Tourismus | Polyester-Vliese auf dem Rhonegletscher sorgen für Ärger

«Lasst den Gletscher in Würde sterben!»

Die Polyester-Tücher auf dem Rhonegletscher dominieren die Szenerie.
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Die Polyester-Tücher auf dem Rhonegletscher dominieren die Szenerie.
Foto: Walliser Bote

Quelle: WB 0

«Lasst den Gletscher wenigstens in Würde sterben!», macht ein Kommentarschreiber in den sozialen Medien seinem Ärger Luft und steht mit dieser Meinung nicht alleine da. Unter Naturfreunden und Bergsteigern sorgen die Polyester-Vliese auf dem Rhonegletscher seit Jahren für rote Köpfe. Urheber der Abdeckung ist die Familie Carlen, die seit über 180 Jahren im dortigen Gletschereis eine Grotte betreibt. Ein Unterfangen, das aufgrund des schwindenden Eises stetig aufwendiger wird und nach immer stärkeren Eingriffen verlangt. Die Kritik an dem Gebaren der Betreiberfamilie hat sich in diesem Jahr weiter zugespitzt.

Massive Zunahme der Abdeckungen

Bei einem Besuch vor Ort wird klar, weshalb. Innerhalb eines einzigen Jahres ist das abgedeckte Areal enorm angewachsen. Als ich noch vor einem Jahr für eine Alpenpass-Reportage auf dem Furkapass weilte und vom Gletscherpfad aus einen Blick auf den Rhonegletscher warf, waren die graubraun verfärbten Vliese wie in den Jahren zuvor zwar augenfällig, aber noch überschaubar. Bloss ein Jahr später dominieren sie den Ausblick von derselben Stelle aus bereits komplett. Sie überspannen ein Gebiet so gross wie mehrere Fussballfelder. Hoch wie Mehrfamilienhäuser überragen jene Eisflächen am östlichen Rand der Gletscherzunge, die am längsten mit Polyester-Tüchern vor dem Sonnenlicht geschützt werden, das benachbarte Eis. Hier und dort ist die Abdeckung aufgerissen und die losen Enden flattern im Wind. Das Vlies kann mit den Bewegungen des Gletschers und den Verformungen des schmelzenden Eises nicht mithalten. Die älteren, graubraunen Tücher wechseln sich deshalb mit neuen, noch strahlend weissen ab, mit denen die ­Abdeckung fortlaufend repariert wird. Der Bereich erinnert an einen Flicken­teppich. Oder an Beduinenzelte. Gleich mehrere Kritiker bezeichnen sie als «Leichentücher» für den sterbenden Rhonegletscher. «Die Leichentücher müssen weg!», wird auf Facebook gleich mehrfach gefordert. Unter anderem von Bergführer und Extremalpinist Kilian Volken. «Das ist eine verdammte Riesensauerei!», lässt Volken auf Nachfrage Dampf ab. «Ich habe noch selten in den Bergen eine solche Verschandelung gesehen, nicht mal im Himalaja… Wann wird da endlich eingeschritten?», meldet sich auf Facebook ein weiterer Kritiker zu Wort. Die Abdeckungen sind «mehr als gaga», «ein Schandfleck» und «mega hässlich» urteilen andere. Die Gäste trauen bei dem Anblick ihren Augen nicht», so Bergführer Raphael Imsand.

Sicherheitsrisiko? Schwerverletzter am Gletscher

Mehr als über die Optik ärgern sich Bergführer und Tourengänger aber über das Sicherheitsrisiko. Der Zugang auf das Eis sei aufgrund der Abdeckungen stark erschwert, schreiben gleich mehrere. Raphael Imsand bestätigt: «Da der Gletschersee bis an die Tücher heranreicht, kommt man linksherum nicht mehr aufs Eis.» Es bleibe einzig der Weg entlang der rechten Moräne. Diese führt jedoch durch Steinschlaggebiet. Und da die abgedeckte Fläche stark angewachsen sei, müsse man sich deutlich länger dieser Steinschlaggefahr aus­setzen, um an den Vliesen vorbei auf den Gletscher zu gelangen, so Imsand. Ob die Bergsteiger die Situation nicht etwas dramatisieren? «Vor zwei Wochen ist dort ein Tourist von einem Steinschlag erwischt worden», berichtet Imsand. Er selbst stand als Bergretter im Einsatz. Der Verunfallte hatte die Absicht, an den Tüchern vorbei auf den Gletscher zu laufen, um von dort ein Foto ohne die Abdeckungen zu knipsen.

Beim Unfall hatte er schliesslich Glück im Unglück, meint Imsand. Obwohl sich der ausländische Gast dabei beide Beine brach und an der Schulter verletzte, verlor er nicht das Bewusstsein und war noch in der Lage, die 144 zu alarmieren. Der erste Rettungsversuch mit einem Helikopter der Air Zermatt musste aufgrund des einsetzenden Gewitters abgebrochen werden. Als der Hubschrauber den Notarzt zusammen mit Imsand nachts um 21.30 Uhr endlich beim Gletscher absetzen konnte, wurde erst der Verunfallte ausgeflogen. Dann wäre der Bergretter an der Reihe gewesen. Doch das Wetter verschlechterte sich erneut und Imsand musste zu Fuss vom Gletscher herunter. Über die Tücher. Nicht ganz ungefährlich, wie Imsand erzählt: «Man weiss nicht, ob da­runter ein Spalt oder eine Vertiefung ist.»

Steinschläge in diesem Perimeter sind keine Seltenheit. Darauf weisen einerseits das Geröll entlang der Moräne und ein paar Steine auf den Tüchern hin. Aber auch die Schilderungen auf Facebook. «Wir haben es mehrfach poltern hören», schrieb der eine. «Dauernd kommts runter», ein anderer. «Unverständlich, was da abgeht. Brauchts zuerst einen Unfall, bis gehandelt wird?», fragt sich der Gommer Gemeinderat
Leo Garbely.

Er wisse nicht, ob in der Zwischenzeit vielleicht sogar ein Schild angebracht worden sei, mit dem auf die Steinschlaggefahr hingewiesen wird,
so Imsand. Vor Ort ist davon aber nichts zu sehen.

«Und das alles nur aus finanziellen Gründen», so Volken, und meint damit die Verschandelung und das Risiko. Ein Vorwurf, mit dem er nicht alleine dasteht. «Da gehts ja nur ums Geld, um jeden Preis die Grotte erhalten…», «Das ist Tourismus unterster Schublade (…) Und das alles nur um des Geldes willen», «Noch zwei Jahre Geld schaufeln, dann hat es hoffentlich ein Ende», werden den Betreibern einzig monetäre Motive unterstellt.

Vorwurf der Gier

Dass das Geld eine Rolle spielt, bestreitet Philipp Carlen denn auch nicht. Er nimmt im Namen der Familie Stellung und empfängt mich in seinem Anwaltsbüro in Brig. Das Bestehen der Grotte sichere auch der übrigen touristischen Infrastruktur, bestehend aus Souvenir-Shop und Snack-Buvette, einen Fortbestand, so Carlen. Er betont jedoch auch die über 180-jährige Familientradition der Grotte, die inzwischen in 4. Generation betrieben werde. Eine Tradition, die man solange es geht, am Leben erhalten will. Die Familie ist auch neben der ­Grotte unzertrennbar mit dem Furkapass verbunden. 1988 erwarb sie das Hotel Belvédère, das von 1994 bis 2010 von Philipp Carlen und seiner Frau geführt wurde. Anschliessend wurde es noch während dreier Jahre verpachtet. Seither steht das Hotel leer. Die übrige Infrastruktur soll nicht dasselbe Schicksal ereilen. Dafür hat man vorausblickend in einen Kneipp- und Alpengarten investiert. Doch auch an der Grotte wird man noch länger festhalten. In diesem Sommer wurden für mehrere Zehntausend Franken ein paar Hundert Quadratmeter neue Polyester-Vliese verlegt. Dazu kommen die Kosten für die Installation und die Transportflüge. «Mit dieser Investition wollen wir bereits heute das Eis an den Stellen erhalten, wo die Grotte in ein paar Jahren sein dürfte», so Carlen. Der vergangene Sommer war mit Blick auf den Substanzverlust des Gletschers verheerend. Zwischen neun und zehn Meter», schätzt Carlen. Und zwischen zwei und drei Meter an den Stellen, wo das Eis abgedeckt war. «Unter den Abdeckungen kann der Schmelzvorgang um bis zu
70 Prozent reduziert werden», sagt Carlen. «Ohne die Abdeckungen gäbe es
die Grotte wohl schon nicht mehr», ergänzt er. Und ohne die Vlies-Abdeckungen wäre der Zugang zum Gletscher weitaus schwieriger, als es gegenwärtig der Fall sei. Dann würde der See unterhalb der Zunge von einer Bergflanke bis zur anderen reichen. Und ohne Tücher am östlichen Rand wäre dort der an die dunklen Felsen angrenzende Gletscherrand deutlich stärker abgeschmolzen. Instabile Eisbrücken wären die Folge. Die Steinschlaggefahr ist Carlen bekannt. «Als die Grotte noch höher lag, mussten wir dort selbst Felssicherungsarbeiten durchführen», sagt er. Inzwischen sei dies jedoch nicht mehr notwendig.

Bergführer und Tourengänger würden zudem beim Passieren des Souvenirshops und auf dem Gletscherpfad einen Privatweg nutzen. «Das lassen wir toleranterweise zu», so Carlen weiter. Der öffentliche Zugang würde über den Vier-Quellen-Weg oberhalb des Souvenirladens hindurchführen.

Die Familie verfügt auf dem Areal über alte Nutzungsrechte, die vom Bundesgericht in den 1930er-Jahren bestätigt wurden. Dazu zahle man Jahr für Jahr eine nicht unerhebliche Pacht für die Ausbeutungsrechte an den Kanton Wallis, damit man die Grotte ins Eis schlagen kann.

Carlen würde sich jedoch nur zu gerne mit den Bergführern an einen Tisch setzen. Auch er sieht für die Gewährleistung eines sicheren Weges auf den Gletscher Handlungsbedarf. Dazu müsste man über die Parkplatzsituation sprechen. Denn ein Teil der Parkplätze, die von Tourengängern genutzt werden, sind ebenfalls im Besitz der Carlens. Auch hier müsste eine Lösung her, sagt der Anwalt.

Wie aus einer Fantasiewelt

Zum Vorwurf der verschandelten Optik äussert er sich eher defensiv: Es gebe immer wieder Leute, die meinten, der ansonsten schwarz verfärbte Gletscher sei an den Stellen mit den Vliesen weiss geputzt worden.

Zudem habe man ökologisch abbaubare Abdeckung aus Schafwolle getestet. Das Material fiel als Alternative durch, weil es mit den Temperaturen nicht klarkam.

Inzwischen werde das Sujet auch immer wieder von Künstlern aufgenommen, so Carlen. Beispielsweise für Modefotografien mit Models in Kaschmir­kleidern. Genauso gibt es aber kritische Künstler, wie Peter Baracchi, der die Entwicklung auf dem Rhonegletscher als «jedes Jahr ein wenig grotesker» beschreibt und die Vlies-Abdeckungen als Sujet in einer dreidimensionalen Bilderreihe verarbeitet hat. Tatsächlich lässt sich dem Anblick nach einer etwas längeren Verweildauer etwas abgewinnen, das über die Kritik der Landschaftsverschandelung hinausgeht. Ein morbider Charme, als befinde man sich in einer Welt, die der Fantasie des Filmemachers Guillermo del Toro entspringt, der mit seinem jüngsten Werk «A Shape of Water» an der letzten Oscar-Verleihung vier Trophäen abräumte. Im weichen Licht der Morgensonne erblüht die Mondlandschaft, zeigt sich mit feinen Farbnuancen. Dahinter die zuletzt ausgerollten Vliese, die mit ihren Konturen wie ein auf ewig erstarrtes Meer wirken und dem an warmen Tagen um zehn Zentimeter weichenden Gletscher etwas von seiner einstigen Unvergänglichkeit zurückgeben. Im direkten Kontrast davor, die mehrfamilienhaushohe, verhüllte Landschaft aus Eishügeln, die mehr als alles vor Ort die Vergänglichkeit des Rhonegletschers zeigt. Den Betrachter förmlich beim Schmelzprozess zusehen lässt, während er die tröpfelnden Rinnsale unter den Tüchern hört, die sich im namenlosen See sammeln und sich gebündelt und umso geräuschvoller über die Felskante talabwärts ergiessen.

Wer den Gletscher bestaunen will, dürfte sich an den Tüchern stören. Wer der Vergänglichkeit der Dinge wegen den Gletscherpfad entlangschlendert, dürfte dem grotesken Anblick etwas abgewinnen können. Einen, wie es ihn wohl nicht mehr allzu lange geben wird. Sobald der Aufwand den Ertrag übersteigt, werde man die Grotte nicht mehr weiterbetreiben, so Carlen. Dann wird man den Gletscher noch einige Zeit als solchen geniessen können, bevor er, gemäss aktuellen Prognosen, bis zum Ende des Jahrhunderts auf ein mickriges Häuflein zusammenschmilzt.

Martin Schmidt

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