Frontal | SRF-Korrespondent in Berlin

«Ich erlebe Berlin als eine sehr offene Metropole»

Adrian Arnold, SRF-Korrespondent in Berlin
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Adrian Arnold, SRF-Korrespondent in Berlin
Foto: rz

Quelle: RZ 1

Brig-Glis | Er lebt und arbeitet seit Mitte 2014 in der deutschen Hauptstadt als SRF-Korrespondent in Berlin. Adrian Arnold (41) über seine spannende Aufgabe, die deutsche Mentalität und seinen politischen Blick auf die Schweiz.

Sie haben sich während der Fasnachtszeit in den «Gätsch» gestürzt. Wie haben Sie die närrischen Tage und Nächte im Oberwallis erlebt?

Das war sensationell. Ich habe mich zusammen mit meinen Freunden ins Fasnachtsgetümmel gestürzt und wir haben gefeiert. Später bin ich todmüde nach Deutschland zurückgeflogen, aber die Batterien waren wieder voll aufgeladen. Hier in Brig und im Oberwallis ist meine Basis und die Basis meiner Familie. Ich habe auch ein paar gute Kollegen in Deutschland und in Frankreich, aber der Freundes- und Familienkreis ist hier im Oberwallis.

Seit Juni 2014 sind Sie als SRF-Korrespondent in Berlin tätig. Wie erleben Sie die deutsche Hauptstadt?

Ich erlebe Berlin als eine sehr offene Metropole, und die Menschen sind sehr herzlich, aber direkt. Das ist durchaus vergleichbar, wie wir Oberwalliser miteinander umgehen. Da sehe ich durchaus Parallelen zwischen Berlinern und Oberwallisern. Eine gewisse Direktheit, eine gewisse Bodenständigkeit und eine grosse Herzlichkeit.

Wie kommen Sie mit dieser direkten und unzimper­lichen Art klar?

Entweder kommt man damit zurecht oder nicht. Aber gerade weil wir eine ähnliche Mentalität haben, habe ich mich auch sofort in Berlin wohlgefühlt. Und meiner Frau und meinen Kindern ist es genauso ergangen.

Wie gefällt Ihnen die Stadt?

Berlin besteht aus vielen verschiedenen Teilen. Jeder Bezirk ist für sich wie eine kleine Stadt. Ich lebe mit meiner Familie im Prenzlauer Berg, das ist ein Viertel im ehemaligen Osten und besteht aus Altbauten. Es hat hier viele Familien und ist sehr ruhig. Zudem hat es hier auch viele Grünflächen. Da fühlen wir uns sehr wohl. Mein Büro hingegen liegt in Berlin Mitte. Mit dem Velo brauche ich rund 16 Minuten bis zu meinem Arbeitsplatz. Wenn ich pressieren muss, sind es knapp 13 Minuten.

Sie waren von 2007 bis 2011 als Frankreich-Korrespondent in Paris tätig. Gefällt es Ihnen in Berlin besser als in der französischen Hauptstadt?

Berlin ist einfacher zum Leben. Das hat sicher auch mit der Sprache zu tun. Die Deutschen sind uns ähnlicher als die Franzosen. Da ist eine gewisse Zuverlässigkeit, eine gewisse Zielstrebigkeit und Pünktlichkeit erkennbar. Zudem sind die Deutschen gegenüber den Schweizern sehr offen. Die Franzosen sind einfach legerer. Darum bin ich überzeugt, dass es für einen Schweizer einfacher ist, in Deutschland zu leben und zu arbeiten als in Frankreich.

Sie wohnen im Osten von Berlin. Gibt es Mentalitäts­unterschiede zwischen Wessis und Ossis?

Ja, das merkt man ein bisschen. Die Menschen im Osten haben eine andere politische Vergangenheit. Ich arbeite ausschliesslich mit Leuten zusammen, die in der ehemaligen DDR grossgeworden sind. Nach dem Mauerfall 1989 mussten sie quasi ein neues Leben lernen. Das äussert sich auch dahingehend, dass sie gewisse Vorbehalte gegenüber Westdeutschland haben. Zugleich sind sie sehr stolz auf ihre Vergangenheit, auch wenn sie in einer Diktatur grossgeworden sind. Ich verstehe mich ausgezeichnet mit ihnen.

Während Ihrer Arbeit haben Sie viel mit deutschen Politikern zu tun. Müssen Sie als ausländischer Korrespondent bei der Medienarbeit hinter Ihren deutschen Kollegen anstehen?

Das kommt ganz drauf an. Es gibt viele Themen, wo man als Schweizer Journalist gar nicht mitreden kann und muss. Aber bei aussenpolitischen Themen wie beim Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, als Didier Burkhalter das OSZE-Präsidium innehatte, waren wir vom Schweizer Fernsehen bei Aus­senminister Steinmeier die erste Ansprechadresse. Generell lässt sich sagen, dass wir bei deutschen Politikern auf eine breite Akzeptanz stossen und immer willkommen sind, wenn wir irgendwelche Informa­tionen brauchen.

Ist es für Sie einfacher aus ausländischer Korrespondent, die notwendigen Informationen zu holen?

In der Tat. Vielfach ist meine Arbeit einfacher als für deutsche Medien, weil die Politiker nicht jedes Wort auf die Waagschale legen müssen. Insofern erzählen sie vielfach auch freier und das kann ich für meine journalistische Arbeit nutzen.

Sie waren drei Jahre lang als Bundeshauskorrespondent in Bern tätig. Wie erleben Sie die politische Kultur in Deutschland im Gegensatz zur Schweiz?

In der Schweiz herrscht momentan eine weit unruhigere Phase als in Deutschland mit der grossen Koalition. Und diese Stabilität macht es auch aus, dass Deutschland zurzeit so mächtig und stark auftreten kann. In der Schweiz stelle ich eine Verschiebung der beiden Pole fest. Die Mitte verliert mehr und mehr, währenddem in Deutschland alle Parteien immer mehr zur Mitte hin tendieren. Diese Stabilität, aus der Deutschland momentan agiert, verliert die Schweiz mehr und mehr. Die Schweiz ist historisch aus einer stabilen Mitte gewachsen. Die heutige politische Situation der Schweiz mit der EU ist darauf zurückzuführen, dass es einen Rechtsrutsch gegeben hat. Ich will das nicht werten, aber das ist die Wahrnehmung von aussen. Und diese politische Entwicklung wird die Schweiz aussenpolitisch noch vor gros­se Herausforderungen stellen.

Mit der Annahmne der Masseneinwanderungsinitiative vor knapp einem Jahr steht man in Brüssel jetzt am Scheideweg. Wie kommt die Schweiz aus diesem Dilemma zwischen Bilateralen und Personenfreizügigkeit?

Wenn ich das wüsste, würde ich jetzt nicht hier als Journalist ein Interview geben, sondern würde im Bundeshaus den Tarif durchgeben (lacht). Es wird eine Lösung geben, weil beide Parteien ein gegenseitiges Interesse aneinander haben. Das ist der Trumpf der Schweiz. Wenn man ein gemeinsames Ziel verfolgt, wird man eine Lösung finden. Letztendlich dürften sowohl die Schweiz als auch die EU einen Kompromiss eingehen, um einen vernünftigen Weg zu finden.

Wie ist denn die Wahrnehmung der Deutschen in diesem Konflikt? Hat man Verständnis für die Schweizer Anliegen?

Deutschland hat viel Verständnis für die Anliegen der Schweiz. Aber ich höre auch immer wieder, wie man mit Besorgnis wahrnimmt, dass sich die Schweiz abschottet.

Bekommt man im Ausland einen anderen Blickwinkel auf die politische und wirtschaftliche Schweiz?

Wenn man von aussen etwas wahrnimmt, schärft man den Blick fürs Wesentliche. Das ist meine Wahrnehmung. Vor allem, wenn man das politische und wirtschaftliche System kennt. Ich beobachte mit gros­sem Interesse die Entwicklung unseres Landes und auch die Reaktionen im benachbarten Ausland. Es wäre falsch zu sagen, ich sei momentan nicht besorgt über gewisse Entwicklungen in der Schweiz. Wir sind mitten in Europa, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Uns geht die EU und Brüssel zwar nichts an, aber wir sind ein Teil des Kontinents. Dessen müssen wir uns bewusst sein.

Nicht nur in der Schweiz, auch in Deutschland stellt man eine fremdenfeindliche Stimmung fest. In Ostdeutschland kämpfte die Pegida gegen die Islamisierung. Wie gefährlich ist diese Entwicklung?

Eine gewisse Zunahme von Nationalismus kann man momentan in ganz Europa feststellen. Das ist eine ­Reaktion auf die Globalisierung und auf grosse Konstrukte wie die EU. Aber die Pegida in Deutschland ist Vergangenheit. Diese Organisation hat sich durch rassistische Äusserungen ihres Gründers selbst erledigt. In Deutschland reagiert man auf überbordenden Nationalismus viel sensibler als anderswo. Das hat natürlich mit der politischen Vergangenheit zu tun. Da gibt es in Deutschland eine Barriere, die nicht überschritten werden darf. Das prägt die politische Kultur im Land natürlich ganz extrem.

Sie sind seit vielen Jahren auf der Politbühne tätig und haben, im Verhältnis zu anderen Kollegen, viel Präsenzzeit im Fernsehen. Trügt diese Wahrnehmung?

Ich bin einfach ein aufdringlicher Typ (lacht). Im Ernst, während meiner Zeit als Frankreich-Korrespondent war das Land mit Nicolas Sarkozy in einer Aufbruchphase und jetzt ist Deutschland mit Angela Merkel die Führungsnation in Europa. Dadurch wird die politische Berichterstattung aus unserem nörd­lichen Nachbarland forciert. Dazu kommt, dass ich ab und an noch Geschichten am Rand der politischen Bühne mache. Die sind gefragt, weil sie andere Einblicke in unser Nachbarland geben.

Hatten Sie schon die Ehre, mit der Bundeskanzlerin ein persönliches Gespräch zu führen?

Ich besuche viele Pressekonferenzen der Kanzlerin und hatte auch schon die Ehre, ihr die Hand zu geben. Aber Einzelinterviews mit ausländischen Journalisten gibt die Kanzlerin nicht.

Sie sind nicht nur politisch versiert, sondern haben auch eine gewisse Affinität für Sport, insbesondere für Fussball…

Ich spiele beim FC Friedrichshain, einem Hobby-­Kickerverein. Wir trainieren jeweils vor dem deutschen Bundestag auf einer Wiese und spielen gegen Diplomaten des auswärtigen deutschen Amtes.

Wussten Sie vor allen anderen, dass ihr Freund und ­Kollege Martin Schmidt neuer Cheftrainer bei FSV Mainz 05 wird?

Ich habe im Vorfeld in den deutschen Medien ein paar Artikel gelesen, wonach Schmidt als Favorit für den Trainerstuhl in Mainz gehandelt wird. Auch während den Feiertagen im Oberwallis haben wir zusammen darüber diskutiert. Dadurch war ich immer auf dem Laufenden. Um auf die Frage zurückzukommen. Ich habe es einen Tag vor der offiziellen Bekanntgabe erfahren. Ich bin überzeugt, dass Martin seinen Weg gehen wird, auch in der 1. Bundesliga.

Walter Bellwald

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Infos

Zur Person

Vorname Adrian
Name Arnold
Geburtsdatum 7. November 1973
Familie verheiratet mit Elke, zwei Kinder Giulio (6) und Jana (4)
Beruf Jurist
Funktion SRF-Korrespondent in Berlin
Hobbies Fussball

Nachgehakt

Den Berliner Dialekt verstehe ich ohne Probleme. Ja
Das Brandenburger Tor gefällt mir besser als der Eiffelturm. Nein
Der FSV Mainz schafft unter Martin Schmidt den Ligaerhalt. Ja
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.

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Kommentare

  • Hansruedi Schneider - 25

    Guten Tag Herr Arnold
    Ihre Beiträge sind immer interessant, warum müssen Sie vor jedem Beitrag ihrerseits solch lange Kunstpausen machen? Sind Sie Mediengeil? Ich habe schon öfters umgeschaltet auf Ihr Gesicht kann ich auch verzichten und ich bin nicht der einzige!

    Freundliche Grüsse
    Hansruedi Schneider
    Tech. Direktor in Pension

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