Kolumne | Diese Woche zum Thema:

Entfremdung durch Technik

Peter Bodenmann und Oskar Freysinger schreiben in der Rhonezeitung.
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Peter Bodenmann und Oskar Freysinger schreiben in der Rhonezeitung.
Foto: Mengis Media

Quelle: RZ 0

Der ehemalige SP-Schweiz-Präsident und Hotelier Peter Bodenmann und Alt-Staatsrat und Schriftsteller Oskar Freysinger im Wortgefecht.

Der technische Fortschritt ein Segen?

Der Begriff Entfremdung ist ein schwieriger und vieldeutiger zugleich. Deshalb überlassen wir ihn mit Vorteil den Philosophen und den Hobby-Philosophen, auch jenem aus Savièse. Die Fortschritte in Sachen Technik sind auf immer mehr Feldern beachtlich:

Fortschritt 1: Neue Windräder produzieren den Strom heute vier Mal billiger als neue Atomkraftwerke. Solarzellen werden immer effizienter und günstiger. Australien wird zum Tschernobyl der Kohleindustrie. Österreich – die Heimat des Oskar Freysinger – will und wird bis 2040 klimaneutral. Und die FPÖ – die Schwesterpartei der Atom-Partei SVP – ist damit einverstanden.

Fortschritt 2: Die Elektroautos setzen sich durch. Der grösste Autokonzern der Welt setzt voll auf diese Technologie. Und parallel dazu werden autonom gesteuerte Fahrzeuge kommen. Öffentlicher und privater Verkehr werden verschmelzen. Davon werden absehbar vorab die Randregionen profitieren. Denn neu zählt der Arbeitsweg, wenn Bundesbeamte am PC arbeiten, in der Regel als Arbeitszeit. Andere Arbeitgeber werden folgen.

Halber Fortschritt 3: Elektrolastwagen werden ab dem nächsten Jahr Diesellastwagen von den Schweizer Strassen fegen. Noch haben die wenigsten begriffen, was dies bedeutet. Es wird zu einer Verlagerung von der Schiene auf die Strasse kommen, wenn die Schweiz die Rahmenbedingungen nicht subito verändert.

Halber Fortschritt 4: Das 5G-Netz kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Das doppelte und deshalb zu teure Oberwalliser Danet-Netz wird zu einem grossen Verlustloch. Wenn die Strahlenbelastung nicht steigen, sondern sinken soll, braucht es allerdings viele kleine Sender.

Gar kein Fortschritt 5: Die rechten Parteien in der Schweiz – SVP und Grünliberale inklusive – wollen für sechs Milliarden Franken amerikanische Kampfflieger einkaufen. Das Problem neben den zu hohen Kosten: Nur die Amerikaner kontrollieren die Black Boxes. Sie können jeden Flieger ferngesteuert abstürzen lassen. Die neue rechte österreichische Regierung will sechs Mal weniger für Kampfflugzeuge ausgeben als Viola Amherd. Auch deshalb ist die Schwesterpartei der CVP in Österreich so erfolgreich.

Gar kein Fortschritt 6: Es gibt nicht mehr einen Schnüffelstaat. Sondern viele Schnüffelstaaten und viele Schnüffelunternehmen. Sie hören uns ab, sie lesen unsere Mails, sie schleichen sich in unsere Computer, knacken und hacken diese. Denn Daten sind das Gold von heute und morgen.

Jammern über den technischen Fortschritt bringt nichts. Politik kann und muss ihn gestalten. Leider jagen unsere Politiker lieber den Wolf statt jene, die den technischen Fortschritt für ihre Interessen missbrauchen. Jeder Landstrich hat die Schreiber und Politiker, die er verdient.


Oskar Freysinger, ehemaliger SVP-Staatsrat und Schriftsteller

«Die Dinge singen hör ich so gern»

Am Anfang des Abenteuers Mensch stand die Mystik. Dann kam die Kunst hinzu und schliesslich die Technik. Solange die Technik im Dienst der Mystik oder der Kunst stand, waren ihr Grenzen gesetzt, die das Handeln des Homo sapiens vermenschlichten. Nun hat sich aber die Technik von ihren «Fesseln» gelöst und ist zum Selbstzweck geworden. Das Diktat der Nützlichkeit drängt uns die Machbarkeit als letzten Sinn auf. Kunst und Mystik verkommen zu Attitüden. Dadurch sind wir sowohl uns selber als auch der Welt fremd geworden. Um die fehlende Beziehung zur entseelten Welt um uns herum zu kompensieren, schaffen wir uns mithilfe der Technik eine Scheinwelt: Instagram macht unsere Existenz zur Performance, wir sehen uns auf Facebook selber beim Leben zu, echte Gefühle weichen vor seichter Sentimentalität und die über der Gerechtigkeit stehende Justiz verkommt zur Show.

Zugleich geht uns als reine Konsumenten der letzte Rest von Kreativität verloren. Wir schaffen keine Originale mehr, wir kopieren nur oder äffen nach, wir lassen Bücher grösstenteils über Computerprogramme schreiben und überhäufen sie mit Preisen. Es gibt keine Hierarchien mehr: Alles wird auf gleichem Niveau zum Produkt. Selbst wir Menschen werden zum Produkt unserer Gier.

Wir haben uns von unserer Vergangenheit abgeschnitten und dulden sie nur noch in musealer Form, als wäre sie eine fremde Welt. Unter dem Vorwand der «Gleichheit» haben wir unsere Identität geopfert, also auch unsere Kritikfähigkeit. Unsere Behausungen sehen sich immer ähnlicher. In kalten, leeren Wohnungen werden wir anonym und kennen uns trotz Google selbst nicht mehr. Wir stürmen im Dschungel der technologischen Neuheiten von Impuls zu Impuls und merken nicht, dass wir nur den eigenen Schrott verwerten.

So unverbindlich sind wir geworden, so «frei», dass wir keine Spuren hinterlassen werden. Wir vermeinen zu leben und funktionieren nur noch. Wir geben uns natürlich und erleiden von innen heraus den Zwang des Künstlichen. Eine verzweifelte Unrast macht uns zu Nomaden. Wir rotten unsere Wurzeln durch Kopfgeburten aus und entmaterialisieren die Geburten unserer Nachfahren. Wir sind ganz aus dem Häuschen. Also her mit Drogen, Unterhaltung und Pornografie, um uns über unsere Nichtigkeit hinwegzutäuschen!

Noch vor dem Ende schalten wir uns selber aus… wie einen schlechten Film.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: Sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um. (R. M. Rilke)

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