus Litauen in der Europa-League-Qualifikation chancenlos. Es ist ein Desaster. Eine Seuchensaison. Und dann kommt für den Präsidenten noch die 14 Monate lange Stadionsperre hinzu, weil er TV-Experte Rolf Fringer in den Hintern getreten hat. Das ist zu viel für Constantin. Zieht er sich nun schon bald zurück? Und: Wie geht es ohne ihn beim FC Sitten weiter? Die RZ hat dazu zwei Personen gefragt, die den Präsidenten sehr gut kennen.

«Constantin hat die Freude verloren»
Alex Burgener aus Zermatt nennt Constantin seinen wohl besten Freund. Burgener vertraut er viele Details rund um den FC Sitten an. Burgener ist einer der wenigen Freunde, die über die «Causa Salatic» informiert sind, der auf mysteriöse Weise auf einmal nicht mehr für Sitten spielte. Der Zermatter Burgener zeigt sich überrascht, als er im «Tages-Anzeiger» einen Artikel über Constantin liest, in dem der Präsident zitiert wird, womöglich den Bettel im Dezember hinzuschmeissen. «Da ich soeben aus dem Urlaub zurückkam, wusste ich nichts darüber und rief Constantin gleich an.» Der Präsident – er liest die deutschsprachige Presse nicht – fragt bei Burgener nach, wie denn seine Statements wiedergegeben wurden, und sagt dann bloss: «Ah, okay.» Doch was steckt hinter dieser Aussage wirklich? Will sich Constantin zurückziehen? Was lange für unmöglich gehalten wird, schliesst Burgener nicht aus. «Ich bemerke eine Sättigung, er hat die Freude in den vergangenen Monaten verloren.» Eine zentrale Rolle spielt dabei auch das Stadionverbot gegen Constantin. Es dauert 14 Monate. Das Spiel gegen Luzern am vergangenen Samstag schaut sich Burgener gemeinsam mit Constantin in dessen Wohnung an.

Constantins Ansprache zur Mannschaft
Wie Alex Burgener kennt auch Stéphane Fournier, langjähriger Journalist der Zeitung «Le Nouvelliste», Christian Constantin sehr gut. Er sagt: «Das Aus in der Europa-League-Qualifikation hat Constantin tief getroffen, die Enttäuschung danach war bei ihm riesig.» Den Journalisten Fournier beeindruckt, wie viel Leidenschaft, Zeit und Energie Constantin in den Verein steckt. «Hinzu kommen die finanziellen Mittel», fügt er an. Glaubt er, dass Constantin demnächst zurücktritt? «Das wird er nicht tun», sagt Fournier und erklärt: «Er ist kürzlich vor die Mannschaft getreten und hat voller Zuversicht und Hoffnung zu ihr gesprochen, das würde er bei Rücktrittsgedanken nicht machen.» Der Patron des FC Sitten ist einer, der nicht nur vor die erste Mannschaft tritt. Auch in der Kabine der U16- und U18-Mannschaft lässt er sich zwischendurch blicken und spricht zu den jungen Talenten. Für Fournier ist klar, dass die «Leidenschaft bei Christian Constantin noch viel zu gross ist», als dass er demnächst aufhören könnte. Constantin ist jedoch ein Pokerface, es ist schwierig abzuschätzen, was er wirklich plant. Deshalb sei die Frage erlaubt, was wäre der FC Sitten ohne Christian Constantin? Für Stéphane Fournier und Alex Burgener ist klar, dass der Verbleib in der Super League dann Utopie wäre, doch haben sie wirklich recht?

Es gibt potenzielle Nachfolger, aber...
Das Budget für die Profimannschaft des FC Sitten beträgt circa 23 Millionen Franken. Nur die Berner Young Boys und der FC Basel haben offiziell mehr Geld zur Verfügung, um ihren Super-­League-Klub in der höchsten Liga zu finanzieren. zehn Millionen Franken vom Budget erwirtschaftet der Präsident aus Gegengeschäften. Circa 4,5 Millionen Franken zahlt er aus der eigenen Tasche. Die Rechnung ist simpel: Ohne Constantin beträgt das Budget des FC Sitten noch zwischen acht und neun Millionen Franken. Zum Vergleich: Der FC Thun arbeitet mit rund elf Millionen Franken. Für Stéphane Fournier ist deshalb klar: «Es gibt im Unterwallis zwar Leute, welche die finanziellen Mittel haben, um den FC Sitten zu übernehmen, doch die wollen nicht in den Sport investieren.» Fournier betont, dass es nicht ausschliesslich ums Geld geht. «Es braucht auch das nötige Engagement, sonst kann man einen Verein nicht erfolgreich führen.» Dass der HC Siders, der HC Red Ice Martinach oder der Basketballklub aus Sitten in Konkurs gegangen sind, dämpft die Hoffnung bei Fournier, dass es einen geeigneten Nachfolger gibt, der sowohl die finanziellen Mittel wie auch das nötige Engagement mit sich bringt. Der Unterschied ist jedoch, dass Sitten in der höchsten Spielklasse spielt. Die Fussball-Super-League ist attraktiver als Basketball oder die vierthöchste Eishockeyliga der Schweiz. Entsprechend lassen sich dafür einfacher Sponsoren finden. Weiter kann sich Sitten – unabhängig von seinem Budget – auf seine «Modefans» verlassen. Sie gehen dann ins Stadion, wenn Sitten erfolgreich ist. Ein Beispiel: Als Trainer Peter Zeidler vor einem Jahr Sieg an Sieg reiht, strömen im Heimspiel gegen den FC Lugano über 10 000 Fans ins Stadion. Ist Super-League-Fussball also doch auch ohne Constantin möglich? Alex Burgener ist skeptisch. Er sagt: «Ich zweifle daran, dass jemand bereit ist, so viel Geld und Leidenschaft in den Verein zu stecken, wie es Constantin seit Jahren macht.»

Sättigung durch Misserfolg?
Es wird wohl unmöglich sein, einen Nachfolger zu finden, der in Constantins Fussstapfen treten kann, doch womöglich lassen sich mehrere Einzelpersonen finden, die den FC Sitten eines Tages übernehmen. Spitze Zungen aus Fankreisen des FC Sitten sind überzeugt, dass der Walliser Super-League-Klub mit einem weit kleineren Budget heute nicht schlechter dastehen würde, als er es zurzeit tut. Konkret: ein Rang in der unteren Tabellenhälfte und das frühe Cup-Aus gegen die Amateure von Lau­sanne-Ouchy. Geld schiesst keine Tore. Genau darin besteht eine grosse Chance für eine Super-League-Zukunft ohne Constantin. Diese Idee erhält Rückenwind wenn man bedenkt, dass kürzlich namhafte Spieler wie Zverotic, Constant, Acquafresca oder Carlitos in die U21 abgeschoben wurden. Wer die Saläre dieser Stars addiert, bemerkt schnell, wo Sitten Geld einsparen kann. Kaum ein anderer Klub in einem professionell geführten Fussballunternehmen, nimmt langfristig über 30 Spieler für seine erste Mannschaft unter Vertrag. Neben den anstehenden Kosten entsteht dadurch eine Unzufriedenheit mehrerer Spieler. Bis zu zehn Spieler schaffen es nicht ins Aufgebot bei einem Ernstkampf. Der FC Sitten und Präsident Christian Constantin drehen sich im Kreis. Wie vor der Saison 1997/1998 fehlen ein Konzept und eine Strategie. Erfolg macht hungrig. Bringt der Misserfolg eine Sättigung?

Simon Kalbermatten

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