Frontal | Angela Escher, Geschäftsführerin WWF Oberwallis

«Der WWF ist genauso schlagkräftig wie immer»

Angela Escher: «Auch bei uns sind die Naturwerte unter Druck.»
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Angela Escher: «Auch bei uns sind die Naturwerte unter Druck.»
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Angela Escher ist die neue Geschäftsführerin des WWF Oberwallis. Im Interview spricht sie über ihre Ziele mit dem Umweltverband, den Umgang mit dem Thema Wolf und ihr Engagement für Menschenrechte in Mittelamerika.

Angela Escher, seit einigen Wochen sind Sie die Geschäftsführerin des WWF Oberwallis. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten ­beschäftigt?
Für mich war und ist vor allem zentral, mir einen Überblick zu verschaffen. Anders als meine Vorgängerin Laura Schmid (Schmid war vor ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin beim WWF Oberwallis bereits für den WWF in Bundesbern tätig Anm. d. Red.) kannte ich den WWF als Organisation bislang nicht. Ich musste also die Strukturen der Organisation, die Leute und die Arbeits­weisen kennenlernen. Daneben habe ich mich natürlich in die Dossiers eingearbeitet.

Und wie klappt das?
Mal besser, mal schlechter (lacht). Es ist natürlich eine gewaltige Aufgabe, die es zu bewältigen gilt. An manchen Tagen hat man das Gefühl, die Angelegenheit könnte einem über den Kopf wachsen, an anderen Tag bin ich aber wieder sehr zuversichtlich, dass ich genau am richtigen Ort bin. Es ist halt alles noch sehr neu.

Ist der WWF Oberwallis dadurch, dass Sie so viel neue Themengebiete abdecken ­müssen, derzeit blockiert, wenn es um die eigentlichen Kernaufgaben geht?
Nein, das sicher nicht. Klar ist es viel Arbeit, die ich zu erledigen habe, und ich muss vieles neu lernen. Wenn aber wichtige Dossiers ein rasches Eingreifen erfordern, so schaufle ich dafür die entsprechenden Ressourcen frei. Der WWF Oberwallis ist genauso schlagkräftig wie immer.

Schauen wir etwas auf Ihre Vergangenheit. Bevor Sie zum WWF kamen, waren Sie im ­Bereich Menschenrechte tätig. Was haben Sie genau gemacht?
Direkt vor meiner Tätigkeit für den WWF war ich während zwei Jahren in Guatemala als Beraterin für eine indigene Nicht-Regierungsorganisation (NGO) im Rahmen der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit GIZ tätig. Zusammen mit meiner Partnerorganisation stärkten wir die indigenen Einheimischen in ihren Rechten und zeigten ihnen, wie sie friedlich, aber effizient für diese einstehen können. Davor arbeitete ich rund eineinhalb Jahre als Menschenrechtsbeobachterin in Honduras. Ich habe dort für Peace Watch Switzerland, eine Schweizer NGO, einheimische Menschenrechtsaktivisten unterstützt und ihren Anliegen eine internationale Stimme gegeben.

Und nun der Wechsel in den Umweltschutz. Wie passt das zu Ihrer bisherigen Karriere?
Eigentlich recht gut. Der Einsatz für Menschenrechte ist immer auch sehr eng mit dem Schutz der Natur verbunden. In Guatemala war es so, dass die von mir beratenen indigenen Menschen für den Erhalt ihrer Natur und somit ihrer Lebensgrundlage gekämpft haben. Zudem habe ich mich schon in meiner Masterarbeit mit Umweltrecht und Gewässerschutz beschäftigt. Im Vergleich zu früher bin ich jetzt selbst aktiv, während ich vorher als Beobachterin und Beraterin tätig war. Im Endeffekt geht es aber immer darum, dass die bestehenden Gesetze eingehalten werden.

Warum der Einsatz für den Umweltschutz in der Schweiz, warum nicht weiterhin in ­Mittelamerika?
Ich wollte zurückkommen. Einerseits hatte ich Heimweh nach meiner Familie und Freunden (lacht). Und andererseits wollte ich wieder einmal auf «schweizerische» Art arbeiten.

Das müssen Sie erklären.
In Mittelamerika muss man bei der Arbeit sehr flexibel sein. Zum Beispiel sind Termine eher grobe Richtzeiten als verbindliche Angelegenheiten. Zudem können Machtverhältnisse und Gesetze schnell wechseln. Das erschwert die Arbeit natürlich enorm. Zusammengefasst kann man sagen, dass ich mich nach der Strukturiertheit und der Verlässlichkeit des Schweizer Arbeitslebens gesehnt habe.

Der Umweltschutz in der Schweiz kann sich im internationalen Vergleich durchaus sehen lassen. Worin sehen Sie die Berechtigung Ihrer Arbeit im Oberwallis?
Immer wenn ich zurück ins Wallis gekommen bin, ist mir aufgefallen, wie viel Natur hier wieder verbaut wurde. Wenn man hier lebt, fällt einem das vielleicht weniger auf. Das heisst, auch hier bei uns sind die Naturwerte unter Druck, weshalb es auch in der Schweiz einen aktiven und strengen Umweltschutz braucht. Die Artenvielfalt nimmt in der Schweiz ab. Dennoch, dass man das Wasser aus der Dusche trinken kann, ist in vielen anderen Teilen der Welt undenkbar. Es ist also unglaublich wichtig, die Natur und Umwelt auch in der Schweiz zu schützen, weshalb eine ständige Wachsamkeit angebracht ist.

Bei Ihrer Arbeit ist naturgemäss damit zu rechnen, dass Sie sich nicht nur Freunde ­machen werden. Welche Charaktereigen­schaften bringen Sie mit, um Ihre Aufgabe ­erledigen zu können?
Ich bin eine sehr interessierte Person, die immer versucht, ihr Gegenüber zu verstehen. Das heisst, dass ich wissen will, was die Position meines Gegenübers ist, aber vor allem auch, warum jemand diese Position vertritt. Ich versuche die Bedürfnisse von meinem Gegenüber zu erkennen und daraus eine Kompromisslösung zum Besten der Natur zu erarbeiten. Charakterlich bringe ich die dafür nötige Geduld mit, um den Leuten aktiv zuzuhören.

Das tönt nicht so wirklich kämpferisch, wie man es sonst von Ihresgleichen gewohnt ist.
(lacht) Natürlich bin ich auch eine Person, die sich mit Nachdruck für ihr Anliegen einsetzt. Wie den Walliserinnen und Wallisern nachgesagt wird, bin auch ich hartnäckig. Das ist sicher wichtig, wenn man für ein Anliegen kämpft. Aber aktives Zuhören ist eben auch wichtig. Die Mischung machts.

Welches werden Ihre Schwerpunktthemen als Geschäftsführerin des WWF Oberwallis sein?
Ich werde sicher unsere Themen weiter vorantreiben. Das sind im Wallis natürlich alle Themen, die mit dem Tourismus und seiner Infrastruktur zu tun haben, aber auch die Bereiche der erneuerbaren Energien, insbesondere der Wasserkraft. Gerade hier gibt es im Bereich Gewässerschutz und Sanierung der Restwassermengen noch einiges zu tun. So war es zum Beispiel ein richtiger Schock für mich, als ich feststellen musste, dass es im Oberwallis fast keinen einzigen ungefassten Wasserlauf mehr gibt. Hier werde ich mich sicher stark dafür einsetzen, dass das, was noch übrig ist, nicht auch noch verschwindet. Im Bereich Tourismus wird mein Ziel sein, dass die Naturschönheiten und die Lebensräume nicht geopfert werden. Das Wallis darf nicht zu einem grossen Vergnügungspark verkommen. Dazu gehört zum Beispiel, dass beim Thema Bikewege nachhaltige Konzepte aufgegleist werden und nicht einfach neue Trails in die Landschaft gestampft werden, ohne dass man nach Alternativen sucht, die allen Anspruchsgruppen gerecht werden.

Ein Thema, an dem Sie nicht vorbeikommen werden, ist der Wolf. Wie werden Sie sich in dieser Angelegenheit positionieren?
Ich stehe als WWF-Geschäftsführerin voll hinter unserer Position: Der Wolf ist ein stark geschütztes Tier. Deshalb ist es an Bund und Kantonen, dafür zu sorgen, dass dieser Schutz auch gewährleistet ist. Ich bin mir aber bewusst, dass das Thema sehr emotional ist. Wie gesagt, mir ist es wichtig, die Hintergründe von emotionalen Reaktionen zu verstehen. Beim Thema Wolf ist mir dies bislang noch nicht gelungen. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum man sich teilweise so stark gegen Herdenschutzmassnahmen wehrt, obwohl man doch immer den Wert und den persönlichen Bezug zu den Tieren hervorhebt.

Und wie wollen Sie die entsprechenden ­Hintergründe verstehen lernen?
Indem ich auf meine Stärke, das Zuhören, setze. Zusammen mit dem Herdenschutz und der Geschäftsführerin vom WWF Unterwallis möchte ich darum im Sommer verschiedene Alpen besuchen und mit den Schäfern über das Thema Wolf sprechen. Wie gesagt bin ich der Meinung, dass man nur dann für alle Seiten eine gute Lösung findet, wenn man aufeinander zugeht und versucht, einander zu verstehen.

Zum Schluss noch die Frage: Was soll man eines Tages über Ihre Arbeit beim WWF sagen?
Schön wäre, wenn die Leute sagen würden, dass ich dazu beigetragen habe, dass unsere grossartige Natur erhalten blieb und dass ich bei den unterschiedlichsten Akteuren das Bewusstsein dafür schärfen konnte, dass der Schutz der Umwelt und Fortschritt sich nicht ausschliessen, wenn man ökologische Gedanken schon bei der Projektplanung miteinbezieht.

Walter Bellwald

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Infos

Vorname Angela
Name Escher
Geburtsdatum 16. März 1985
Familie ledig
Beruf Politologin
Funktion Geschäftsführerin WWF Oberwallis
Hobbies Sport, Lesen, Tante sein
lch kaufe nur Bio-Produkte.  Nein
Mein Job macht mich zu einer der am meisten kritisierten Personen im Oberwallis. Nein
Der WWF ist die wichtigste Umweltorganisation im Oberwallis. Joker
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

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