Frontalinterview | Roland Squaratti

«Gondo ist für mich eine Herzensangelegenheit»

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Läuft alles nach Plan, dann wird Roland Squaratti (48) eine weitere Amtsperiode als Gemeindepräsident in Angriff nehmen. Squaratti über die sinkenden Wasserzinsen, eine mögliche Fusion und die Zukunft der Simplonsüdseite.

Roland Squaratti, in den nächsten Tagen jährt sich zum 16. Mal die Unwetterkatastrophe von Gondo, bei der 13 Menschen ihr Leben verloren haben. Sind Ihnen die Bilder noch präsent?
Sicher. Gerade in diesen Tagen sind die Schreckensbilder immer präsent. Aber auch während des Jahres werde ich immer wieder an den Unglückstag im Jahr 2000 erinnert. Ich bekomme im Schnitt zwischen zehn und zwölf Anfragen von Gruppen, die eine Ortsbesichtigung wünschen und sich über die Katastrophe informieren wollen. Allein im September habe ich drei Ortsführungen gemacht. Letzthin war eine Frau vor Ort, deren Vater in die Ausbildung der Kinder investiert hat, die beim Unglück zu Halb- oder Vollwaisen wurden. Dieser Mann ist in der Zwischenzeit gestorben und die Tochter lässt nun eine Biografie über ihren Vater verfassen. Aus diesem Grund war sie auch in Gondo und hat sich nach dem Befinden der damals betroffenen Kinder erkundigt und sich mit ihnen getroffen.

Sie wurden vor dem Hintergrund dieses traurigen ­Ereignisses über Nacht national bekannt. Wie denken Sie heute darüber?
Ich bin froh, ist diese Zeit vorbei. Ich bin in ein­fachen Verhältnissen aufgewachsen und schätze es, im Hintergrund zu agieren. Durch das Ereignis hatte ich viele Medienanfragen und war schweizweit bekannt wie ein bunter Hund. Heute kennen mich die Leute im Oberwallis, aber in der Deutschschweiz bin ich mehrheitlich unbekannt. In dieser Rolle fühle ich mich sichtlich wohler.

In einer einmaligen Sammelaktion hat die Glückskette über 70 Millionen Franken für die Unwettergeschädigten gesammelt und das Dorf wieder aufgebaut. Heute sind zwar keine Schäden mehr sichtbar, aber auch fast keine Menschen mehr im Ort. War der Wiederaufbau sinnvoll?
Wir haben zwar kein Bevölkerungswachstum, aber die Einwohnerzahl hat sich inzwischen bei 85 bis 90 Personen eingependelt. Damit sind wir sehr zufrieden. Vor dem Wiederaufbau haben wir damit gerechnet, dass längerfristig zwischen 80 bis 100 Personen in Gondo bleiben werden. In diesem Bereich bewegen wir uns heute. Darum war es sicher sinnvoll, dem Willen der Spenderinnen und Spender nachzukommen und das Dorf wieder aufzubauen. Beim Unwetter wurden zehn Gebäude mit insgesamt 30 Wohneinheiten zerstört. Die Gemeinde hat in einem Gebäude vier 4 1/2-Zimmer-Wohnungen gebaut und im anderen zwei 5 1/2-Zimmer-Wohnungen. Dazu haben zwei Privatpersonen zwei Einfamilienhäuser erstellt. Insofern war es eine überschaubare Investition.

Trotzdem sind einige Bewohner nicht mehr nach Gondo zurückgekehrt?
Durch das Ereignis mussten alle Einwohnerinnen und Einwohner einen Monat lang von Gondo wegziehen. Auch die Grenzwächter mit ihren Familien. Die meisten haben danach ihren Wohnsitz nicht mehr in Gondo aufgeschlagen. Früher machten die Grenzwächter mit ihren Familien rund einen Drittel unserer Bevölkerung aus. Heute haben nur noch drei Grenzwächter und ein Zollbeamter ihren Wohnsitz in Gondo.

Der Katastrophentourismus gehört der Vergangenheit an und die Euphorie um den Wiederaufbau ist längst verflogen. Auch die Zollabfertigung wird nach Gamsen verlagert. Keine guten Aussichten für das Grenzdorf…
Die Stellen für die Zollabfertigung haben wir ver­loren. Dem ist so. Aber das viel grössere Problem sind die Lastwagen, die von Italien kommend über den Simplonpass fahren. Viele Lastwagen, vor allem aus Osteuropa, sind in einem himmeltraurigen Zustand und werden jetzt an der Grenze nicht mehr auf ihre Fahrtauglichkeit hin überprüft. Das ist eine tickende Zeitbombe. Darin besteht eine potenzielle Gefahr. Weniger für die Simplonsüdseite, sondern vielmehr für die Nordseite. Daran ändern auch die angekündigten sporadischen Kontrollen wenig. Es ist eine Frage der Zeit, bis etwas Schlimmes passiert.

Was müsste man Ihrer Meinung nach tun?
Auf der Simplonsüdseite müssten zwingend ständige technische Kontrollen durchgeführt werden. Alles andere ist Augenwischerei. Aber ich habe das Gefühl, die Politik wird erst reagieren, wenn sich ein gravierender Unfall ereignet hat.

Zum Wiederaufbau: Auch das Hotel Restaurant und Seminarzentrum «Stockalperturm», das für 7,5 Millionen renoviert wurde, hat von seiner einstigen Anziehungskraft verloren. Sind Sie zufrieden mit der Belegung?
Momentan führt ein Walliser Wirtepaar den Stockalperturm. Die Rückmeldungen der Gäste sind sehr gut. Wir vom Stiftungsrat würden es begrüssen, wenn die Öffnungszeiten im Sommer ein bisschen länger wären. Natürlich war die Belegung vor zehn Jahren höher als heute. Das hatte aber auch damit zu tun, dass die Medienpräsenz damals viel höher war als heute.

Sie selbst haben immer gepredigt, dem Dorf neues Leben einzuhauchen, um dann als «Fahnenflüchtiger» das Zwischbergental zu verlassen und Ihren Wohnsitz in den Talgrund zu verlegen…
Im Mai 2005 ereignete sich zwischen Gondo und meinem Wohnort im Zwischbergental ein grosser Felssturz, der die Strasse stark beschädigte. Weil der besagte Strassenabschnitt durch den Kanton aus ­finanziellen Gründen nicht wintersicher gemacht werden konnte und auch meine Kinder mehrmals täglich diesen Streckenabschnitt für den Schulweg passieren mussten, habe ich mich zusammen mit meiner Frau entschlossen, den Wohnsitz zu wechseln. Das Risiko, dass mir oder meiner Familie etwas passiert, war mir zu hoch.

Inzwischen präsidieren Sie Ihre Heimatgemeinde von Brig-Glis aus und werden eine weitere Periode als ­Gemeindepräsident in Angriff nehmen. Warum tun Sie sich das an?
Das ist für mich eine Herzensangelegenheit. Ich bin in Zwischbergen geboren und liebe mein Heimatdorf. Zudem bin ich gerne Gemeindepräsident. Ich habe Freude an dieser Arbeit und die Aufgabe ist sehr vielfältig. Ich denke an das Kraftwerk, die Nationalstrasse oder die Grenzwacht. Auch den Kontakt zu den Nachbargemeinden schätze ich sehr. Alles, was man gerne macht, belastet nicht.

Gondo hat viele Jahre sehr gut von den Wasserzinsen gelebt. In der Zwischenzeit ist das Geschäft mit dem flüssigen Gold weniger lukrativ. Wie sehen Sie die ­Zukunft?
Zwei Drittel unserer Einnahmen stammen aus der Wasserkraft. In den letzten Jahren haben wir rund 1,1 Millionen Franken an Wasserzinsen und eine halbe Million an Steuereinahmen aus dem Kraftwerkbetrieb eingenommen. In der Zwischenzeit sind die Einnahmen der Gewinnsteuern weggefallen. Zudem wird der Wasserzins ab 2019 neu ausgehandelt. Auch den Bau des Pumpspeicherkraftwerkes im Zwischbergental mussten wir sistieren. Bei den heutigen Strompreisen rechnet sich die Investition nicht mehr. Längerfristig wird die Wasserkraft aber wieder an Bedeutung gewinnen, weil es eine saubere Energie ist.

Ihre Gemeinde zählt rund 100 Einwohner, die Nachbargemeinde Simplon Dorf knapp 300 Einwohner. Warum wehren Sie sich gegen eine Fusion?
Ich wehre mich nicht gegen eine Fusion. Aber ich bin nur für eine Fusion, die auch Sinn macht, das heisst es bringt nichts, wenn zwei so kleine Gemeinden ­fusionieren. Im Fall der Simplonsüdseite muss man darüber nachdenken, eine Fusion mit Termen/Ried-Brig anzustreben oder sogar mit Brig-Glis als grosse Zentrumsgemeinde. Das macht Sinn, alles andere bringt relativ wenig.

Auch touristisch rühren Sie mit der grossen Kelle an. So hat sich Gondo kurzerhand mit der Brig Simplon Tourismus AG zusammengeschlossen. Dadurch brachten Sie die Nachbargemeinde Simplon Dorf in Zugzwang…
Das stimmt so nicht. Die Gemeinde Brig-Glis ist uns angegangen und hat angefragt, ob wir Interesse hätten, in einer gemeinsamen Tourismusdestination mitzumachen. Dass Simplon Dorf dadurch in Zugzwang geraten ist, mag stimmen. Aber letztlich macht auch touristisch gesehen nur eine grosse Destination Sinn.

Dass Sie nach der Kooperation mit der Brig Simplon Tourismus AG die Gelder für die Geschäftsstelle auf der Südseite gestrichen haben, wird Ihnen auf der Simplonsüdseite heute noch übel genommen…
Wir beteiligen uns finanziell sehr wohl am Tourismus auf der Simplonsüdseite. Nach der Gründung der Brig Simplon Tourismus AG wurde eine Halb­tagesstelle für die Simplonsüdseite garantiert. An den jährlichen Kosten von 45 000 Franken beteiligt sich die Stiftung Lebensraum Simplon Süd, die nach dem Unwetter von der Glückskette ins Leben gerufen wurde, mit 25 000 Franken. Dieses Geld stammt von Gondo. Weitere 10 000 Franken zahlt die Gemeinde Simplon und 10 000 Franken zahlt Simplon Tourismus. Daran ist Gondo ebenfalls beteiligt. Insofern stimmt es nicht, dass wir uns finanziell nicht einbringen.

Der Simplonsüdseite weht künftig ein rauer Wind entgegen. Das Bevölkerungswachstum stagniert, das Durchschnittsalter steigt und die Aufgaben der Gemeinden werden nicht kleiner. Ist die Simplonsüdseite bald Geschichte?
Nein. Allein die Nationalstrasse, die über den Simplonpass führt, bringt Leben in unsere Region. In Gondo selbst haben wir drei Tankstellen und drei Lebensmittelgeschäfte, die dank des Durchgangsverkehrs erhalten werden können. Davon wird die Simplonsüdseite auch in Zukunft profitieren.

Walter Bellwald

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Infos

Zur Person

Vorname Roland
Name Squaratti
Geburtsdatum 22. August 1968
Familie verheiratet, drei Kinder, ein Enkelkind
Beruf Treuhandexperte
Funktion Gemeindepräsident Zwischbergen
Hobbies Curling, Feuerwehr, FC Sitten

Nachgehakt

Ich mache nur noch eine Periode als Gemeindepräsident. Ja
Ich trinke lieber Whisky als Wein. Nein
Nach meiner Pensionierung werde ich wieder im Zwischbergental ansässig. Ja
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

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