Raiffeisenbanken | Wirken sich die Probleme der Zentrale auf das Kundenverhalten in den Regionen aus?
Vertrauen scheint unerschüttert
Bargeldlos. Die Raiffeisenbank in Gampel (Bild) geht als Pilotversuch neue Wege. Sie wird die erste bargeldlose Bank
im Oberwallis. Die Angestellten sollen so mehr Zeit erhalten für die Beratung.
Foto: Walliser Bote
Die Raiffeisenkassen haben durch die Wirren um Pierin Vincenz einen massiven Reputationsschaden erlitten. An der Front zeigen sich bisher kaum Auswirkungen.
Über 100 Tage sass der vormalige oberste Raiffeisen-Bankier, Pierin Vincenz, wegen Verdacht auf ungetreue Geschäftsführung in Untersuchungshaft. Wenige Tage vor der Delegiertenversammlung der Genossenschaft in Lugano kam er frei. Parallel dazu erschien ein Bericht der Finanzmarktaufsicht FINMA. Er legte erschreckende Lücken offen. Interessenkonflikte wurden ungenügend gehandhabt, die Aufsicht vernachlässigt. Vinzenz konnte am seither teilweise ersetzten Verwaltungsrat vorbei frei schalten und walten.
An der DV vom letzten Samstag wurde die Aufarbeitung der Ära Vincenz in Angriff genommen. Die «SonntagsZeitung» sprach danach von einem «Aufstand der Regionalfürsten». Die Führungsgremien mussten sich von den 164 Delegierten über Stunden hinweg harte Kritik gefallen lassen. Die zwei letzten verbleibenden Verwaltungsräte der Ära Vinzenz, Rita Fuhrer und Angelo Jelmini, sahen sich danach veranlasst, vorzeitig auf die ausserordentliche DV im November 2018 zu demissionieren. Das war so nicht vorgesehen. Genauso wenig wie ein neues Vergütungssystem für den Verwaltungsrat. Auf Antrag der «Regionalfürsten» muss hier bis im Herbst ein neuer Vorschlag mit tieferen Ansätzen präsentiert werden.
Unter den Delegierten befanden sich auch sechs Vertreter der Raiffeisenbanken aus dem Oberwallis, begleitet von Carmen Zenklusen, Präsidentin des Verbandes der Oberwalliser Raiffeisenbanken. Diese Banken haben in der Region mit ihren sieben autonomen Genossenschaften Aletsch-Goms, Belalp-Simplon, Region Visp, Mischabel-Matterhorn, Visperterminen, Gampel-Raron und Region Leuk (und 273 Angestellten) eine sehr starke Marktstellung. 2017, im 101. Verbandsjahr, wurde eine Rekord-Bilanzsumme von 6,2 Milliarden Franken ausgewiesen, der Reingewinn betrug 6,3 Millionen Franken. Über 58 000 Oberwalliserinnen und Oberwalliser sind Raiffeisen-Genossenschaftsmitglieder und damit Miteigentümer der Bank. Das sind rund 70 Prozent der Bevölkerung.
Vergütungen reduzieren
Sie alle sind letztlich die Eigentümer von Raiffeisen Schweiz, der Dienstleistungszentrale der Genossenschaft in St. Gallen. Was halten nun die Oberwalliser Delegierten von den aktuellen Geschehnissen rund um Raiffeisen Schweiz. Carmen Zenklusen sagt, sie habe sich im Vorfeld der DV mit Vertretern aus anderen Regionen besprochen. «Dabei wurde klar, dass es eine vorzeitige Erneuerung des Verwaltungsrates braucht. Zweitens wollen wir, dass der Verwaltungsrat seine Entlöhnung zurückstuft.» Eine Arbeitsgruppe, in welcher auch Vertreter von Raiffeisenbanken involviert sind, hat bis zur ausserordentlichen DV im November einen Vorschlag zu unterbreiten. «Und drittens war für uns klar, dass nach den Informationen des FINMA-Berichtes, der zwei Tage vor der DV publik wurde, eine Entlastung für Verwaltungsrat und Geschäftsleitung unmöglich wurde.» Den FINMA-Bericht gelte es zuvor zu analysieren, genauso wie einen an Bruno Gehrig in Auftrag gegebenen Bericht, der sich vor allem mit den Beteiligungen von Raiffeisen Schweiz befasst. Kundenseitig macht sich Zenklusen weniger Sorgen. «Das wird erkannt, dass Raiffeisen kein Problem vor Ort hat, sondern bei Raiffeisen Schweiz und deren Aufsicht in der Vergangenheit.»
Entsprechend zurückhaltend fallen die Rückmeldungen an der Front aus. Erhard Salzmann, Chef der Geschäftsleitung bei der RB Belalp-Simplon, bringt es in einer allgemeinen Einschätzung der Problematik auf den Punkt. «Der erlittene Imageschaden ist zweifellos enorm. Raiffeisen hat durch die Geschehnisse in St. Gallen seine Unschuld verloren, nicht aber das Vertrauen der Kunden.» Und das sei schliesslich die entscheidende Frage. Salzmann stützt sich mit dieser Aussage auf zahllose Kundenkontakte. Das «Thema Vincenz» habe schon an den Mitgliederabenden im März für Gesprächsstoff gesorgt, an denen die Bankleitung mit 5000 Genossenschaftern den direkten Austausch pflegte. «Mehr als etwa zehn haben mich dabei nicht direkt auf Raiffeisen Schweiz angesprochen», sagt er.
Silvio Seiler, Leiter der RB Region Visp, machte eine ähnliche Erfahrung. «Wir haben unsere Mitglieder proaktiv informiert. Dabei stellten wir fest, dass sie klar differenzieren.» Die Vorgänge in St. Gallen würden nicht mit den Geschäften und Beziehungen vor Ort in Verbindung gebracht. So gesehen gebe es im Kundenkontakt kaum Erklärungsbedarf. «Mir ist auch kein Fall bekannt, dass ein Kunde deshalb die Beziehung zu uns abgebrochen hätte.» Wenn, habe sich der verständliche Ärger der Leute eher in einem gewissen Unmut geäussert als in harschen Reaktionen.
Stefan Brux, Leiter der RB Region Leuk, erlebte es so: «Vereinzelt wurde sehr deutlich kritisiert, dass sich der Verwaltungsrat höhere Vergütungen zuhielt, um die durch eigene Fehler verschuldete Mehrarbeit abgelten zu lassen. Das sahen auch die Delegierten so. In einer Konsultativabstimmung wurde in Lugano einstimmig gefordert, dass die VR-Saläre auf das Niveau von 2016 zurückgesetzt werden.» Brux stimmte als Delegierter mit und geht davon aus, dass dieser Wink mit dem Zaunpfahl verstanden wurde. Das mutmassliche Fehlverhalten von Vincenz sieht er nach dem heutigen Informationsstand vorab als Problem einer Einzelperson. Dazu würden sich die Kunden gegenüber den Bankmitarbeitern kaum äussern.
Die durch den charismatischen, dynamischen und erfolgreichen CEO Vincenz, der Raiffeisen über Jahre neue Rekordergebnisse bescherte, jetzt heraufbeschworene «Krise» sieht Brux für Raiffeisen auch als «Chance für Verbesserungen». «Sie bietet dem Verband die Möglichkeit, punktuell gegen die in den letzten Jahren in St. Gallen erfolgte Machtkonzentration vorzugehen. Wir haben immer weniger zu sagen gehabt, wobei wir daran auch selber schuld sind.» Zuletzt seien sich die Delegierten in ihren Forderungen oft nicht einig gewesen. Unter dem Eindruck der aktuellen Geschehnisse hätten sich wieder Mehrheiten finden lassen. Die Tendenz zielt auf eine Machtverschiebung zurück in die Regionen oder zumindest darauf, dass in St. Gallen mit Entscheiden künftig wieder sorgsamer umgegangen wird. Auf dem Spiel steht letztlich die Glaubwürdigkeit des Genossenschaftsgedankens.
Gisel unter Beobachtung
Dessen wird sich auch der heutige CEO Patrik Gisel bewusst sein. Dem vormaligen Stellvertreter von Vincenz kann anhand der bisherigen Informationen kein Fehlverhalten vorgeworfen werden. Sollte das so bleiben, wird er sich wohl halten können. Bei einem geringsten Verdachtsmoment wird der neue Verwaltungsrat unter der Leitung von Pascal Gantenbein den Befreiungsschlag jedoch kaum scheuen, mit der Ära Vincenz auch in den operativen Schlüsselfunktionen einen Strich zu ziehen.
Für die Delegierten gilt zur Stunde, den Verwaltungsrat an seine Pflichten und seine genossenschaftliche Bescheidenheit zu erinnern – und von der Zentrale gewisse Kompetenzen zurückzuerhalten. St. Gallen soll sich als Raiffeisen Schweiz wieder vermehrt als Tochtergesellschaft der 250 eigenständigen Genossenschaften – und nicht als deren Mutter verstehen.
Auf die Service-Leistungen aus St. Gallen werden die regionalen Genossenschaften aber weiterhin in hohem Masse angewiesen sein. Den meisten fehlt die Grösse, um eigenständig konkurrenzfähig zu sein. Dafür sind im Bankwesen heute Themen wie finanztechnische Regulatoren, EDV und auch Marketing zu bedeutend.
Thomas Rieder








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