Frontal | Sexualtherapeutin

«Bei einem Orgasmus bebt die Erde nicht»

Anke Schüfller, Sexualtherapeutin
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Anke Schüfller, Sexualtherapeutin
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Brig-Glis | Sexualtherapeutin Anke Schüffler (47) liegt die sexuelle Gesundheit der Menschen sehr am Herzen. Im Frontal-Interview spricht sie über Schwierigkeiten im Bett, das Interesse an Sex-Spielzeugen und was sie sich von ihrer neuen Liebes-Kolumne erhofft.

Frau Schüffler, ist die Gesellschaft im Oberwallis in ­sexueller Hinsicht offen?

Nicht offener und nicht verklemmter als an allen anderen Orten auf der Welt. Ich denke, dass man auch nicht sagen kann, dass die «Jungen von heute» sexuell offener sind als ältere Menschen bei uns. Sexuelle Offenheit ist etwas sehr Persönliches und nicht direkt von der Gesellschaft ableitbar.

Ein Beispiel?

Von Zeit zu Zeit organisiere ich Partys, an denen ich verschiedene Sex-Spielzeuge präsentiere. Einmal war eine Frau von 78 Jahren mit dabei. Sie war begeistert und interessiert. Dann gibt es 19-jährige Frauen, die sich beim Anblick eines Vibrators unwohl fühlen und ablehnend reagieren. Jeder Mensch ist einzigartig und bringt seine ganz eigene Geschichte mit, seine sexuellen Fähigkeiten und Erfahrungen.

Wie meinen Sie das?

Der Mensch ist schon vor der Geburt ein sexuelles Wesen. Nach der Geburt beginnen wir die verschiedensten Dinge, die wichtig für unser Leben sind, zu erlernen und werden dabei von unseren Eltern und unserem Umfeld unterstützt und gefördert. Bei sexuellen Erfahrungen dagegen werden wir weniger gefördert. Fasst sich ein Kind zum Beispiel an seine Geschlechtsteile, so wird ihm das untersagt. Dann heisst es: «Das tut man nicht, fass dich da nicht an!» Die Folge kann sein, dass uns so wichtige körperliche Erfahrungen fehlen. Wir lernen nur zum Teil wie unsere Körper sexuell funktionieren, aber nicht wie wir Sexualität lustvoll geniessen und gestalten können. Wenn wir dann eines Tages erwachsen sind, sollen wir plötzlich im Bett etwas können, bei dem es uns schlicht an Wissen und Erfahrung mangelt. Das kann zu Problemen führen. Häufig höre ich den Satz: «Das ist so einfach, warum hat mir das keiner früher gesagt?» Sexuelle Erregung ist angeboren, guter Sex jedoch nicht. Es ist eine Fähigkeit, die erlernt wird.

Was für Probleme sind dies im Allgemeinen?

Es gibt viele Fragen, die sich häufen. Frauen haben oft Mühe, beim Sex abschalten zu können, verspüren keine Lust, haben Schmerzen beim Sex. Es fällt ihnen schwer den Moment zu geniessen, sich fallen zu lassen. Die Folge ist oft, dass sie Mühe haben zum Orgasmus zu kommen. Der Grund ist, dass ihnen die Erfahrung fehlt, wie sie Lust erleben können, ohne sich in irgendeiner Form kontrolliert zu fühlen. Wie gesagt, es wird nur selten akzeptiert, wenn sich ein Mädchen anfasst. Diese «Unterdrückung» der weiblichen Lust und Selbstentdeckung macht für viele Frauen den Sex zu etwas Verkrampftem. Je mehr Spannung desto weniger Genuss.

Und bei den Männern, wie sieht es da aus?

Männer stehen, was Sex betrifft, häufig unter gros­sem Druck. «Der Mann kann immer, hat immer Lust», heisst es da. Aber das ist ein Trugschluss. Auch Männer haben nicht immer Lust auf Sex. Diese Erwartungshaltung führt dann zu einem gestörten Verhältnis zum Geschlechtsverkehr. Das kann von Erektionsstörungen bis hin zum vorzeitigen Samenerguss gehen. Manche Männer haben auch Angst, dass sie Frauen enttäuschen und sich darum gar nicht trauen, sie überhaupt anzusprechen.

Sex ist also mit zu grossen Erwartungen verknüpft, zu kompliziert?

Ja, das denke ich auf jeden Fall. Nehmen wir zum Beispiel den Orgasmus. Da hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass, wenn man «kommt», die Erde bebt oder die Sterne vom Himmel fallen. Doch wie oft bebt die Erde hier bei uns? Bei einem Orgasmus bebt die Erde nicht, es ist etwas ganz Natürliches, es ist einfach ein Reflex der ausgelöst wird. Als Sexualtherapeutin versuche ich darum, den Menschen genau dies zu vermitteln. Sex ist etwas Einfaches und vor allem etwas, wo Körper und Kopf zusammen spielen.

Welche Rolle spielt dabei die Aufklärung durch Eltern und Schule?

In dieser Beziehung hat sich einiges getan. Das Wichtigste ist ein ungezwungener Umgang mit den Themen Liebe, Sex und Partnerschaft. Wenn ein Kind Fragen hat, warum eine Frau einen dicken Bauch hat, dann sollte man ihm darauf antworten, ohne es natürlich zu überfordern. Am besten finde ich es, wenn Aufklärung ein natürlicher Prozess ist, der sich den Fragen der Kinder und Jugendlichen anpasst.­ Oft reicht die Aufklärung durch die Familien nicht, darum ist es wichtig, dass sie in den Schulen­ unterrichtet wird. Schliesslich wünschen wir uns ja alle Gesundheit für unsere Kinder, inklusive­ der sexuellen Gesundheit. Das Rezept ist Ungezwungenheit.

Wenn es aber trotzdem nicht läuft im Schlafzimmer, kommen die Menschen zu Ihnen. Wie läuft das konkret?

In den meisten Fällen ist der Leidensdruck enorm für die Betroffenen und deren Partner/innen. Läuft es im Bett nicht mehr gut, zum Teil über Jahre hinweg, kommt irgendwann der Partner und sagt: «Entweder du unternimmst etwas, oder ich bin weg!» Das ist dann der Auslöser, der die Menschen dazu bringt, das Problem anzugehen. Viele finden mich im Internet oder gehen zuerst zum Arzt. Wenn das Problem aber keine medizinischen Ursachen hat, so bin ich dann der nächste Schritt. Meine Arbeit geht dann von den Zielen aus und baut auf die vorhandenen Fähigkeiten auf.

Mit dem Partner zusammen?

Nein. Die Störung hängt ja häufig nicht mit dem Partner zusammen, sondern ist etwas, was die Person allein betrifft. Sicher kann man von Zeit zu Zeit eine gemeinsame Standortbestimmung machen, aber sexuelle Gesundheit ist etwas Persönliches. Ich sehe das ganze aber auch nicht als Therapie im eigentlichen Sinne. Die Menschen, die zu mir kommen, sind nicht krank. Für mich ist es eher eine Weiterbildung. Man sagt ja auch nicht: «Dein Englisch ist nicht gut, du brauchst eine Englischtherapie.» Genau so ist es bei mir. Ich versuche aufzuzeigen, wie meine Klienten Lust und Sex sinnlicher erfahren und mehr Freude daran entwickeln können.

Sexuelle Probleme sind also gut behandelbar?

Ja, in der Regel kann man schnell Erfolge erzielen.

Wie sieht denn ein Erfolg aus?

Ein Beispiel: Einmal hatte ich ein Paar, dass erst spät zusammen gefunden hat. Beide wollten unbedingt Kinder. Aus Überzeugung hatten beide bis zur Ehe auf Sex verzichtet. Als sie dann verheiratet waren, klappte es nicht. Die Frau hatte Angst vor dem ersten Mal, der Mann hatte einen Orgasmus, bevor es überhaupt zum Geschlechtsverkehr kam. Nach ein paar Sitzungen kamen beide zu mir und sagten: «Wir sind schwanger.» Das sind die wirklich schönen Momente meiner Arbeit.

Stichwort Arbeit. Als Sexualtherapeutin haben Sie einen nicht sehr alltäglichen Beruf. Wir reagieren die Menschen darauf, wenn Sie Ihren Beruf nennen?

Unterschiedlich. Viele finden es spannend, was ich mache, stellen mir oft direkt Fragen zu meiner Arbeit. Meine Klienten sind dankbar, dass ich hier bin und sie nicht nach Bern oder Thun müssen. Dann gibt es andere, die befremdet sind und meine Tätigkeit ablehnen. Auch da steckt wieder die eigene Geschichte dahinter. Ich möchte den Menschen helfen, ihnen die Möglichkeit geben, die schönste Nebensache der Welt geniessen zu können.

Ab kommender Wochen haben Sie eine Liebeskolumne in der RhoneZeitung, in der Sie Leserfragen rund um alle Aspekte von Liebe, Sexualität, Partnerschaft und so weiter beantworten. Was hat Sie dazu motiviert, diese Kolumne zu lancieren?

Wie gesagt liegt mir ein erfülltes Sexualleben der Menschen sehr am Herzen. Es freut mich, wieder in glückliche Augen zu schauen nach Beendigung einer Therapie. Ich weiss aber auch, dass die Hemmschwelle bei vielen sehr gross ist, wenn sie Probleme oder Fragen haben. Wenn das rote Lämpchen im Auto leuchtet, bringt man das Auto sehr rasch in den Service. Mit der Kolumne «Liebeslust und Liebesfrust» möchte ich die Möglichkeit schaffen, dass Menschen Fragen anonym stellen können. Schliesslich geht es dabei nicht nur um Persönliches.

Wie meinen Sie das?

Der wirtschaftliche Schaden durch sexuelle Probleme ist enorm. Läuft es im Schlafzimmer nicht rund, können Depressionen und der Rückzug aus der Gesellschaft das normale Leben stark beeinträchtigen. So gesehen profitiert die gesamt Gesellschaft davon, wenn das Sexleben der Menschen gut ist.

Martin Meul

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Infos

Zur Person

Vorname Anke
Name Schüfller
Geburtsdatum 25. April 1967
Familie verheiratet
Funktion Sexualtherapeutin
Hobbies Lesen, Reisen, Wandern

Nachgehakt

Es kommt doch auf die «Grösse» an Nein
Sex und Liebe gehen für mich Hand in Hand Ja
Das erste Mal wird überschätzt Ja
Der Joker darf nur ein mal gezogen werden.  

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