Kolumne | Diese Woche zum Thema:

«Das Handy als Babysitter und die Folgen davon»

Peter Bodenmann und Oskar Freysinger schreiben in der Rhonezeitung.
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Peter Bodenmann und Oskar Freysinger schreiben in der Rhonezeitung.
Foto: Walliser Bote

Quelle: RZ 0

Der ehemalige SP-Schweiz-Präsident und Hotelier Peter Bodenmann und Alt-Staatsrat und Schriftsteller Oskar Freysinger im Wortgefecht.

Peter Bodenmann, ehemaliger SP-Schweiz-Präsident und Hotelier

Die asozialen Medien machen uns vielleicht zu viel Angst.

Wir leben im Zeitalter des digitalen Überwachungskapitalismus.

Die Unternehmen Amazon, Google, Facebook, Microsoft und Apple wissen immer mehr über uns. Wo wir uns gerade aufhalten. Mit wem wir telefonieren oder chatten. Wie es um unsere Gesundheit steht. Was wir wann zu welchem Preis bei wem gekauft haben. Und seit ­Neuestem werden wir – sofern wir nichts dagegen unternehmen – auch permanent abgehört.

Algorithmen berechnen angeblich, was wir nächstens unternehmen oder kaufen werden. Und machen uns die entsprechenden attraktiven Angebote über das Netz. Spezialisierte Unternehmen versorgen uns gezielt mit jenen politischen Informationen und Desinformationen, die unsere Urteile und Vorurteile verstärken.

Alle so gewonnenen Informationen wandern natürlich direkt zu den amerikanischen Geheimdiensten. Als Gegenleistung. Denn diese haben – zusammen mit der Yankee-Armee – viele dieser digitalen Innovationen finanziert.

«Zu marktmächtige Unternehmen müsste man zerschlagen»

Um von diesem militärisch-digitalen Komplex des amerikanischen Imperiums abzulenken, wird das chinesische Unternehmen Huawei beschuldigt, für den chinesischen Staat zu arbeiten. Was die so sicher machen wie unsere amerikanischen Freunde auch.

Denn die Chinesen denken und handeln langfristig. Deshalb wollen und werden sie den Hafen von Genua, der vor unserer Haustüre liegt, kontrollieren. Und deshalb wollen sie Alibaba, Huawei und Co. in der gleichen Liga spielen lassen wie Big Five aus den USA.

Die Freunde des rheinischen Kapitalismus vertraten immer den Standpunkt, dass man Kartelle und zu marktmächtige Unternehmen zerschlagen muss. So wie man dies im 19. Jahrhundert mit den amerikanischen Eisenbahn- und Ölgesellschaften hätte machen müssen.

Die Schweiz ist zu klein, um auch nur etwas hinter dem Komma zu bewegen. Die einzige Hoffnung ruht – auch wenn dies vielen nicht in den Kram passt – auf der EU. Die zwei wichtigsten Forderungen –erstens: Jede und jeder muss über die ihn betreffenden Daten informiert sein und darf die Verwendung derselben regeln. Zweitens: Aggregierte Daten sind ein öffentliches Gut und als solches für alle zugänglich.

Zu viel Pessimismus ist allerdings fehl am Platz. Die ganzen Algorithmen sahen den Aufstand der Gilets Jaunes in Frankreich nicht kommen. Und auch nicht die Klimastreiks der Generation Greta. Im Gegenteil:
Die Aufständischen und Widerständischen haben die Möglichkeiten der asozialen Medien genutzt, um gegen soziale Ungerechtigkeit und gegen das Gletschersterben zu mobilisieren.


Oskar Freysinger, ehemaliger SVP-Staatsrat und Schriftsteller

Das Handy als Babysitter und die Folgen davon

Der Goldfisch in seinem Aquarium glotzt nie lange durch das Glas, denn seine Aufmerksamkeitskapazität beläuft sich auf gerade mal acht Sekunden – schwups – und schon schwimmt er weiter zur nächsten Kunststoffalge oder Plastikkoralle.

Unsere Kinder sind zwar keine Goldfische, aber sie verhalten sich genauso, wenn sie mit fünf Jahren auf die Scheibe ihres Handys starren. Nur dass ihre Aufmerksamkeitsfähigkeit immerhin neun Sekunden beträgt, wie Forscher festgestellt haben. Der Goldfisch muss sich geschlagen geben.

Früher hatten manche Kinder den Zappler, der als Körperbehinderung behandelt wurde. Heutzutage leiden fast alle Kinder an «Zapping», einer zwanghaften Störung, die unsere Konsumgesellschaft nicht nur als normal
betrachtet, sondern bewusst fördert.

Dies rührt daher, dass der moderne Mensch eine panische Angst vor der hyperbelförmigen Entwicklung des Lebens empfindet, die jedem organischen Wachstum innewohnt und unwiderruflich von der Geburt zum Tod führt.

Diese Angst nützt die Konsumwirtschaft aus. Sie gewöhnt den Menschen über elektronische Geräte von klein auf an ein Modell sich schnell abwechselnder Impulse, die ihn zu ständiger Unmittelbarkeit zwingen und seine Wahrnehmung von einer Lustempfindung zur anderen treiben. Dauer und Tiefe, die Bedingungen eines gelungenen Wachstums, sind ausgeschaltet. Es reihen sich nur noch Augenblicke aneinander, die Zeitlosigkeit vortäuschen und als Ersatz für die Ewigkeit dienen sollen. Denn «Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit», wie es bei Nietzsche heisst.

Dieser Entwicklung kritisch gegenüberstehenden Geistern wird eine nebulöse Theorie über «neue Intelligenzformen» serviert. Kinder, die immer öfter an ADHS leiden, stellt man mit Ritalin ruhig – die Pharma muss ja auch etwas verdienen – und die menschliche Gesellschaft setzt sich je länger desto mehr aus konsumwütigen Analphabeten zusammen, die sich um jedes neue iPhone reissen, als hinge ihr Leben davon ab. Sie glotzen und kaufen, kaufen und glotzen im Neun-Sekunden-Takt, die Stakhanovisten der modernen Kaufwut. Daneben zappen sie sich in aller Unverbindlichkeit und Oberflächlichkeit von einem Partner zum anderen. Der Sprache sind sie immer weniger mächtig, denn Sprache bedeutet Abstraktion und ermöglicht sowohl kritische Distanz als auch schöpferische Freiheit. Doch was nützen schon Träume in einer Welt, in der alle Wünsche wahr werden? Der Mensch soll schweigen und konsumieren bis zum Überdruss. Das Glück hat gefälligst im Haben zu liegen und nicht im Sein.

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