Frontal | Musikerin

«Die Musik kann man nicht mehr neu erfinden»

Ursula Bellwald, Musikerin
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Ursula Bellwald, Musikerin
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Gampel-Bratsch | Sängerin Sina (48) ist zurück mit einem neuen Album. Im Frontal-Interview spricht sie über ihre neue Scheibe «Tiger und Reh», ihr Heimatverständnis und das Älterwerden im Musik-Business.

Sina, schön, dass Sie mal wieder im Wallis sind. Frage: Sind Sie überhaupt noch Walliserin?

Es prägt, wenn man seit längerer Zeit nicht mehr im Wallis wohnt. Der Blick wird geschärft, wenn man alles­ ein bisschen aus der Distanz anschaut.

Was bedeutet...?

Man wird sich der Eigenheiten der Walliser und seiner­ Herkunft eher bewusst. Was mich sicher sensibilisiert­ hat, waren meine vielen Reisen. Als Musikerin­ bin ich dabei in der tollen Situation, dass ich eine Sprache­ spreche, die überall auf der Welt verstanden­ wird. Was mich in meiner Zeit ausserhalb des Wallis­ am meisten geprägt hat, ist, dass ich gelernt­ habe das Andersartige und Fremde zu respektieren. Darum bin ich froh, dass ich Welten ausserhalb des Wallis, aber auch ausserhalb der Schweiz, kennengelernt habe.­ Auf der anderen Seite bin ich natürlich im Herzen Walliserin, auch wenn nicht mehr jedes Wort hundertprozentig «Wallisertiisch» ist (lacht). Ich bin hier aufgewachsen, meine Familie lebt hier. Das sind Wurzeln, die stark sind und die bleiben. Und dann fühle ich mich im Aargau sehr wohl, er ist in den letzten 15 Jahren zu meiner zweiten­ Heimat geworden­ und es gibt hier einen See in meiner Nähe, was ich sehr schätze.

Wie sieht es denn im Aargau aus? Sind Sie dort die «Walliserin»?

Oft werde ich als Botschafterin des Wallis wahrgenommen. Das freut mich und macht mich stolz. Das Image der Walliser ist schliesslich nach wie vor sehr positiv besetzt. Allerdings werde ich zunehmend auch von den Aargauern rekrutiert, zum Beispiel für Image-Kampagnen. Neben Bundesrätin Doris Leuthard und Sol Gabetta bin ich in einer Kampagne zu sehen, eine weitere ist in Planung. Das ist schön. Noch schöner ist es aber, wenn ich mein Image dem Wallis zu Verfügung stellen kann.

Das Wallis ist in den letzten Jahren nicht immer nur positiv aufgefallen. Haben Sie Kratzer am Image unseres Kantons wahrgenommen?

Natürlich werde ich auch auf Themen wie Wolf oder Zweitwohnungsinitiative angesprochen. Was mir aber auffällt ist, dass der «Deutschschweizer» diese­ Dinge mit einem gewissen Erstaunen anschaut und sagt: «Aha, so machen die das im Wallis also.» Dann ist da aber auch ein gewisser Respekt und vielleicht­ auch ein Quäntchen Neid auf die Konsequenz­ der Walliser­, dass sie ihre Anliegen einfach durchziehen­, unabhängig davon, was die Menschen im Rest des Landes davon halten. Wir Bergler hatten nie gern fremde Vögte.

Kommen wir auf Ihr neues Album zu sprechen. «Tiger und Reh» ist Ihre elfte Scheibe. Was für Themen behandeln Sie auf Ihrem neuen Album?

«Tiger und Reh» steht metaphorisch für verschiedene Typen von Menschen. Manchmal ist man der Gejagte, dann der Jäger. Ich beschreibe Geschichten, in denen Träume zerbrechen, in anderen wiederum wird das Glück gefunden. Die Lieder sind kompakte Geschichten aus dem Leben, die vertont sind. Kleine ­melodiöse Alltagsgeschichten. Bei den letzten drei Alben habe ich mich darauf konzentriert, die Geschichten, die mich beschäftigen, und die ich beobachte in meinen Liedern zu verarbeiten. «Tiger und Reh» setzt diese Art der Arbeit fort.

Sind die textlichen Elemente der Lieder also wichtiger als die musikalischen?

Die Musik ist das eine. Da suche und passe ich an, bis die Geschichte ihre Stimmung findet. Die Geschichte aber ist das Ureigene meiner Lieder, hier komprimiere­ ich eine Story auf drei Minuten, so dass sie verständlich ist, berührt und den richtigen rhythmischen Charakter bekommt. Der Text ist definitiv das Zeitintensivere. Die Musik kann man nicht mehr neu erfinden, Stile werden gemischt und verfeinert. Die Texte aber verändern sich immer, wachsen mit mir und sind das Herz der Lieder. Somit sind sie auch das Persönlichste an meinem Album.

Warum heisst das Album nicht zum Beispiel «Wolf und Schaf»? Das wäre doch näher an den Tieren bei uns.

Ich könnte ja eine Spezialedition für das Wallis machen­ (lacht). Das Thema des Albums ist aber wie gesagt ein Ausdruck für ein Spannungsfeld. Manchmal muss man die Krallen zeigen, manchmal ist es besser zu flüchten. Häufig stellt man mir die Frage: «Bist du eher das Reh oder der Tiger?». Es gibt Momente­, in denen ich klar und deutlich meine Meinung sage, auch mal die Krallen ausfahre. Andererseits ist es ganz gut, sich zwischendurch an einen geschützten Ort zurückzuziehen und die Dinge mit einer gewissen Distanz zu betrachten. Da bin ich eher in der Rolle des Rehs.

Mit Ihrem Album gehen Sie jetzt auch auf Tour. Einziges Konzert im Wallis wird jenes im April am «Zermatt unplugged» sein. Freuen Sie sich darauf?

Ja, sehr. Ich blicke mit grosser Freude der erneuten Begegnung mit Zermatt entgegen. Mit Zermatt verbinde ich viele schöne Momente und langjährige Freundschaften. Ich freue mich sehr auf ein Wiedersehen­ mit dem Matterhorndorf. Adrian Stern und James Gruntz werden als meine musikalischen Gäste in Zermatt ebenfalls auf der Bühne stehen.

Und dabei bleibt es dann? Keine weiteren Konzerte von Sina im Oberwallis?

Ich spiele sehr gerne im Oberwallis, so oft es mir möglich­ ist. Teils müssen halt Termine koordiniert und die passenden Veranstalter gefunden werden. Aber, auch wenn es noch nicht ganz spruchreif ist, das eine oder andere Konzert werden meine Band und ich im Oberwallis bestimmt noch geben.

Im Frühling werden Sie 49, die 50 rückt näher. Wie gehen Sie damit um?

Ich höre da die unterschwellige Frage: «Wie lange willst du noch Musik machen?» Meine Antwort ist: «So lange ich gesund und munter bin und natürlich solange ich etwas zu sagen habe.» Nach der fünften CD war ich sicher: Jetzt mache ich noch eine Produktion und dann war es das, dann habe ich alles gesagt. Aber mit den Jahren kommen weitere Geschichten dazu, die aktuell sind und erzählt werden wollen. Und so lange mir die Ideen nicht ausgehen, mache ich weiter, schliesslich ist Musik machen mein Beruf. Natürlich stehe ich heute anders auf der Bühne als mit Mitte 20. Damals waren Lautstärke und wildes Tanzen wichtiger, heute sind mehr die Inhalte im Vordergrund. Obwohl, laut mag ichs zwischendurch immer noch.

Als Sängerin wird man neben der Musik sehr oft auch optisch beurteilt. Wie gehen Sie damit um?

Auf dem neuen Album gibt es ein Lied mit dem Titel «Unsichtbar». Darin beschäftige ich mich mit Frauen ab 50, die durchsichtig sind, nicht mehr wahrgenommen­ werden. Niemand will alt sein, weil alt gleich verbraucht, gebrechlich, unattraktiv ist. Natürlich sind Frauen dem Druck, immer jung bzw. schön sein zu müssen, mehr unterworfen. Auch ich kenne diese Situation, wenn ich die Strasse entlang gehe und denke: «Früher wurdest du einfach einmal spontan von einem Mann angelächelt.» Ab 40 passiert das nicht mehr so häufig und irgendwann hört es dann ganz auf. Es ist dieses kurze Zeichen­ der Aufmerksamkeit das fehlt. Da meine Arbeit meist öffentlich stattfindet, bekomme ich genug Schweinwerferlicht­. Und auch wenn mir nicht mehr jedes Bild in der Zeitung und jede Videoeinstellung schmeichelt, ich möchte «schön» altern.

Wie geht das?

Sehen Sie sich mal Vivienne Westwood an oder Patty Smith. Diese Frauen haben Ausstrahlung. Wir sollten uns davon lösen, uns vor allem über das Aussehen zu definieren. Nur ist «gut aussehen» heute obligatorisch­ und die Leistung wird oft über das Äussere definiert. Bei männlichen Interpreten ist das meist kein Thema­, das ärgert mich manchmal. Da symbolisieren Augensäcke­ Lebenserfahrung und Falten Reife.

Haben Sie sich nie jünger gemacht?

Es gibt auf einem Album Bilder, wo der Retouche-Pinsel nicht zu knapp im Einsatz war. Da wurde teilweise so viel verändert, das die Person auf den Bildern kaum noch ich war. Natürlich will man im besten Licht erscheinen, das Produkt soll professionell daherkommen. Aber hier wurde deutlich übertrieben. Ich konnte das so kurzfristig aber leider nicht mehr ändern.

Martin Meul

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Infos

Zur Person

Vorname Ursula
Name Bellwald
Geburtsdatum 28. Mai 1966
Familie verheiratet
Beruf Musikerin
Hobbies Sport, Kino

Nachgehakt

Jedes meiner Alben ist besser als das vorige. Nein
Fotos von mir sind retuschiert. Ja
Ins Wallis ziehe ich nicht mehr zurück. Joker
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

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