Interview | Robert Kalbermatten, Geschäftsführer Sodalis Gesundheitsgruppe

«Eine Prämienreduktion werde ich wohl nicht mehr erleben»

«Es muss viel ­bezahlt werden, also will man das Beste herausholen», Robert Kalbermatten.
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«Es muss viel ­bezahlt werden, also will man das Beste herausholen», Robert Kalbermatten.
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Die Krankenkasse Sodalis hat kein einfaches Geschäftsjahr hinter sich. Gleichzeitig feiert der Krankenversicherer seinen 100. Geburtstag. ­Im Interview spricht Geschäftsführer Robert Kalbermatten über steigende ­Kosten und das Konsumverhalten der Versicherten.

Letztes Geschäftsjahr resultierte für die ­Sodalis ein Verlust von 5,3 Millionen Franken. Ist einem da überhaupt nach Jubiläumsfeierlichkeiten zumute?

Die Gefühle sind gemischt. Wir feiern unseren 100. Geburtstag, das ist sicher ein Grund zur Freude. Wir können stolz sein, dass es uns seit dieser langen Zeit gibt, und dass wir in dieser Zeit erfolgreich gearbeitet haben. Das letzte Jahr war aus finanzieller Sicht sicher ein Dämpfer, das ist schmerzhaft, denn man wünscht sich ja immer schwarze Zahlen. Allerdings hatten wir vorgängig sieben sehr gute Jahre, weshalb wir diesen Verlust gut verkraften können. Auch wenn man betrachtet, wie dieser entstanden ist.

Lassen Sie uns dies tun. Ein Faktor, der zum negativen Gesamtergebnis beitrug, waren hohe Zahlungen in den sogenannten Risikoausgleich. Um was handelt es sich dabei?

Dabei handelt es sich um einen «Solidaritätsausgleich» zwischen den Krankenkassen. Dieser wurde geschaffen, um zu verhindern, dass zwischen den Krankenkassen ein ungesunder Wettbewerb um «gute» Versicherte entsteht, sprich um junge, gesunde Leute. Das heisst: Kassen, die viele solche Versicherte haben, zahlen in den Ausgleich, Kassen, die «teure» Patienten haben, erhalten daraus Geld. Im letzten Jahr mussten wir rund sieben Millionen Franken mehr einzahlen als im Vorjahr.
Davon sind wir etwas überrascht worden.

Warum überrascht? Sieht man so etwas nicht kommen?

Wir wussten natürlich, dass wir einen Zuwachs an jungen Leuten im Geschäftsjahr 2017 hatten. Allerdings wird der Risikoausgleich laufend verfeinert. So werden neu die Medikamentenkosten pro Versicherten mit in die Kalkulation einbezogen. Das war schwer abzuschätzen. Zudem: Das schweizweite Umverteilungsvolumen im ­Risikoausgleich entwickelte sich von 735 Millionen Franken im Jahr 2000 auf mittlerweile 2,02 Milliarden Franken im Jahr 2017. Die finanziellen Auswirkungen für uns kleine und mittlere Krankenkassen sind enorm. Weil zudem die neue Berechnung rückwirkend auf 2017 angewendet wurde, fiel der Betrag, den wir letztes Jahr an den Ausgleich zahlen mussten, mit etwa 10 Millionen Franken überdurchschnittlich hoch aus.

Ein anderer Faktor, der zum letztjährigen ­Verlust beitrug, waren Ihre Aktivitäten an den Kapitalmärkten. Hier gab es einen Verlust von 3,8 Millionen Franken. Warum spekuliert eine Krankenkasse überhaupt an der Börse?

Wir haben ein relativ hohes Eigenkapital sowie Rückstellungen. Uns stehen über 100 Millionen Franken Kapital zur Verfügung. Natürlich sind Aktivitäten an den Kapitalmärkten immer mit einem Risiko verbunden und letztes Jahr war die Rendite negativ, so wie bei anderen zum Beispiel den Pensionskassen auch. Allerdings haben wir über die letzten zehn Jahre eine durchschnittliche Rendite von 2 Prozent erzielt. Im Moment befinden wir uns in einem Negativ-Zins-Umfeld, weshalb es nicht clever wäre, das Geld einfach auf der Bank zu lassen. Da wir sehr defensiv beim Investieren sind, denken wir, dass wir ein ­vertretbares Risiko eingehen. Und über einen längeren Zeitraum gesehen machen wir ja auch Gewinn im Sinne der Versicherten. So haben wir zum jetzigen Zeitpunkt für das laufende ­Geschäftsjahr unseren Verlust aus dem Vorjahr bereits wieder wettgemacht.

Dennoch haben Sie die Prämien für 2019 ­überdurchschnittlich stark erhöht, deutlich stärker als es der Rest der Kassen getan hat. Warum?

Die Prämien sind ein Spiegelbild der Leistungen. Steigen die Leistungen, steigen die Prämien. Weil wir vor dem Geschäftsjahr 2018 immer sehr gut unterwegs waren, waren auch die Prämien­erhöhungen für unsere Versicherten unterdurchschnittlich. Da wir aber gesehen haben, dass das letzte Jahr eher schwer werden würde, haben wir uns entschieden, für ein­mal einen ­etwas höheren Prämienanstieg in Kauf zu nehmen. Wir hoffen natürlich, dass es sich dabei um eine einmalige Angelegenheit handelt, und dass wir uns künftig wieder unter dem Schweizer Schnitt bewegen können, was die Erhöhungen betrifft. Es ist ja so, dass eine Prämienerhöhung mich selbst ebenfalls betrifft, und dass auch ich es gerne sehe, wenn der Anstieg moderat bleibt. Ich würde gerne einmal eine Reduktion an­kündigen, das werde ich aber wohl nicht mehr erleben.

Sie sagen, die Prämien sind ein Spiegelbild der Leistungen. Werden denn die Leistungen teurer oder werden mehr Leistungen in ­Anspruch genommen?

Es gibt mehrere Faktoren. Die Leute werden ­bekanntlich immer älter, das treibt die Kosten nach oben. Die Medizin wird besser, auch das kostet. Gerade im Medikamentenbereich sehen wir einen massiven Kostenanstieg. Es gibt heute Medikamente, die 400 000 Franken pro Jahr kosten, das gab es vor 15 Jahren noch nicht. Dann erleben wir aber auch, dass die Ansprüche der Versicherten stark steigen. Das Konsumverhalten ändert sich, was sich auf die Prämien auswirkt.

Können Sie das ausführen?

Im letzten Jahr haben 85 Prozent unserer Ver­sicherten in irgendeiner Form eine medizinische Leistung in Anspruch genommen. Nur 15 Prozent nicht. Das ist natürlich besorgniserregend. Früher wurden relativ wenig Krankenkassenprämien bezahlt, was dazu geführt hat, dass die Versicherten kostenbewusster waren. Heute hingegen machen die Prämien einen grossen Teil im Budget der Menschen aus. Entsprechend wollen die Leute auch etwas für ihr Geld «bekommen». Das äussert sich dann in einem Verhalten, dass kosten­treibend ist. Wer heute die Grippe hat, geht nicht direkt in die Apotheke, wo er sein Medikament selbst bezahlen muss, sondern er geht zum Arzt und holt sich ein Rezept, sodass die Kasse die Kosten trägt. Oder man hat seit Kurzem Schmerzen im Knie und lässt direkt ein MRI machen anstatt abzuwarten, ob sich das Problem nach ein paar Tagen von selbst löst. Befeuert wird das Ganze durch ein Überangebot an Geräten, die die Betreiber natürlich auslasten wollen. Zusammengefasst kann man es so sagen: Es muss viel bezahlt werden, also will man auch das Beste für sich herausholen. Nur wird dabei vergessen, dass dieses Verhalten die Prämien nach oben treibt. Es ist ein Teufelskreis. Der Versicherte sollte daher wieder mehr Eigenverantwortung übernehmen. Wir müssen lernen, mit den medizinischen Möglichkeiten vernünftig umzugehen.

Derzeit wird viel über die Grundversorgung im Oberwallis durch die Hausärzte diskutiert. Die einen sagen, es gibt zu wenig Hausärzte. Andere sehen die Situation weniger dramatisch. Müssten Sie als Krankenkasse nicht ein Interesse daran ­haben, dass es genug Hausärzte gibt, damit die Leute nicht unnötigerweise ins Spital gehen?

Selbstredend ist es für uns von grossem Interesse, dass nur Leute, bei denen es auch wirklich angezeigt ist, sich im Spital behandeln lassen. ­Allerdings denken wir auch, dass die Versorgungslage durch Hausärzte im Oberwallis gut ist. Klar gibt es Orte, gerade in den Randregionen, in denen es an Hausärzten fehlt. Über das gesamte Oberwallis schätzen wir die Situation jedoch als nicht kritisch ein. Es gibt zwar definitiv kein Überangebot, aber das ist auch gut so, denn jedes Überangebot verursacht höhere Kosten.

Sie sagen zwar, dass Sie eine Prämien­reduktion wohl nicht mehr erleben werden. Was könnte denn neben mehr Eigenverantwortung seitens der Versicherten helfen, den Kostenanstieg zumindest abzubremsen?

Das elektronische Patientendossier wäre sicher eine Hilfe. Allzu oft werden nämlich Unter­suchungen doppelt gemacht, weil der Arzt nicht weiss, dass schon untersucht wurde oder weil die Ergebnisse nicht zur Verfügung stehen. Es ist uns jedoch klar, dass die Einführung dieses elektronischen Dossiers aus Datenschutzgründen nicht einfach wird. Dann setzen wird auch die Hoffnung in die vom Bundesrat vorgeschlagenen Mass­nahmen zur Kostenreduktion im Gesundheitswesen, wobei wir sehen, dass es heftigen ­Widerstand gibt. Doch klar ist: All diese Massnahmen würden nicht dazu führen, dass die Kosten sinken, nur dazu, dass sie weniger stark ansteigen.

Viele Leute leiden schon heute finanziell unter der Belastung durch die Prämien. Eine Entspannung der Situation können Sie diesen Menschen also nicht in Aussicht stellen.

Der Mittelstand gerät tatsächlich immer stärker unter Druck, für manche ist die Schmerzgrenze schon erreicht. Obwohl es politische Bestrebungen gibt, die steigende Belastung für die Haushalte abzubremsen, wird es in Zukunft kaum ohne verstärktes Engagement seitens der öffentlichen Hand gehen. Im Wallis wird zwar schon rund ein Drittel der Versicherten bei den Krankenkassenprämien unterstützt. Ich bin aber überzeugt, dass noch mehr Leute Subventionen bekommen müssen. Sonst wird es schwierig werden, unser System am Laufen zu halten. Zudem droht uns sonst in absehbarer Zeit auch die Einführung der Einheitskasse, die aber keinesfalls garantieren würde, dass die Kosten und ­somit die finanzielle Belastung für die Menschen sinken.

Wir haben viel über Herausforderungen ­gesprochen. Gibt es denn zum runden ­Geburtstag auch Dinge, die Anlass zum ­Optimismus geben?

Sodalis ist im Oberwallis sehr erfolgreich unterwegs. In den letzten sieben Jahren hatten wir ein Wachstum bei den Versicherten von über 10 Prozent. Das zeigt, dass man uns Vertrauen entgegenbringt und unsere Arbeit schätzt. Das ist sicher ein Anlass für Optimismus und macht uns auch ein bisschen stolz.

Martin Meul

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Infos

Zur Person

Vorname Robert 
Name Kalbermatten
Geburtsdatum 16. Januar 1959
Familie verheiratet, 2 Kinder
Beruf Kaufmann
Hobbies Skitouren, Lachsfischen, Bergwandern

Nachgehakt

Das Krankenversicherungsgesetz
bedarf einer Revision.
Nein
Den Leuten ist ihre Gesundheit
finanziell zu wenig wert.
Nein
Unser Gesundheitssystem
ist das beste der Welt.
Ja
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

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