Interview | Raimund Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz

«Der Gedanke ans Wallis ist mit Schmerz verbunden»

«Die ursprüngliche Landschaft des Rhonetals ist dahin», Raimund Rodewald.
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«Die ursprüngliche Landschaft des Rhonetals ist dahin», Raimund Rodewald.
Foto: RZ

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Raimund Rodewald, ­Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz, setzt sich seit fast drei Jahrzehnten für den Erhalt der Schweizer Landschaft ein. Die Situation im Wallis bereitet ihm besonders Sorgen. Warum, erklärt er im Interview.

Raimund Rodewald, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie ans Wallis und an Landschaftsschutz denken?

Ich denke in erster Linie, dass ich im Wallis heillos zu spät gekommen bin. Der Gedanke ans Wallis ist immer mit einem gewissen Schmerz verbunden. Vor allem, weil es den Walliserinnen und Wallisern bislang nicht gelungen ist, einen Stolz, den sie ja sonst sehr pflegen, auf ihre Landschaft und ihren Kulturreichtum zu übertragen.

Wie sollte dieser Stolz denn aussehen?

Er sollte sich in einem verantwortungsvollen und sorgsamen Umgang mit dem Boden, mit der Landschaft und mit der Natur manifestieren. Das fehlt mir sehr. Im Gegensatz dazu steht diese Grossartigkeit der Walliser Landschaft, die ja weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt ist. So gesehen ist es schade, dass sich diese Schönheit nicht im Handeln der Walliser Bevölkerung widerspiegelt, wenn es um den Schutz dieser Grossartigkeit geht.

Woran zeigt sich das?

Gerade im baulichen Bereich ist die aktuelle ­Situation nach wie vor geprägt von einer grossen Banalität. Nur ganz selten sieht man, dass wirklich etwas dafür unternommen wurde, um einen Walliser Ausdruck der heutigen Zeit in den Umgang mit der Landschaft einfliessen zu lassen. Einen Walliser Baustil beispielsweise gibt es nicht mehr. Die Chalets genügen dafür nicht. Auch neue Gebäude sollten die Walliser Kultur widerspiegeln. Doch leider geschieht genau das nicht. Das Wallis liegt mir sehr am Herzen, weshalb es für mich auch so schmerzhaft ist, diese Entwicklung beziehungsweise Nicht-Entwicklung zu sehen. Die Bauqualität ist nach wie vor sehr tief. Die Gebäude sprechen in einer anonymen Allerweltssprache zu mir, aber nicht in einer Walliser Sprache. Das ist sehr schade.

Das tönt so, als ob Ihnen nicht nur die grossen Projekte Sorgen bereiten.

Jede Woche durchstöbere ich natürlich das Walliser Amtsblatt. Dabei habe ich immer Angst, dass die vielen Bauvorhaben immer wieder in einer trivialen Art und Weise enden. Das schliesst die privaten Vorhaben mit ein. Wenn ich lese, dass hier oder hier wieder ein Einfamilienhaus gebaut werden soll, dann bereitet mit das schon Sorgen, weil ich weiss, dass das Bewusstsein für die Landschaft nicht sehr stark ausgeprägt ist. Gleiches gilt aber auch für grössere Vorhaben. Natürlich gibt es auch löbliche Ausnahmen. Doch pauschal gesagt, hat man im Wallis, was den Umgang mit Landschaft betrifft, noch viel Luft nach oben. Die wunderbaren Ortsbilder, die es ja gibt und die auch teilweise geschützt sind, stehen gewaltig unter Druck. Die Landschaft wird durch die hohe Bautätigkeit ständig weiter zerrissen.

Gibt es Orte, an denen sich dies besonders stark zeigt?

Dazu muss ich etwas ausholen. In den letzten Jahren hat der Talgrund stark gelitten. Einerseits wurden viele Einkaufszentren ausserhalb der Ortschaften gebaut, gleichzeitig sind die Dörfer zu einer Agglomeration zusammengewachsen. Nun ist die ursprüngliche Landschaft des Rhonetals an vielen Orten dahin. Man hätte allerdings die Möglichkeit gehabt, an den Hanglagen, sprich den Bergdörfern, einen Kontrast dazu zu schaffen. Nur hat man auch das versäumt. Auch die alten Kulturlandschaften an den Hängen wurden teilweise zerstört, weil man wie gesagt einen trivialen und nichtssagenden Baustil gepflegt hat und weiterhin pflegt.

Wir haben über die «Sünden» der letzten Jahre gesprochen. Gibt es auch neuere Entwicklungen, denen Sie kritisch gegenüberstehen?

Den Ausbau der touristischen Infrastruktur betrachte ich natürlich mit Sorge. Die Mentalität, die hier vorherrscht, ist: «Wer stehen bleibt, ist verloren.» Obwohl das noch zu beweisen ist, erleben wir gerade beim Sommersport eine massive Ausbauwelle, zum Beispiel in Form von neuen Bikewegen oder Hängebrücken. Auch hier fehlt es an regionalen Konzepten und identitätsstiftenden Massnahmen. Alle Destinationen wollen nun Biker anlocken und bauen entsprechend. Allerdings wird so ein begrenzter Kuchen nur unter vielen aufgeteilt. Auf der anderen Seite entwertet man die Wanderwege, zum Beispiel entlang der Suonen, obwohl immer mehr Leute bewusst nach diesen Erlebnissen suchen. In diesem Fall wären das die klassischen Wanderer. Aus diesem Grund ist unsere Stiftung auch kritisch, wenn immer neue Bikewege in die Natur geschlagen werden. Auch macht uns die anhaltende Tendenz, an ungeeigneten Orten grosse Ferienresorts zu planen Sorgen. Beispiel ist das geplante Resort auf der Laxeralp. Es ist mir unerklärlich, wie man in einem Gebiet, das so schlecht erschlossen ist und in dem es an Wasser und Versorgungsinfrastrukturen mangelt, ein solches Projekt aufgleisen kann. Zumal weiss man ja, dass die Dorfkerne sich zunehmend entvölkern. Das Resort Laxeralp ist vor allem als ­Reaktion auf die drohende Rückzonungen der übergrossen Bauzonen von Lax entstanden. Dann beobachtet die Stiftung natürlich auch den Autobahnbau und den Bau der Höchstspannungsleitung durch das Wallis. Auch diese beiden Projekte haben massive Eingriffe in die Landschaft zur Folge.

Mit Ihrer Haltung gegenüber Projekten ecken Sie immer wieder an. Vielen gelten Sie als «Bremser» und «Verhinderer». Was sagen Sie zu dieser Kritik?

Als «Verhinderer» werde ich meistens von den Leuten bezeichnet, die nicht zuhören wollen. Ich sage ja nicht: «Ihr könnt nicht bauen!» Ich bestehe aber darauf, dass mit Sinn für die Baukultur und gestützt auf ein Siedlungskonzept gebaut wird, sodass das Erbe, das unsere Vorfahren geschaffen haben, nicht zerstört wird. Ich fühle mich nicht als «Verhinderer», aber ich fordere Qualität und Sorgfalt ein. Wenn man aber keine Lust hat, sich auf eine solche Diskussion einzulassen, dann greift man zu dieser Aburteilung.

Wir haben nun viel über Probleme gesprochen. Gibt es denn auch Entwicklungen,
die Ihnen Hoffnung machen?

Ich bin seit 29 Jahren bei der Stiftung Landschaftsschutz dabei, 27 davon als Geschäftsführer. Meinen Optimismus habe ich noch nicht verloren (lacht). Dieser Optimismus rührt daher, dass ich weiss, dass wir Menschen durchaus in der Lage sind, uns mit der Landschaft und unserem kulturellen Erbe zu arrangieren und uns entsprechend zu verhalten. Ich glaube auch, dass sich in den letzten Jahren einiges bewegt hat, zum Beispiel durch die Revision des Raumplanungsgesetzes oder die Zweitwohnungsinitiative. Auch der Klimawandel dringt immer mehr in das Bewusstsein der Menschen ein und führt, so hoffe ich, zu einem Umdenken, was den Umgang mit der Landschaft betrifft. Nehmen wir nur die Raumplanung. In der eidgenössischen Abstimmung wurde die Revision im Wallis noch von einer gewaltigen Mehrheit abgelehnt. Das entsprechende kantonale Ausführungsgesetz hingegen wurde dann mit 73 Prozent Ja-Stimmen deutlich angenommen. Ich hoffe natürlich, dass die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger nicht nur aus Angst vor Repressionen durch den Bund zugestimmt haben, sondern dass man eine Einsicht hatte, dass etwas ändern muss. Insgesamt bin ich optimistisch, dass es gelingt, einen nachhaltigeren Umgang, nicht nur im Wallis, mit unserer Landschaft zu finden.

Was bedeutet für Sie eine schöne Landschaft?

Das Empfinden, was eine schöne Landschaft ist, ist natürlich ein individuelles. Berührt mich dieser Ort, ist eine Frage, deren Antwort darüber entscheidet, ob man eine Landschaft als schön empfindet oder nicht. Dennoch gibt es auch objektive Kriterien, mit welchen man die Schönheit einer Landschaft beurteilen kann. Dabei handelt es sich um Erkenntnisse aus der Psychologie oder den Neurowissenschaften. Man weiss zum Beispiel, dass eine Landschaft, die eine gewisse Komplexität aufweist, sprich vielfältig ist, als schön empfunden wird. Das Geordnete, hier eine monotone Wiese, dort die Siedlung, da die Strasse und dahinter der Wald, alles sauber voneinander getrennt und funktional hergerichtet, wird hingegen als langweilig und wenig attraktiv empfunden. Eine schöne Landschaft muss das Interesse wecken, sie zu erkunden und zu erforschen. Dies trifft beispielsweise auf die Terrassenlandschaften, die Roggenfelder von Erschmatt, die Bewässerungslandschaften am Natischerberg, das wild-romantische Binntal oder die amphitheater-ähnlichen Gärten von Isérables zu. Auch innerorts gibt es attraktive Landschaften, wie zum Beispiel die Altstadt von Sitten. Wenn eine Landschaft zum Innehalten einlädt, dann ist sie schön. Ich vergleiche das auch immer gerne mit einer zwischenmenschlichen Beziehung. Diese ist dann spannend, wenn man den anderen Menschen nie ganz versteht, aber dieser so vielfältig ist, dass es immer wieder Neues zu entdecken gibt, das mich dazu bringt, mich für diese Person zu interessieren. So ist es auch mit den Landschaften.

Martin Meul

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Infos

Zur Person

Vorname Raimund
Name Rodewald
Geburtsdatum 5. Juni 1959
Familie verheiratet
Beruf Biologe
Funktion Geschäftsführer Stiftung Landschaftsschutz Schweiz
Hobbies Musik, Kunst, Garten

Nachgehakt

Das Wallis macht mir besonders viel Arbeit. Ja

Viele Leute kennen den Unterschied zwischen Natur- und Landschaftsschutz nicht.

Ja

Meine Arbeit macht mich zu einer der unbeliebtesten Personen bei den Schweizer Gemeinden.

Nein
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

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Kommentare

  • Peter Rubin, Baltschieder - 11

    Herrn Rodewald Besuch ins Wallis verbieten!

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