Glis | Zu Besuch im Atelier von Carine Andenmatten

Mit Farbe und Pinsel ein Zeichen gegen die Leistungsgesellschaft setzen

Im Atelier «Sterntaler» soll der eigene Ausdruck gefunden werden.
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Im Atelier «Sterntaler» soll der eigene Ausdruck gefunden werden.
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Therapeutin Carine Andenmatten.
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Therapeutin Carine Andenmatten.
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In ihrem Atelier in Glis gibt Carine Andenmatten Kindern die Möglichkeit, ganz ohne Bewertung zu malen. Das soll helfen, den eigenen inneren Ausdruck zu finden. Ein Besuch.

Eigentlich widerspricht schon meine blosse Anwesenheit im Atelier Sterntaler in Glis dem Konzept, welches Carine Andenmatten in ihren Räumen verfolgt. Ich bin nämlich gekommen, um Dinge aus dem Atelier in die Öffentlichkeit zu tragen. Doch genau das soll eigentlich nicht passieren. «Das Atelier ist normalerweise ein Ort, an dem sich Kinder und Erwachsene geborgen und verbunden fühlen können», sagt die diplomierte Mal-, Gestaltungs- und Imaginationstherapeutin denn auch. Doch für einmal will sie an diesem Mittwochnachmittag eine Ausnahme machen.

Kein Zeichenkurs

Kurz nach 13.30 Uhr trudeln dann auch schon die ersten Kinder ein. In dem hellen Raum hängen an den bunt gesprenkelten Wänden unbemalte Papierbahnen, in der Mitte steht eine sogenannte Gemeinschaftspalette mit vielen verschiedenen Farben und hochwertigen Pinseln. Die Kinder suchen sich einen Platz aus und legen direkt los. Gerne würde ich sie fragen, was sie denn zu malen gedenken, doch diese Frage ist tabu, erklärt mir Carine Andenmatten sofort. «Malen und Gestalten im Atelier heisst, sich freimachen von Vergleichen, Ansprüchen, Forderungen, Meinungen und einengenden Wertvorstellungen», erklärt die Maltherapeutin, «Das bedeutet, dass es nicht um das Endprodukt, sondern um den Prozess geht.» Deshalb wäre meine Frage, was das Ziel des Malprozesses sei, vollkommen kontraproduktiv. Daher fragt auch sie selbst nie nach der Bedeutung eines Bildes, ihre Aufgabe besteht lediglich im Unterstützen, zum Beispiel wenn es darum geht, eine spezielle Farbe
anzumischen oder Reissnägel zu versetzen. Auf maltechnische Unterstützung wartet man bei der Maltherapeutin hingegen vergeblich. «Wir sind hier nicht in einem Zeichenkurs», sagt sie. «Zeichnen kommt vom Wort ‹zeigen›, die Kinder sollen aber für sich malen und nicht für irgendjemand anderen.» Konsequenterweise heisst das natürlich auch, dass die Eltern der sechs Kinder die Werke ihrer Sprösslinge nur in Ausnahmefällen zu Gesicht bekommen, die Eltern dürfen eigentlich nicht einmal den Raum betreten.

Den eigenen Ausdruck finden

Während sich die Papierbahnen der Kinder mit Farbe und Formen füllen, geht Carine Andenmatten auf die positiven Effekte eines bewertungsfreien Malens ein. Kinder, sagt sie, kämen mit einer grossen Weisheit, aber ohne Erfahrung zur Welt. «Die Erwachsenen versuchen dann, diesen Mangel an Erfahrung durch Vorschriften zu füllen. Das führt dazu, dass der eigene Ausdruck sowie das Gefühl, ‹ich bin okay, wie ich bin›, verloren geht und die Kinder unsicher werden.» Darum lehrt sie auch keine Techniken. «Ich möchte Menschen in ihrem Selbstwertgefühl stärken und sie unterstützen, ihren eigenen Ausdruck zu finden. Das Vermitteln von Techniken unterstützt eher eine ‹So wie du es machst und bist, ist nicht in Ordnung›-Vorstellung.» Von einem therapeutischen Ansatz will Andenmatten dabei in diesem Zusammenhang nicht reden, sie verwendet lieber das Wort «prophylaktisch». «Der berühmte Maldienende und Forscher Arno Stern, bei dem ich zusätzlich eine Intensivausbildung besucht habe, sagt zwar: Malen an sich ist heilend», zitiert die Mutter von drei Kindern. «Wenn jemand etwas auf seine Weise ausdrücken darf, heilt und befreit allein schon dieser Akt. Kinder und Erwachsene kommen beim Malen mit sich selbst in Kontakt. Da in diesem Raum kein Leistungsdruck herrscht, nimmt die Angst ab, wird der Kopf frei und das Herz öffnet sich.» Mit dem Malatelier will Andenmatten denn auch ein Zeichen gegen die Leistungsgesellschaft setzen. «In unserer Gesellschaft steht das analytische Denken im Zentrum. Dabei bleibt die Kreativität auf der Strecke», erklärt sie. «Kreativität hingegen bedeutet das Entdecken und Finden von eigenen Lösungen, eigenen Lernmöglichkeiten sowie das Erkunden der eigenen Ausdrucksweise. Dies will ich im Atelier fördern.»

Geschützter Raum

Inzwischen nähert sich die Malstunde der Kinder ihrem Ende. Carine Andenmatten ist zufrieden. «Man hat wieder einmal gemerkt, dass die Kinder sich öffnen konnten, einerseits weil sie ihren eigenen geschützten Raum zum Arbeiten haben, gleichzeitig aber auch jederzeit miteinander in Kontakt treten können», freut sie sich. «Das Wichtigste ist, dass die jungen Leute ein Erlebnis haben, denn diese Erlebnisorientiertheit ist es, die einen weiteren zentralen Grundpfeiler eines solchen Malateliers darstellt.» Teil dieses Erlebnisses war heute natürlich auch meine Anwesenheit. Doch das, wie gesagt, nur ausnahmsweise. Denn eigentlich hat ein Journalist mit Kamera in einem geschützten Raum rein gar nichts verloren.

Martin Meul

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