Visp/Peru | Frontalinterview mit Schweizer Botschafter in Peru

«Bei Botschaftsempfängen serviere ich einen guten Tropfen Heida»

Markus-Alexander Antonietti.
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Markus-Alexander Antonietti.
Foto: zvg

Markus-Alexander Antonietti (r.) mit dem früheren peruanischen Staatspräsidenten bei der Überreichung des Beglaubigungsschreibens.
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Markus-Alexander Antonietti (r.) mit dem früheren peruanischen Staatspräsidenten bei der Überreichung des Beglaubigungsschreibens.
Foto: zvg

Quelle: RZ 0

Als Botschafter vertritt er seit mehreren Jahren die Schweizer Interessen in aller Herren Länder. Mittlerweile amtet er in der peruanischen Hauptstadt Lima, wo er auch mit arbeitslosen Kaugummiverkäufern spricht. Der Visper Markus-Alexander Antonietti (61) über den Botschaftsalltag und seine Empfänge mit einem guten Tropfen Heida.

Herr Antonietti, Sie sind seit 35 Jahren im diplomatischen Dienst und davon 15 Jahre als Botschafter tätig. Wie sind Sie Botschafter geworden?

Nach meinem Jurastudium habe ich mich beworben und musste eine Aufnahmeprüfung absolvieren. Diese besteht aus einem mündlichen und einem schriftlichen Teil und beinhaltet verschiedene Bereiche wie Völkerrecht, Wirtschaft, Geschichte, diplomatische Fragen usw. Als ich mich dafür beworben habe, waren wir etwas über hundert Bewerber, wobei ich dann einer von sieben war, welche es geschafft haben. Aber wie in vielen anderen Bereichen des Lebens auch, braucht es hierfür etwas Glück, und schliesslich zählt bei einem Examen vor allem die Persönlichkeit, welche für ein solches Amt das A und O ist.

Und schon ist man Botschafter und kann sofort die Leitung einer Botschaft übernehmen?

Nein, so schnell geht es schon nicht. Zuerst wird man Diplomat und wird in verschiedenen Ländern eingesetzt und hat dort unterschiedliche Aufgaben zu übernehmen. Die Diplomatie ist eine Tätigkeit, bei der die Erfahrung wichtig ist. Deshalb sind wir auch viele Jahre in verschiedenen Bereichen tätig, erst danach wird einem die Leitung einer Botschaft anvertraut. Als Botschafter war ich seither in Ecuador, Venezuela, in der Tschechischen Republik und nun seit mittlerweile etwas mehr als eineinhalb Jahren in der peruanischen Hauptstadt Lima.

Erzählen Sie uns über Ihren Alltag. Was macht ein Botschafter den ganzen Tag?

Das ist eine Frage, welche mir oft gestellt wird. (lacht) Ich kann aber eine einfache Antwort geben: Ein Botschafter macht Dinge, die der Schweiz nützen. Ich versuche Ziele mit anderen gemeinsam zu erreichen. Eine gute Aussenpolitik sollte sich meines Erachtens am Prinzip des beiderseitigen Vorteils ausrichten.

Zum Beispiel?

Ich versuche zwischen der peruanischen und der Schweizer Bevölkerung in Form eines konstanten Dialogs Brücken zu bauen, damit sich beide Seiten näherkommen und Ziele gemeinsam erreichen. Ich besuche beispielsweise schweizerische Unternehmen, rede mit den Verantwortlichen über ihre Probleme, um herauszufinden, wie die Botschaft helfen kann. Vor Kurzem habe ich mit dem peruanischen Aussenminister und dem Vertreter der Unido (Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung, Anm. Red.) ein Abkommen zur Zusammenarbeit in gewissen vom Seco unterstützten Bereichen unterschrieben. Das sind Dinge, die auch der Schweiz zugutekommen. Das Wirkungsfeld eines Botschafters ist breit gefächert und deckt wirtschaftliche, kulturelle und politische Bereiche sowie die Betreuung der Schweizer im Ausland ab. Daneben bin ich Chef von mehr als 30 Personen, welche Erwartungen in mich haben und welche täglich geführt werden müssen.

«Von einem Heimatbesuch nehme ich Wurst und Käse mit»

Erlauben Sie mir eine provokative These. Ihre Arbeit hat einen glamourösen Charakter…

Nein, das ist vielleicht die Wahrnehmung von aussen. Als Botschafter ist man ja kein Tourist und kommt deshalb mit allen Gesellschaftsschichten in Kontakt. Deshalb ist es mir auch wichtig, nach Möglichkeit jeden Tag den «sicheren Hafen» der Botschaft zu verlassen und spontan mit den Menschen auf der Strasse zu reden. So kommt es vor, dass ich morgens mit einem arbeitslosen Kaugummiverkäufer bei einer Ampel spreche und später ein Treffen mit einem Minister habe. Beide Treffen sind bereichernd und bei beiden hat man mit Menschen zu tun. Denn als Diplomat muss man vor allem eines gut können: zuhören und offen auf andere Menschen zugehen. Leider vergessen viele Menschen, dass zuhören wichtiger als reden ist.

Und zwischendurch telefonieren Sie gerade noch so mit einem Bundesrat?

(lacht) Nein, so ist es nicht. Natürlich stehe ich in regelmässigem Austausch mit Bern, aber gerade einfach so mit dem Bundesrat telefonieren, das mache ich definitiv nicht. Ich bin ja auch kein Selbstdarsteller, welcher sich verwirklichen will. Ich vertrete als loyaler Vertreter unsere Interessen in Peru ernsthaft und engagiere mich für Dinge, welche wie schon erwähnt letztendlich der Schweiz nützen sollten. Das braucht Ehrlichkeit, Beharrlichkeit, Offenheit und viel Kommunikation. Durchsetzungsvermögen und Standfestigkeit sind gefordert, keine deutlich ausgefahrenen Ellenbogen und keinen zu ungebremsten Ehrgeiz.

Erzählen Sie uns mehr über das Verhältnis Schweiz - Peru, über welches die Öffentlichkeit im Gegensatz zum Verhältnis Schweiz - EU nicht unbedingt viel weiss.

Wir wissen ja, dass viele Schweizer und auch Walliser in der Vergangenheit nach Südamerika ausgewandert sind. Dazu gehört auch Peru, wo es seit 75 Jahren eine sehr gute schweizerische Schule gibt. Doch Sie haben durchaus recht. In der Öffentlichkeit weiss man über die engen Beziehungen sehr wenig. Das hängt auch damit zusammen, dass Peru nicht einfach um die Ecke liegt.

Wie beschreiben Sie die Wahrnehmung der Schweiz im Ausland?

Immer wieder höre ich im Zusammenhang mit der Schweiz die typischen Klischees wie Käse und Sackmesser. Wenn man aber mit Menschen zu tun hat, die etwas mehr über uns wissen, so stellt man fest, dass wir ein hohes Ansehen haben. Die Schweiz ist auf der geografischen Landkarte klein, ist aber weltweit präsent und geniesst viel Respekt. Sei es im humanitären Bereich oder aber bei der internationalen Zusammenarbeit – man weiss, dass die Schweiz ein verlässlicher Partner ist, welcher es schafft, Lösungen zu finden. Und schliesslich ist die Schweiz auch das Land des Roten Kreuzes. Das weiss und registriert man im Ausland.

Als Vertreter der Schweiz tragen Sie wohl eine gewisse «Swissness» ins Ausland. Strahlen Sie als Visper auch eine Art «Wallisness» aus?

Jeder Botschafter ist auch nur ein Mensch und funktioniert somit unterschiedlich. Aber als Walliser steht für mich fest: Bei Empfängen in unserer Residenz serviere ich jeweils einen guten Tropfen Heida, von welchem ich recht viele Flaschen im Keller habe. Bei solchen Gelegenheiten zeigt sich dann die Heimat schon.

Und wie kommt der Heida an?

Sehr gut. Er wird geschätzt. Schweizer Produkte sind allgemein sehr beliebt, weil man weiss, dass Qualität dahintersteckt. Die Schweiz und unsere Interessen im Ausland vertreten zu dürfen ist ein grosses Privileg und ich bin dankbar, dies machen zu dürfen.

«Ich bin kein Manager irgendeines Clubhotels»

Trotz der grossen Distanz ein bisschen Heimat. Was vermissen Sie als viel gereister Mensch am meisten vom Oberwallis?

Eine schöne Wanderung «obudir» und ein tolles Raclette geniessen. Das ist schon etwas Schönes und bedeutet für mich Luxus. Wenn ich zurück im Oberwallis bei jemandem zu Besuch bin, werde ich oft gefragt, was man für mich kochen soll. Dann antworte ich immer dasselbe. Du musst gar nichts kochen. Mach eine gute Flasche Merlot oder Cornalin auf und dazu essen wir ein reifes Stück Simpiler Käse. Damit bin ich mehr als zufrieden und es zeigt mir, welche Privilegien wir Oberwalliser eigentlich besitzen. Nach einem Heimatbesuch (zweimal pro Jahr, Anm. Red.) nehme ich immer Würste und Käse mit, sodass die Kleider im Gepäck noch ein paar Tage danach riechen. (lacht)

Sie waren schon an vielen Ecken der Welt und nehmen das Wallis von aussen wahr. Was geben Sie den Wallisern mit auf den Weg?

Offenheit.

Gibt es ein Land, wo Sie niemals Botschafter sein möchten?

Ich bin kein Manager irgendeines Clubhotels. Wenn die Verantwortlichen in der Schweiz das Gefühl haben, dass ich die geeignete Person sein könnte, um in einem Land die Interessen der Schweiz zu vertreten, dann würde ich das nach bestem Wissen und Gewissen machen. Ich würde das Maximum geben, so wie dies bereits im schwierigen Umfeld des heutigen Kongo, während des internen Konflikts in Guatemala oder in den Schlussjahren der Chávez-Präsidentschaft in Venezuela der Fall gewesen ist.

An welches heikle Ereignis können Sie sich in Ihrer langjährigen Tätigkeit noch gut erinnern?

Ich habe heikle Momente erlebt, wie sicher andere Menschen im Leben auch. So beispielsweise im Jahr 1993, als es zu einer Entführung von Schweizer Bürgern in der Türkei durch die PKK kam und wir im Team die Landsleute freibekamen. Die Verstaatlichung von schweizerischen Interessen in Venezuela war ebenfalls eine Knacknuss.

Das Interview wurde telefonisch geführt.

Peter Abgottspon

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Infos

Vorname Markus-Alexander
Name Antonietti
Geburtsdatum 22. Juni 1958
Familie geschieden, zwei Kinder
Beruf Jurist
Funktion Schweizer Botschafter
Hobbies Wandern, Lesen, Tennis spielen
Ich trage gerne Inkahüte. Nein
Machu Picchu erinnert mich an ein
Walliser Bergdorf.
Nein
Ich bin der bessere Vermittler als mein Bruder Thomas Antonietti (Visper Gemeinderat). Joker
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

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