Frontal | Vanessa Grand, Sängerin

«Ich hatte grosse Schmerzen und Angst um die Zukunft»

Vanessa Grand kann wieder lachen.
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Vanessa Grand kann wieder lachen.
Foto: zvg

Vanessa Grand: «Singen ist meine Leidenschaft.»
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Vanessa Grand: «Singen ist meine Leidenschaft.»
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Quelle: RZ 0

Sängerin Vanessa Grand (41) hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Nach einem heftigen Sturz musste sie vier Monate im Spital verbringen. Im Frontalinterview spricht sie über ihren langen Weg zurück, ihre Zukunftsängste und die Pläne für 2020.

Vanessa Grand, wir stehen in der besinnlichen Jahreszeit. Was verbinden Sie mit den Feiertagen?
Ich liebe diese Zeit und freue mich jeweils sehr darauf. Mit den Feiertagen verbinde ich Düfte wie Zimt, Vanille, Lebkuchen, viele Lichter, Dekorationen, Weihnachtsmärkte und Weihnachtsmusik. Ich backe auch gerne mit meiner Mama, bastle viel und mache Tischdekorationen. Und wir haben eine Krippe mit holzgeschnitzten Figuren, die bei uns lange nach der Weihnacht noch aufgestellt bleibt.

Werfen wir einen Blick zurück ins vergangene Jahr: Was war Ihr grösster Aufsteller?
Als ich eine Woche nach meinem viermonatigen Spitalaufenthalt in Südtirol beim Open Air der Kastelruther Spatzen auf der Bühne stand. Das war für mich sehr wichtig und ich habe dafür gekämpft, mir diesen Traum zu erfüllen. Ich habe den Vertrag sogar im Februar im Spital unterschrieben, obwohl ich nicht wusste, ob ich bis dahin wieder gesund bin. Die Ärzte waren nicht davon überzeugt, aber meine Eltern haben mich sehr unterstützt. Auch mein Physiotherapeut hatte einen grossen Anteil daran, dass ich es geschafft habe. Es war eine grosse Ehre für mich, schon zum zweiten Mal am Open Air der Spatzen auftreten zu dürfen.

Und was war der schlimmste Moment im vergangenen Jahr?
Als ich aus dem Rollstuhl gefallen bin und mir dabei beide Unterschenkel gebrochen habe. Ich war am Boden zerstört, nicht zuletzt deshalb, weil ich nur zwei Tage später eigentlich in die Skiferien fahren wollte. Darum habe ich mich fürchterlich über mich selbst geärgert, weil ich so unachtsam war.

Sie sprechen es an, nach Ihrem schlimmen Unfall folgte ein viermonatiger Spitalaufenthalt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Ich hatte enorme Schmerzen und auch Angst, dass meine Knochen nicht mehr richtig verheilen würden. Das hätte mein Leben in vielen Situationen stark eingeschränkt. Ich war circa 100 Tage ans Spitalbett gefesselt und konnte mich in dieser Zeit kaum bewegen. Insgesamt war ich vier Monate im Spital. Rückblickend muss ich sagen, dass es eine lange Durststrecke war, aber ich habe die Zeit im Spital auch dazu genutzt, um ein paar Sachen klarzustellen und zu erkennen, wer mir wirklich wichtig ist und wer nicht. Ich habe einen grossen Teil meines Freundes- und Kollegenkreises umgekrempelt. Ohne den Unfall und die lange Zeit im Spital hätte ich diese Erkenntnis nicht gehabt.

Sie gelten mitunter nicht gerade als geduldig und sagen frei heraus, wenn Ihnen etwas nicht passt…
Nicht passt ist zu direkt ausgedrückt. Aber ja, wenn ich etwas nicht gerechtfertigt finde, sage ich meine Meinung. Das war auch im Spital so. Als ich auf die Geriatrie verlegt wurde, habe ich mich von der Ärzteschaft nicht verstanden gefühlt. Trotzdem habe ich das Beste daraus gemacht. Ich hatte auch sehr viele Besucher, auch mein Fanclub war da. Zudem haben viele Musikkolleginnen und -Kollegen mich mit Anrufen und Videos überrascht – auch aus Südtirol. Und ich habe sogar Tagebuch geführt, um meine Emotionen nicht nur unterdrücken zu müssen. Zwischendurch habe ich am Laptop gearbeitet, Musik gehört, aber auch gestickt, um die Zeit sinnvoll zu verbringen.

Auch wenn es um behindertengerechte Anliegen geht, halten Sie mit Ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Muss man sich als behinderter Mensch mehr einsetzen, um seine Anliegen durchzubringen?
Ja, gerade als behinderter Mensch ist es wichtig, sich zu Wort zu melden und seine Meinung einzubringen. Auch wenn das nicht immer allen passt. Vielfach reagieren die Behörden genervt und man wird als Jammerer verunglimpft, wenn man sich zum x-ten Mal einbringt. Aber das ist mir egal. Vor allem wenn es um bauliche Massnahmen geht, bin ich direkt betroffen. Darum habe ich Mühe damit, wenn irgendwelche Bürokraten am Schreibtisch Entscheide treffen, die uns Rollstuhlfahrer das Leben erschweren statt zu vereinfachen. Als behinderter Mensch muss man sich Gehör verschaffen, auch wenn man viel Gegenwehr bekommt. Es ist wichtig, dass man für seine Anliegen einsteht.

Stichwort behindertengerechtes Bauen: Wird den Anliegen der Behinderten genügend Rechnung getragen?
Wenn ich sehe, wie streng zum Beispiel in Südtirol die Gesetze sind und diese auch dank der ebenso strengen Kontrolle eingehalten werden müssen, dann sind wir hier in der Schweiz weit davon entfernt. Obwohl die Gesetze jeden Bauherrn bei uns dazu verpflichten, entsprechende Einrichtungen zu machen, hapert es mit der Umsetzung. Auch hier im Wallis haben wir diesbezüglich Nachholbedarf. Es läuft alles viel zu langsam.

Wie gehen Sie mit Kritik um?
Mit konstruktiver Kritik kann ich sehr gut umgehen. Sobald es aber persönlich und beleidigend wird, kann ich auch austeilen. Es bringt nichts, immer zu schweigen. Man muss zu seiner Meinung stehen, auch wenn die nicht überall gut ankommt.

Nach aussen wirken Sie immer aufgestellt und gefasst. Gibt es auch Momente, wo Sie sich einsam und verlassen fühlen?
Natürlich habe ich auch schwere Momente. Wenn man mit einer Behinderung zur Welt gekommen ist, gibt es viele Hürden, die sonst niemand kennt. Hürden, die man alleine durchstehen muss. Aber ich habe immer die Gewissheit, dass ich Menschen um mich habe, auf die ich mich verlassen kann. Viele davon sind aber leider nicht in meiner unmittelbaren Nähe. Im Wallis habe ich nur wenig enge Freunde. Wenn meine Eltern nicht hier wären, würde ich mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht mehr hier wohnen. Mit solchen Gedanken setze ich mich schon lange auseinander. Für mich ist es eine Option, irgendwann mal in die Deutschschweiz zu ziehen.

Sie singen nicht nur, Sie leben für die Musik. Just auf Weihnachten haben Sie eine neue CD herausgegeben. Was bekommen wir zu hören?
Eigentlich wollte ich nie Weihnachtslieder singen. Nachdem ich aber vor einigen Jahren in der Weihnachtszeit einen Auftritt hatte, bin ich auf den Geschmack gekommen. Auf meiner CD sind abwechslungsreiche Weihnachtsmelodien zu hören, von schwungvoll bis romantisch. Nur zwei «klassische» Titel habe ich mitgenommen. «Jingle Bells» und «Feliz Navidad» habe ich mehrsprachig aufgenommen. Die Aufnahmen fanden wieder im Tonstudio in Osttirol statt.

Nach sechs Auflagen haben Sie im vergangenen Jahr das Vanessa Grand Open Air nicht mehr durchgeführt. Was war der Grund?
Defizit gab es nie, aber ich habe zu wenig Unterstützung gespürt. Das hat nichts mit dem Besuch des Open Airs zu tun, sondern mit dem Wohlwollen der einheimischen Bevölkerung und Verwaltung, eine solche Veranstaltung in Leuk durchzuführen. Die Festivals waren sicherlich auch für die Leistungsträger in der Region positiv, unter anderem war es immer der Anlass, der am meisten Hotelzimmer in der Region besetzt hat. Dass mir als einheimischer Künstlerin so wenig Goodwill entgegengebracht wurde, erstaunt mich sehr. Aus diesem Grund habe ich mich dafür entschieden, kein Open Air mehr durchzuführen, jedenfalls nicht hier und nicht so. Auch wenn mir dieser Entscheid nicht leicht gefallen ist. Wenn es die Gesundheit zulässt, feiere ich 2022 mein 35-jähriges musikalisches Jubiläum. Wie, wo, was? Ich bin sehr offen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Sie mehrmals im Jahr nach Südtirol fahren. Warum fühlen Sie sich dort so wohl?
Mir gefällt die Mentalität, die Kultur, das Brauchtum, die Natur und die Musik der Südtiroler. Ich verstehe mich auch sehr gut mit vielen Musikanten. Und wie bereits angesprochen, ist in Südtirol die Barrierefreiheit nicht bloss ein Schlagwort. Da finde ich an jeder Ecke einen Behindertenparkplatz und fast jedes Hotel oder Restaurant hat eine behindertengerechte Toilette. Dadurch kann ich mich viel freier bewegen.

Sie haben auch den italienischen Pass beantragt. Haben Sie mittlerweile die Doppelbürgerschaft?
Ich habe mich informiert. Aber das ist nicht ganz einfach. Ich müsste drei Jahre in Italien leben, damit ich die Staatsbürgerschaft erhalte. Das wiederum geht nicht wegen den schweizerischen Gesetzen. Ich würde finanziell verlieren. Was schlimmer wäre: Ich hätte keinen Anspruch mehr auf die Hilfsmittel, die ich aufgrund der Behinderung benötige (Rollstuhl, Autoumbau usw). So wichtig ist mir die italienische Staatsbürgerschaft dann doch nicht. Es ist nur ein Papier. In meinen Adern fliesst dieses Blut auch ohne das Papier.

In drei Tagen ist Silvester. Wie lassen Sie das alte Jahr ausklingen?
Durch meinen langen Spitalaufenthalt renne ich schon das ganze Jahr der Zeit hinterher. Darum will ich es jetzt zum Jahresende ein bisschen ruhiger angehen lassen und den Silvester mit meiner Familie zu Hause verbringen.

Was sind Ihre Pläne für 2020?
Ich werde auch im nächsten Jahr wieder auf der Bühne anzutreffen sein. Es sind einige Projekte in Planung. Neben der Musik will ich mich im neuen Jahr auch wieder vermehrt meiner Schreibleidenschaft widmen. Ich habe Journalismus studiert und möchte in meinem Beruf tätig werden. Zusammen mit einer Kollegin, die auch Journalistin ist, will ich eventuell ein Buchprojekt starten. Ich habe während meinem 129-tätigen Spitalaufenthalt ein Tagebuch geführt und schon bei Vorträgen daraus zitiert. Vielleicht werde ich daraus ein Buch verfassen, damit mich die Menschen auch von einer anderen Seite kennenlernen.

Walter Bellwald

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Infos

Vorname Vanessa
Name Grand
Geburtsdatum 15. September 1978
Familie ledig
Beruf Journalistin, Musikerin
Hobbies Musik, Reisen, Lesen, Basteln
Der Südtiroler Adler steht mir näher als die 13 Sterne. Joker
Einen Aperol Spritz ziehe ich einem guten Glas Rotwein vor. Ja
Mein Auftritt am Kastelruther Open Air war mein musikalischer Höhepunkt 2019. Ja
Der Joker darf nur einmal gezogen werden.  

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