Interview | SRF-Experte Ski Alpin Didier Plaschy

«Der Marcel-Hirscher-Effekt lähmt die Athleten»

Didier Plaschy, Co-Direktor von Ski Valais, kommentiert seit einem Jahr als SRF-Experte Weltcup-Skirennen der Damen und Herren.
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Didier Plaschy, Co-Direktor von Ski Valais, kommentiert seit einem Jahr als SRF-Experte Weltcup-Skirennen der Damen und Herren.
Foto: mengis media

Quelle: RZ 0

Seit einem Jahr kommentiert der ehemalige Skifahrer und heutige Co-Direktor von Ski Valais, Didier Plaschy (46), regelmässig Skirennen bei Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). Anlässlich der Wettkämpfe im finnischen Levi gibt der gebürtige Varner in der RZ einen Einblick in die Vergangenheit als aktiver Skirennfahrer, in die Gegenwart als Experte sowie in die Zukunft als Querdenker.

Didier Plaschy, soeben waren Sie bei den Ski-Weltcuprennen in Levi. Was sind Ihre ersten Eindrücke von der noch jungen Saison?

Mein erster Eindruck ist, dass alle im Skizirkus froh sind, endlich in die neue Saison zu steigen. Denn eigentlich ist unsere Sportart schon sehr seltsam. Wir bereiten uns sieben Monate lang vor, um schliesslich während vier Monaten den Zuschauerinnen und Zuschauern wettkampfmässig eine Show zu bieten.

Was sind Ihre Erkenntnisse aus den beiden Rennen?

Bei den Herren bin ich der Meinung, dass die Konkurrenz Henrik Kristoffersen den Sieg in Levi geschenkt hat. Denn David Ryding, Noël Clement, Daniel Yule und auch Ramon Zenhäusern wären in der Lage gewesen, ihn zu besiegen. Alle vier haben in Finnland Lehrgeld bezahlt und ihre Siegchance nicht genutzt. Kristoffersen wird sich dessen bewusst sein und ich bin gespannt, wie er in Val d’Isère darauf reagieren wird. Für die anderen vier wird es darum gehen, sich nicht weiter durch den Marcel-Hirscher-Effekt der letzten Jahre lähmen zu lassen und in den nächsten Rennen konsequent auf Sieg zu fahren.

Und wie sieht es bei den Frauen aus?

Bei den Damen ist alles wie gehabt. Es gibt die drei Hauptprotagonistinnen, wovon Mikaela Shiffrin nochmals einen weiteren Schritt nach vorne gemacht hat. Obwohl sie nicht am Limit fährt, dominiert sie mit ihren Qualitäten den Frauenskizirkus nach Belieben. Eine Petra Vlhová ist nahe an ihr dran. Wendy Holdener indessen muss richtiggehend aus sich herausgehen, um ihre Position gegenüber Vlhová behaupten zu können. Dahinter lauert ein Zweitfeld auf deren Fehler – unter anderem auch Michelle Gisin. Für Athletinnen wie Elena Stoffel oder Carole Bissig wird es darum gehen, sich nicht mehr mit einem Platz 16 oder 20 zufriedenzugeben, sondern die Top 10 anzuvisieren.

Was schliessen Sie für die Schweizer Skifahrer daraus?

Die Herren wissen um ihr Können, setzen es bislang nicht um. Bei den Damen fehlt es noch am Glauben, dass sie es können.

Seit einem Jahr kommentieren Sie als Experte regelmässig die Skirennen der Frauen und Männer im Ski-Weltcup. Wie finden Sie sich in dieser Rolle zurecht?

Es ist eine wunderschöne, jedoch sehr schwierige Arbeit. Ich kommentiere bei den Damen wie auch bei den Herren je zwei Disziplinen. Dies ist für mich umso anspruchsvoller, da ich bei den einzelnen Athletinnen und Athleten auch immer aktuell bleiben muss – sei es betreffend das Material und den Formstand oder an welchen technischen und taktischen Elementen diese derzeit arbeiten. Dies verlangt von mir viele Gespräche mit den ausländischen Trainerkollegen.

Was ist für Sie als Skitrainer die eigentliche Herausforderung beim Job als TV-Experte?

Ich bin jemand, der gerne und viel mit den Menschen kommuniziert. So möchte ich den Leuten am Bildschirm auch möglichst viel über die verschiedenen Facetten des Skisports erzählen. Doch als Kommentator gilt das Motto «weniger ist mehr». Beispielsweise gab es Rennen, bei denen wir als Kommentatoren einen Sprachanteil von 90 Prozent hatten. Das ist zu viel, denn so haben die Zuschauer ja nicht mal mehr Zeit, um auf die Toilette zu gehen. (schmunzelt)

Welche Rückmeldungen erhielten Sie von den Fernsehleuten?

Von den Kolleginnen und Kollegen bei SRF erhielt ich das Feedback, dass ich mehr auf das aktuelle Renngeschehen eingehen und die Hintergrundinformationen gezielter einbringen soll. Denn während des Rennens gibt es immer wieder Gelegenheiten, dass ich damit eine interessante Geschichte anreissen kann. Beim Damenrennen in Levi ist mir das gut gelungen, beim Herrenrennen bin ich wieder ein wenig emotionell geworden.

Wie kommt eigentlich der Walliser Dialekt bei den Zuschauern an?

Es gibt durchaus Kritik, die sich auf das Sprachliche beschränkt. So fällt schon mal die Aussage ‹Das Walliserdeutsch verstehen wir nicht.›. Ich versuche daher langsamer und verständlicher zu reden. Doch die Muttersprache kann und will ich nicht verleugnen. Ich bin im Wallis aufgewachsen und bin auch stolz auf unseren speziellen Dialekt. Wenn Leute sich melden, sie würden wegen meiner Sprache den Ton abschalten, so ist dies schon hart. Schliesslich gibt es aber auch Leute, welche sagen, dass sie den Walliser Dialekt lieben würden.

In Ihrer Spitzensportkarriere haben Sie einiges an Hochs und Tiefs erlebt. Was ist Ihnen aus der damaligen Zeit geblieben?

Die damalige Zeit als Skirennfahrer bezeichne ich heute als meine Lehrzeit. Ich konnte vieles lernen und meine Erfahrungen im Skizirkus sammeln. Die Weltcupsiege, die ich schliesslich feiern konnte, sind für mich eine Art Lehrabschluss gewesen.

In der Zwischenzeit haben Sie die Seite gewechselt und sind im Trainermetier tätig. Wie gefällt Ihnen die Arbeit mit den jungen Athleten?

Sie gefällt mir extrem gut. Hier kann ich mich und meine Ideen einbringen. So kann ich neue Trainingsmethoden und -übungen entwickeln und diese mit den Jugendlichen austesten. Ihr Feedback spornt mich an, sie noch schneller und noch besser zu machen. Auch den Austausch im internationalen Bereich schätze ich als Trainer sehr. So kommt es immer wieder vor, dass mich Trainerkollegen aus dem Ausland fragen, wie wir bei uns im Wallis trainieren.

Und was sagen Sie denen?

Dass wir auf Klubebene schon vieles richtig machen – sei es im Konditionsbereich oder bei den Schneetrainings. Zudem können wir uns glücklich schätzen, dass wir mit Zermatt und Saas-Fee auf zwei Gletschergebiete für die Skifahrtrainings zurückgreifen dürfen. Dennoch müssen wir uns immer wieder hinterfragen.

Wie meinen Sie das?

Wenn beispielsweise Urs Lehmann (Red. Direktor von Swiss-Ski) sagt, wir wollen die Nummer eins im Ski-Weltcup sein, so ist dies auch ein Anspruch, den wir bei uns hier im Wallis haben müssen. Für Ski Valais vertrete ich das Ziel, dass wir wieder die Nummer eins unter den Regionalverbänden der Schweiz sein wollen. Dafür müssen wir aber auch bereit sein, Neues mit Altem zu kombinieren. Wir können nicht einfach nur andere kopieren, sondern müssen dank unseren regionalen Vorzügen eine Vorreiterrolle einnehmen.

Haben Sie dazu konkrete Vorstellungen, wie das angegangen werden kann?

An einem Ärztekongress wurde ich kürzlich gefragt, warum es beim Skifahren derart viele Verletzungen bei Kreuzbändern und im Rücken gibt. Dieses Problem hat mit unserer Evolution zu tun. Auf der einen Seite geht es beim Skifahren darum, sich in aufrechter Position so schnell wie möglich fortzubewegen. Auf der anderen Seite ist unser Bewegungsapparat, wie Sehnen, Bänder und Muskulatur, aber nicht auf die extremen Geschwindigkeiten und Belastungen ausgelegt, die aufgrund der rasanten Entwicklung beim Skimaterial und der Fahrtechnik inzwischen auf den Körper einwirken. Hier müssen wir ansetzen.

Wie ist das zu verstehen?

Ich bin der Meinung, dass wir am Anfang von etwas Verrücktem stehen. In unserer unmittelbaren Umgebung haben wir viele Möglichkeiten, die wir für unsere körperliche Entwicklung nutzen könnten, aber es noch nicht tun. Pumptracks, Eishallen, Flowtrails und Wandergebiete, um nur einige zu nennen, sind die idealen Trainingsmöglichkeiten, um unseren Körper auf die Belastungen im Skisport vorzubereiten und von Verletzungen im Knie- und Rückenbereich zu verschonen.

Wie damals werden Sie auch heute in der Öffentlichkeit als Querdenker wahrgenommen. Wie gehen Sie damit um?

In meinem Umfeld habe ich Leute, die fest an mich und meine Ideen glauben. Auch wenn mein Weg für die Athleten spezieller ist als sonstwo, so verfolge ich immer ein ganz konkretes Ziel. Wie kann ich den Sportler besser machen, damit dieser schneller von A nach B kommt. Die Einladung an Ärztekongresse, die Zusammenarbeit mit SRF oder auch meine Arbeit bei Ski Valais bestätigen mir, dass ich hier auf dem richtigen Weg bin.

Gut präparierte und dennoch anspruchsvolle Pisten, eine moderne Bahn- und Liftinfrastruktur und gute ausgebildete Trainer. Alles hat seinen Preis. Kann sich die Schweiz einen derart teuren Sport wie das Skifahren überhaupt noch leisten?

Der Skisport ist tatsächlich ein teurer Sport und wird es auch immer bleiben. Trotzdem wollen wir, dass er im Breitensport für alle erschwinglich bleibt. So gibt es Beispiele von Skivermietungen, die ihre Ausrüstung, bestehend aus Skiern und Skischuhen, für 150 Franken pro Saison vermieten. Zudem gibt es Skiregionen, die es den Kindern ermöglichen, gratis Ski zu fahren.

Thomas Allet

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Infos

Zur Person

Vorname Didier
Name Plaschy
Geburtsdatum 2. Mai 1973
Familie verheiratet, fünf Kinder
Beruf Skitrainer
Funktion

Co-Direktor Ski Valais,
SRF-Experte Ski alpin

Hobbies Familie, Wandern, Skifahren

Nachgehakt

Skisport ist ein elitärer Sport. Joker
Den Slalom-Weltcup 2019/20 gewinnt ein Walliser. Ja
Mein Querdenken verhinderte weitere
Weltcupsiege.
Nein
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

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