Frontal-Interview | 50 Jahre SLRG Oberwallis

«Wer einfach hinterherspringt, begibt sich in Lebensgefahr»

Die Oberwalliser Sektion der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft SLRG feiert dieses Jahr ihr 50-jähriges Bestehen.
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Die Oberwalliser Sektion der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft SLRG feiert dieses Jahr ihr 50-jähriges Bestehen.
Foto: SLRGO

Franz Imhasly leitet den Bereich Wasserrettung bei der SLRGO.
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Franz Imhasly leitet den Bereich Wasserrettung bei der SLRGO.
Foto: RZ

Peter Moser ist Vize-Präsident der SLRGO.
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Peter Moser ist Vize-Präsident der SLRGO.
Foto: RZ

Quelle: RZ 0

Seit 50 Jahren kümmert sich die Oberwalliser Sektion der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft (SLRG) um die Sicherheit in den hiesigen Gewässern. Ein Interview über die Bergung von Verunfallten und warum jeder ein Rettungsschwimmer sein sollte.

Franz Imhasly, Sie leiten bei der SLRG Oberwallis die Abteilung Wasserrettung. Worin besteht die Aufgabe Ihrer Abteilung?
Wir kommen immer dann zum Einsatz, wenn die Blaulichtorganisationen mit Wasser zu tun haben. Das fängt bei Bergungen aus Gletscherspalten an, geht über Einsätze bei Wildwasser bis hin zu Unfällen im Rotten oder in Seen. Wir sind Teil der kantonalen Walliser Rettungsorganisation und somit ein Mitglied der Rettungskette, die unter der Nummer 144 erreichbar ist.

Nehmen wir ein Beispiel. Jemand verunglückt beim Canyoning. Wie sehen Ihre Aufgaben aus? Schliesslich gibt es ja noch eine Bergrettung.
Wir arbeiten natürlich sehr eng mit anderen Rettungsorganisationen zusammen. Was das Beispiel betrifft, würde in diesem Fall zuerst einmal die Bergrettung aufgeboten. Stellt sich dann heraus, dass der Einsatz Aktivitäten in tieferen Gewässern erfordert, werden wir hinzugezogen. Die Bergrettung würde den Einsatz leiten, wir den Wasserteil übernehmen. Besonders für die Mitglieder unserer Abteilung heisst dies natürlich, dass wir auch für Einsätze im Gebirge ausgebildet sein müssen, da wir es aufgrund unserer Topografie natürlich häufig mit Ereignissen zu tun bekommen, bei denen die Elemente Wasser und Fels zusammenkommen.

Wie sieht das Anforderungsprofil für ein Mitglied der Abteilung Wasserrettung aus?
Zuerst muss man natürlich ein Brevet als Rettungsschwimmer haben. Dann ist bei uns eine Ausbildung als Taucher erforderlich. Erfahrung am Berg ist wie gesagt von Vorteil, aber nicht zwingend nötig. Manche unserer Mitglieder kommen als Rettungstaucher zum Einsatz, andere eben auch bei Einsätzen, bei denen Bergsteigerqualitäten gefragt sind. Ergänzt wird unsere Truppe noch durch Bootsführer, die beispielsweise für Suchaktionen im Rotten hinzugezogen werden. Dafür braucht es natürlich auch entsprechende Ausbildungen. Eine eigentliche Ausbildung zum Wasserretter kennt die Schweiz nicht. Unsere Mitglieder werden anhand regelmässiger Übungen ausgebildet.

Wie organisieren Sie die für die Einsätze nötige Bereitschaft?
Die Gruppe besteht aus 15 Mitgliedern. Eines davon ist immer erreichbar. Pro Jahr kommen wird rund fünf bis acht Mal zum Einsatz. Das ist zu wenig, um einen Pikett-Dienst zu rechtfertigen. Der Diensthabende organisiert bei einem Notruf dann den Einsatz der Wasserrettung. Meistens werden ein oder zwei unserer Leute eingesetzt. Der Helikopter nimmt uns in Visp auf und fliegt uns zur Unfallstelle. Stellt sich heraus, dass mehr Leute benötigt werden, werden diese aufgeboten.

Welche Unfälle passieren denn am häufigsten in unserer Region in Zusammenhang mit Wasser?
Fast 90 Prozent aller Unfälle sind solche in fliessenden Gewässern oder Seen. Unfälle in Schwimmbädern gibt es kaum. Da wir bei uns keine Flussschwimmer oder Ähnliches haben, sind die Unfälle, bei denen wir zum Einsatz kommen, vielfach solche, bei denen Fahrzeuge im Spiel sind.

Zum Einsatzgebiet der Wasserrettung gehören auch Suchaktionen nach Vermissten.
Ja, während wir bei «normalen» Einsätzen eher mit kleinen Teams von maximal drei Leuten arbeiten, kommen bei Suchaktionen viel mehr Kräfte zum Einsatz. Im Januar beispielsweise führten wir im Rotten eine Suchaktion nach Paul Rogenmoser durch, der inzwischen ja tot aufgefunden wurde. An dieser Aktion waren 80 Leute beteiligt. Bei solchen Suchaktionen werden wir von Hundeführern, den Feuerwehren und vom Zivilschutz sowie von unseren Kollegen aus dem Unterwallis unterstützt.

Ihre Aktion blieb erfolglos. Frustrieren Sie solche Misserfolge?
Frustrieren nicht, ich bedaure es eher, wenn wir einen Vermissten nicht finden. Vor allem für die Angehörigen sind solche Momente nicht einfach. Eine erfolglose Suchaktion heisst, dass die Ungewissheit über das Schicksal des Vermissten andauert.

Hinzu kommt, dass auch Kosten eine Rolle spielen.
Ja, das ist so. Wir versuchen zwar, die Kosten für Suchaktionen möglichst gering zu halten, zum Beispiel indem wir solche Aktionen am Samstag durchführen und so die Pauschalen niedrig halten können. Die Hilfe durch den Zivilschutz ist ebenfalls kostenlos. Dennoch entstehen Kosten für die Angehörigen. Wenn man dann mit den Leuten darüber sprechen muss, ob sich eine weitere Suchaktion aus finanzieller Sicht lohnt, so sind das schwere Momente, für uns und die Angehörigen.

Und grosse Erfolgsmomente können Sie auch fast nie feiern.
Fast immer, wenn die Wasserrettung zum Einsatz kommt, geht es ums Suchen und Bergen eines Toten, das ist so. Wenn man einen Verunfallten nicht innerhalb von drei bis fünf Minuten aus dem Wasser ziehen kann, sinkt die Überlebens­chance gegen null. Alle unsere Mitglieder gehen jedoch mit der Motivation ins Wasser, zu helfen. Für die Verunglückten können wir zwar meistens nichts mehr tun, dafür aber umso mehr für die Angehörigen, die durch uns Gewissheit über einen Vermissten erlangen und den Verunfallten in Würde bestatten können.

Peter Moser, Sie sind Vizepräsident der SLRG Oberwallis. Wann können Sie als Lebensrettungsgesellschaft denn tatsächlich Leben retten?
Leben retten wir vor allem dadurch, dass wir Rettungsschwimmer ausbilden. Das beginnt schon sehr früh. Zum Beispiel haben alle Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit, sich von uns als Rettungsschwimmer ausbilden zu lassen. Dazu setzen wir auf eine intensive Zusammenarbeit mit den Schulen. Das Ziel lautet: «Jeder Schwimmer ein Rettungsschwimmer». Das betrifft aber nicht nur die Schulen. Wir geben auch Kurse für Samariter, Feuerwehrleute, Lehrer und alle, die daran interessiert sind, Rettungstechniken im Wasser zu erlernen.

Grob zusammengefasst, was zeichnet einen Rettungsschwimmer gegenüber einem normalen Schwimmer aus?
Das Wissen darum, wie und wann man helfen kann. Und wann aber auch nicht. Darum steht an erster Stelle, zu vermeiden, dass Leute einem Ertrinkenden einfach unbedacht hinterherspringen. Das ist natürlich bei Unfällen in fliessenden Gewässern ein besonders wichtiger Punkt.

«Fast immer geht es ums Suchen und ­Bergen eines Toten»

Wir wollen mit unseren verschiedenen Ausbildungsstufen den Leuten beibringen, was in welcher Situation zu tun ist. Und durch die möglichst flächendeckende Verbreitung dieses Wissens retten wir Leben. Denn wie gesagt hat man bei Unfällen im Wasser nur sehr wenig Zeit. Wir sind also darauf angewiesen, dass viele Menschen wissen, was zu tun ist, damit Leben gerettet werden können.

Aber eben nicht unbedacht.
Auf keinen Fall. Wer einfach hinterherspringt, begibt sich in Lebensgefahr. Es ist wichtig, dass man die Ruhe behält und weiss, was man tun kann, genau das bringen wir unseren Rettungsschwimmern bei.

Hat sich die Ausbildung in den letzten Jahren verändert?
Ja. Um das Ziel, möglichst viele Rettungsschwimmer auszubilden, zu erreichen, wurde das Brevetsystem um eine Stufe erweitert. Das, was früher das Brevet 1 war, ist heute bereits Stufe zwei. Wir wollen eben möglichst viele Rettungsschwimmer, deshalb wurde die Hürde für die erste Stufe herabgesetzt, was mehr Leute dazu animieren soll, die Grundlagen des Rettungsschwimmens zu erlernen. Dann hat sich die Ausbildung auch den Gegebenheiten der Zeit angepasst.

Was heisst das?
Früher wurden die unterschiedlichsten Rettungsgriffe für alle möglichen Situationen gelehrt. Heute sind es noch drei. Nicht, dass die «alten» Griffe schlecht wären. Es geht vielmehr darum, dass auch wir beispielsweise uns mit Themen wie sexueller Belästigung auseinandersetzen müssen. Man muss sich überlegen, wie man Menschen anfasst, auch wenn es im Training ist. Bei den «alten» Griffen war teilweise sehr enger Körperkontakt nötig, das geht heutzutage nicht mehr.

Die SLRG Oberwallis eignet sich aber nicht nur, um Rettungstechniken zu lernen, bei Ihnen kann man sich auch für den Urlaub ausbilden lassen. Stichwort tauchen.
Ja, wer in seinen Ferien direkt mit dem Tauchen loslegen und nicht die ersten Tage in einem Kurs verbringen möchte, der ist bei uns richtig. Wir bieten Tauchkurse an, die weltweit gültig sind. Einerseits wollen wir so die Freude am Tauchen, auch in den Bergen, ermöglichen, andererseits brauchen wir, wie gesagt, Taucher für unsere Wasserrettungseinsätze.

Ist man denn wirklich fit für das Meer, wenn man hier tauchen lernt?
Auf jeden Fall. Wer hier tauchen lernt, der ist vermutlich sogar besser ausgebildet als jemand, der den Tauchschein im Meer macht. Die schlechte Sicht in unseren Gewässern, die knifflige Topografie, die Kälte – all das sind Faktoren, die man im Meer eher nicht antrifft.

Die SLRG Oberwallis engagiert sich auch stark im Jugendbereich. Was bieten Sie hier an?
Früher war das vor allem die Flossenschwimmgruppe, die auch an Meisterschaften teilnahm. Inzwischen bieten wir Kindertauchen an und unterhalten Jugendschwimmgruppen in Steg und Brigerbad. Diese Gruppen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Das freut uns natürlich sehr, denn aus diesen Gruppen können wir auch künftige Rettungsschwimmer rekrutieren, ähnlich wie es bei den Jugendfeuerwehren läuft. Seit Kurzem bieten wir aber auch ein Erwachsenenschwimmen an. Hier steht der Spass im Vordergrund, gleichzeitig können die Teilnehmer ihre Kenntnisse im Rettungsschwimmen auffrischen.

Martin Meul

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Infos

Zur Person

Vorname Franz 
Name Imhasly
Geburtsdatum 19. Januar 1947
Familie verheiratet, 3 Kinder
Beruf Techniker
Hobbies Wasser-, Berg- und Skisport

Zur Person

Vorname Peter
Name Moser
Geburtsdatum 20. September 1965
Familie verheiratet, 4 Kinder
Beruf Technischer Kaufmann
Hobbies Tauchen, Töfffahren

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