Seilbahnpionier | In Willy Garaventas Leben spiegelt sich eine ganze Branche. Der Mann der ersten Stunde in Fiesch
«Ich habe lieber gearbeitet, als in der Öffentlichkeit zu stehen»
Immer noch interessiert. Willy Garaventa liess es sich nicht nehmen, die neuste Garaventa/Doppelmayr-Bahn, ÖV-Hub Fiesch, persönlich zu besichtigen.
Foto: mengis media / Andrea Soltermann
FIESCH/IMMENSEE | In aller Welt stehen Seilbahnen der Firma Garaventa. Das Seilbahnunternehmen an der Weltspitze wurde von Willy Garaventa und seinem Bruder Karl aus dem Nichts aufgebaut. Ein Seilbahnpionier, der viel zu erzählen hätte und doch am liebsten im Hintergrund bleibt.
In Fiesch steuerte letzte Woche ein älterer Mann sicheren Schrittes die oberste Plattform des ÖV-Hubs an. Interessiert betrachtete er die technischen Anlagen. Einen Gatsby-Hut tief ins Gesicht gezogen, trotzte er Wind und Wetter. Er bewegte sich mit grosser Selbstverständlichkeit zwischen den Monteuren, Projektleitern oder Elektrikern, die dabei waren, alles rechtzeitig für die Eröffnung der Pendelbahn flottzukriegen. Ab und an stellte der grau gekleidete Mann eine Frage zur Förderleistung, Steuerung, Fahrgeschwindigkeit oder zu den Rollenbatterien. Er wirkte, als hätte er sein Leben lang kaum etwas anderes gemacht, als sich für Seilbahnen zu interessieren. Und genau so ist es. Denn der Mann mit dem fachmännischen Blick ist Willy Garaventa, 85-jähriger Seilbahnpionier der ersten Stunde.
Unzählige Seilbahnen auf der ganzen Welt zieren das blaue Schild mit einer stilisierten Umlaufrolle und dem weissen Schriftzug Garaventa. Dass der Name Garaventa nicht eine Fantasiebezeichnung für ein Seilbahnunternehmen ist, sondern zu einer Familie aus Immensee im Kanton Schwyz gehört, wissen viele nicht. Willy Garaventa war an wenigen Seilbahneröffnungen dabei, stellte sich nie in den Vordergrund und gab in seinem ganzen Leben nicht viele Interviews. Willy Garaventa war mit seiner Firma auf der ganzen Welt tätig, aber man hörte und las kaum etwas über ihn. Es dauerte einige Wochen, bis Willy Garaventa einwilligte, nach Fiesch zu einem Gespräch zu kommen. Seine Frau Beatrice und seine Tochter Alexandra begleiteten ihn dabei.
Willy Garaventa, Ihr Grossvater war ein Tunnelbauer aus Italien, Ihr Vater war Bauer und begann mit dem Bau von einfachen Transportbahnen. Damit wurde Holz oder Heu von den steilsten Bergwiesen ins Tal befördert. Zusammen mit Ihrem Bruder Karl traten Sie in die Fussstapfen Ihres Vaters. Hätten Sie sich je träumen lassen, dass das der Beginn einer Weltfirma sein könnte?
«Das habe ich mir nie so vorgestellt. Wir wollten einfach arbeiten und Geld verdienen. Aber als Seilbähnler verdiente man damals nicht viel.»
Sie und Ihr Bruder setzten auf Learning by Doing und bildeten sich ein Leben lang weiter. Wäre eine Karriere wie Ihre heute noch denkbar?
«Das wäre wohl kaum mehr möglich. Um in unserer schnelllebigen Zeit etwas zu gelten, meinen alle, man müsse Akademiker oder Ingenieur sein. Stiessen mein Bruder und ich auf ein Problem, lasen wir Büchlein und Abhandlungen zu allem Möglichen und dachten über eine Lösung nach. Aber viel Zeit hatten wir nicht, wir mussten ja immer arbeiten.»
Sie waren ein echter Pionier des Seilbahnbaus. Von Beruf Schlosser, entwickelten Sie neue Techniken, die die Seilbahnen revolutionierten. Sehen Sie sich als Erfinder?
«Ich habe einfach gemacht, was nötig war. Mein Vater war da viel besser, er war ein Erfinder.
‹Maschinengrind› nannte ihn mein Grossvater. Mein Vater wurde vom Grossvater dazu bestimmt, den Landwirtschaftsbetrieb der Familie zu führen. Er fand aber keinen Gefallen an der Landwirtschaft und er mochte die anstrengende körperliche Arbeit nicht. Deshalb wollte er auf dem Bauernhof alles Mögliche mechanisieren. Von der Mostpresse über Güllenpumpen bis zum mechanischen Rechen erfand er alles, was ihm die Arbeit erleichterte. Nach dem Tod meines Grossvaters Giuseppe und einem Unfall mit einem Fuhrwerk übergab mein Vater Karl den Betrieb einem Neffen und übernahm Aufträge der SBB für Holzakkorde. Da die Arbeit rund um den Holztransport so gefährlich war, begann er immer ausgeklügeltere Holzseilbahnen zu entwickeln und zu montieren.»
Es ist nicht einfach, mit Willy Garaventa über seine Verdienste zu sprechen. Viel lieber spricht er über das Können seiner Vorfahren oder über initiative, leistungsbereite Angestellte, die ihr Bestes gaben. «Ohne sie wäre es unmöglich gewesen, so erfolgreich zu werden», betont er immer wieder. Man habe sich damals noch Zeit genommen, Arbeiter anzulernen, ihnen zuzuhören und sie auch sonst zu betreuen. Zudem habe er immer selber angepackt. «So erfährt man, wo der Schuh drückt», sagt Willy Garaventa. «Wir haben unsere Firma wie eine grosse Familie gesehen.» Da unterstütze man sich bei allen Problemen. Egal, ob ein Arbeiter auf einer Baustelle in Grönland von heftigem Heimweh gepackt worden sei oder in finanzielle Not geraten war, man kümmerte sich. Willy Garaventa steht für eine Generation von Patrons, für die Arbeiter mehr bedeuteten als human capital oder ein Kostenfaktor.
Vom Bau von Transportseilbahnen bis hin zum marktführenden Seilbahnunternehmen ist es ein langer Weg. Was verhalf der Firma Garaventa zum Durchbruch?
«Nach dem Bau von Transportbahnen verlagerten wir das Geschäft stärker hin zum Bau von Personenbahnen und zum Bau von Skiliften und Sesselbahnen. Zu unseren ersten Skiliften gehörte der Tellerlift von Münster im Jahr 1959/60. Die Arbeiten gerieten in Verzug, weil die Fundamente, auf die wir die Masten stellen wollten, nicht fachgerecht gemacht worden waren. Ein Gommer sagte zu mir: ‹Der Lift muss bis Weihnachten fertig sein, sonst lernst du die Gommini noch kennen.› Er wurde dann rechtzeitig fertig. Unsere Stärke lag darin, dass wir den Antrieb, die Seilbahnmasten und weitere technische Einrichtungen standardisierten. Dadurch konnten wir unsere Kunden sehr schnell bedienen. Wichtige Pendelbahnen waren für uns auch die Bahn Weggis-Rigi Kaltbad und die Bahn Blauherd-Unterrothorn in Zermatt im Jahr 1967.»
Sie bauten Garaventa-Seilbahnen in Vietnam, in Ägypten, in den USA, in Kanada, in Grönland, in Deutschland und natürlich in der Schweiz. Sie waren oft monatelang auf Montage unterwegs. Das klingt nach viel Arbeit und wenig Zeit für anderes?
«Das Einzige, wofür ich mir neben der Arbeit Zeit genommen habe, war, eine gute Frau zu suchen. Die habe ich dann mit Beatrice auch gefunden. Ich war ja immer fort auf Montage, da war es wichtig, eine selbstständige Frau im Rücken zu haben, die sich um alles kümmern konnte.»
Der Seilbahnbau ist ein gefährliches Unterfangen. Da spielen unglaubliche Kräfte mit. Wie gingen Sie mit der Gefährlichkeit Ihrer Arbeit um?
«Von Unfällen blieben auch wir nicht verschont. Das Drama von Squaw Valley, USA, war ein einschneidendes Erlebnis. Ich hatte Glück, dass ich das zum Zeitpunkt des Unfalls verkraften konnte und funktionierte. Uns konnte keine Schuld am Unfall angelastet werden. Trotzdem erlebte ich ‹strube› Zeiten, um über das Unglück mit vier Toten hinwegzukommen. So etwas bleibt hängen. Das ist noch heute so.»
Gab es in Ihrer Unternehmertätigkeit auch Momente, in denen Sie um den Fortbestand der Firma bangen mussten?
«Wir hatten immer Angst. Nach den kaufmännischen Einschätzungen verdienten wir immer zu wenig. 1972 erlebten wir mit der Hochfellen-Seilbahn in Bayern die grösste Krise. Es lief vieles schief und am Ende hatte der Auftraggeber kein Geld, um zu bezahlen. Es kostete uns zehn Jahre, den Verlust wieder auszugleichen. Aber wenn man über hundert Mitarbeiter auf der Lohnliste hat, lohnt es sich zu kämpfen.»
Willy Garaventa ist eine Kämpfernatur. Als Dreijähriger trank er aus Versehen aus einer Flasche Salpetersäure und verätzte sich die Speiseröhre. Fast wäre er daran gestorben, und die Folgen dieses Missgeschicks beeinträchtigen seine Gesundheit bis heute. Er habe immer weiterleben wollen und gekämpft. «Ich lebe gerne. Wenn man einigermassen gesund ist, ist das Leben wunderschön», sagt Willy Garaventa, der in einem Monat seinen 86. Geburtstag feiern kann.
Der Seilbahnbau ist ein gesättigter Markt. Das Seilbahnunternehmen Leitner geht neue Wege. Die Südtiroler bauen zusammen mit und für E.ON kleine, leise Windkraftwerke der nächsten Generation. Sehen Sie im Bau von kleinen Windkraftwerken eine Innovation oder eine Marktlücke für Seilbahnunternehmen?
«Wir haben früher immer wieder versucht, innovativ zu sein und Marktlücken zu besetzen. Als Ehrenpräsident mische ich mich nicht mehr in die Strategie der Firma ein. Mit dem Zusammenschluss der Firmen Garaventa und dem österreichischen Produzenten Doppelmayr zog ich mich 2002 aus dem Geschäft zurück. Ich hatte immer gesundheitliche Probleme und wollte sicher sein, dass für meine Familie gesorgt ist. Ich investierte immer alles in die Firma und hortete kein Geld. Mit dem Zusammenschluss wusste ich die Firma Garaventa gut aufgehoben in der Holding Ropetrans AG, der weltweit grössten Seilbahnherstellerin, und trotzdem behält Garaventa ihre Eigenständigkeit.»
Was machen Sie jetzt mit Ihrer neu gewonnenen Freizeit?
«Ich hatte das Glück, dass mein Vater vor Jahren in einem abgelegenen, steilen Wald eine Scheune gekauft hatte, die zu einem Wohnhaus umgebaut wurde. Ich geniesse das neu gebaute Waldhaus, die Jagd und die Natur.»
Gibt es eine Seilbahn zum Waldhaus?
«Eben leider nicht!»
Nathalie Benelli








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