Geheimdienst | Bisher liess sich nicht bestätigen, welche Staaten mit den Crypto-Geräten ausspioniert wurden

Recherche deckt Geheimdienst-Affäre um Schweizer Firma auf

 Die Zuger Firma verkaufte Chiffriergeräte zur Verschlüsselung geheimer Kommunikation.
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Die Zuger Firma verkaufte Chiffriergeräte zur Verschlüsselung geheimer Kommunikation.
Foto: Keystone

Quelle: SDA 0

Eine internationale Recherche mit Beteiligung der "Rundschau" hat eine grosse Spionageaffäre ans Licht gebracht. Im Zentrum stehen die Zuger Firma Crypto, die CIA und der deutsche Bundesnachrichtendienst BND. Der Bundesrat hat bereits reagiert.

Am Dienstag machte die "Rundschau" publik, dass CIA und BND mit Geräten von Crypto über Jahrzehnte hinweg andere Staaten ausspioniert haben. Die Zuger Firma verkaufte Chiffriergeräte zur Verschlüsselung geheimer Kommunikation. Diese hatten offenbar eine "Hintertüre", wie ein ehemaliger Crypto-Mitarbeiter in einem Videobeitrag auf der SRF-Website sagt.

"Sehr gelungene Operation"

Bisher liess sich nicht bestätigen, welche Staaten mit den Crypto-Geräten ausspioniert wurden. Nach Angaben der "Rundschau" sind über 100 Länder betroffen. Auch die Schweiz gehörte zu den Crypto-Kunden. Auf Anfrage gibt das Verteidigungsdepartement VBS Entwarnung. Gemäss heutigem Kenntnisstand könnten Schwächen in den an Schweizer Behörden gelieferten Verschlüsselungssystemen ausgeschlossen werden, heisst es in einer Stellungnahme.

Dass Staaten ausspioniert wurden, bestätigt in einem vorab publizierten Beitrag Bernd Schmidbauer, ehemaliger Geheimdienstkoordinator im deutschen Bundeskanzleramt. Er spricht von einer "sehr gelungenen Operation". Man habe Informationen erhalten, die man nur auf einem solchen Weg habe erhalten können. "Die Aktion hat sicher dazu beigetragen, dass die Welt ein Stück sicherer geblieben ist", sagte Schmidbauer.

An der Recherche waren neben SRF das ZDF und die "Washington Post" beteiligt. Basis waren gemäss der "Rundschau" rund 280 Seiten Geheimdienst-Dossiers. Darin werde die sogenannte "Operation Rubikon" als eine der erfolgreichsten nachrichtendienstlichen Unternehmungen der Nachkriegszeit bezeichnet, heisst es in einer Medienmitteilung.

Die Dokumente belegen laut den beteiligten Medien unter anderem, dass BND und CIA frühzeitig über den Sturz des chilenischen Präsidenten Salvador Allende 1973 und schwere Menschenrechtsverletzungen durch die argentinische Militär-Junta informiert gewesen seien.

Verdacht gegen Schweizer Nachrichtendienst

Aus den Geheimdienstakten geht laut "Rundschau" auch klar hervor, dass die Schweizer Geheimdienste in die Operation der CIA und des BND eingeweiht gewesen sind. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) existiere seit 2010, hiess es auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. "Der NDB äussert sich weder zu Entscheidungen noch zu Aktivitäten seiner Vorgängerorganisationen."

Im "Rundschau"-Beitrag nimmt NDB-Vizedirektor Jürg Bühler Stellung. Als Leiter der Bundespolizei hatte er sich schon Anfang der 1990er Jahre mit der Crypto AG befasst. Damals ging es um den Fall eines im Iran inhaftieren Crypto-Technikers.

Es habe keine Hinweise gegeben, dass Nachrichtendienste Besitzer der Firma seien, sagte Bühler. "Niemand konnte uns Beweise liefern, dass die Geräte manipuliert sind." Deshalb sei auch kein Verfahren eröffnet worden. "Im Nachhinein merken wir jetzt, dass wir teilweise angelogen wurden. Das ist natürlich ärgerlich."

Die Vorwürfe sind seither aber nie verstummt. Im Europaparlament wurde Crypto im Jahr 2000 vorgeworfen, Chiffriergeräte manipuliert zu haben, um US-Geheimdiensten Abhöraktionen zu ermöglichen. Dadurch soll es Geheimdiensten möglich geworden sein, die diplomatischen und militärischen Übermittlungen von über 130 Ländern zu überwachen, heisst es in einem Bericht.

Neutralität als Verkaufsargument

Recherchen verschiedener Medien nährten in den folgenden Jahren den Verdacht gegen Crypto. Die Nachrichtendienste der USA und Deutschlands hätten mit Hilfe von Crypto jahrelang andere Länder ausspioniert, schrieb etwa "Infosperber" 2015 aufgrund von NSA-Dokumenten. Daraus ging auch hervor, dass die neutrale Schweiz bewusst als Standort gewählt worden war, um die Vertrauenswürdigkeit der Crypto-Produkte zu stärken.

Der Schweiz droht deswegen ein Reputationsschaden. Gegenüber der "Rundschau" forderte der Grüne Nationalrat Balthasar Glättli die Einsetzung einer Parlamentarischen Untersuchungskommission.

Bundesrat leitet Untersuchung ein

Der Bundesrat hat bereits reagiert und im Zusammenhang mit der Geheimdienst-Affäre eine Untersuchung veranlasst. Das bestätigte das Verteidigungsdepartement VBS auf Anfrage. Der Bundesrat habe aufgrund der Recherchen am 15. Januar beschlossen, eine Untersuchung in Auftrag zu geben, sagte VBS-Sprecher Renato Kalbermatten gegenüber Keystone-SDA.

Mit der Untersuchung beauftragt wurde Niklaus Oberholzer, der bis Ende 2019 als Bundesrichter amtierte. Er soll die Faktenlage klären und bis Ende Juni dem VBS Bericht erstatten. Die Aufsichtsbehörde über den Nachrichtendienst (AB-ND) begrüsste auf Anfrage die unabhängige Untersuchung. Sie erhofft sich davon eine Klärung der Frage, welche Rolle der Nachrichtendienst in der Affäre gespielt hat.

Auch die für den NDB zuständige Geschäftsprüfungsdelegation (GPDel) will den Untersuchungsbericht abwarten. "Wir müssen Fakten haben", sagte deren Präsident Alfred Heer auf Anfrage.

Die Öffentlichkeit wurde nicht über den Entscheid des Bundesrats informiert. Dieser war von Verteidigungsministerin Viola Amherd am 5. November 2019 über den Fall informiert worden. Die zur Diskussion stehenden Ereignisse hätten um 1945 ihren Anfang genommen und seien heute schwierig zu rekonstruieren und zu interpretieren, hält das VBS in einer Stellungnahme fest. Aus diesem Grund habe der Bundesrat beschlossen, das Thema untersuchen zu lassen.

Der Nachrichtendienst habe Amherd am 19. August 2019 erstmals Gerüchte zur Kenntnis gebracht, die um die Firma Crypto kursierten. Nach weiteren Recherchen sei eine ausführliche Information am 31. Oktober erfolgt. Bundesrätin Amherd habe daraufhin den Bundesrat informiert. Am 12. November seien auch die Aufsichtsbehörden über den Nachrichtendienst in Kenntnis gesetzt worden.

Ausfuhrbewilligung sistiert

Aufgrund der Recherchen hat das Wirtschaftsdepartement (WBF) Mitte Dezember 2019 die Generalausfuhrbewilligung der Firma Crypto International sistiert, wie Sprecherin Evelyn Kobelt bestätigte.

Die Crypto AG ist 2018 in die Unternehmen CyOne Security AG und Crypto International aufgespalten worden. Gemäss Handelsregisterauszügen gibt es keine personellen Verbindungen zwischen der aufgelösten Crypto AG und den beiden Folgeunternehmen. Gegenüber der "Rundschau" betonte Andreas Linde, neuer Eigentümer von Crypto International, weder zur CIA noch zum NDB Beziehungen zu haben.

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Zuger Firma schon länger mit Abhör-Vorwürfen konfrontiert

Der Zuger Verschlüsselungsspezialist Crypto sieht sich schon seit Jahrzehnten mit Abhör-Vorwürfen konfrontiert. Eindeutige Beweise gab es bislang nicht. Im Europaparlament wurde dem Unternehmen im Jahr 2000 vorgeworfen, Chiffriergeräte manipuliert haben, um US-Geheimdiensten Abhöraktionen zu ermöglichen. Die Firma hat die Vorhaltungen stets zurückgewiesen.

Firmengründer Boris Hagelin unterhielt bereits in den 1950er-Jahren freundschaftliche Beziehungen zu einem hohen Vertreter des US-Geheimdienstes National Security Agency (NSA). Dies belegen Dokumente aus dem Jahr 1955, die 2015 öffentlich wurden.

Demnach erhielt NSA-Mitarbeiter William Friedman laut seiner Schilderung bei einem mehrtägigen Besuch in der Schweiz Einblick in die technische Funktionsweise mehrerer aktueller Chiffriermaschinen, welche die Crypto AG seinerzeit herstellte. Der Kryptografiepionier erfuhr auch, welche Staaten die Firma mit welchen Maschinen belieferte.

Hagelins Heimatland Schweden gehörte ebenso zu den Bezügern wie Belgien, Frankreich, Grossbritannien oder Irland, Jordanien und Syrien. Gespräche über Bestellungen liefen mit Polen, Ungarn, Ägypten, Irak, Brasilien und Indien.

Jobs für Verwandte

Geld wollte Hagelin für seine Dienste gemäss Friedmans Bericht nicht entgegennehmen. Allerdings hatten verschiedene seiner Verwandten zuvor von der Kulanz der NSA profitiert. So hatte der Geheimdienst zugunsten von Hagelins Schwiegersohn bei der US-Luftwaffe interveniert. Eine Cousine von Hagelins Gattin bekam bei der NSA einen Job - wofür sich Hagelin gemäss dem Bericht bedankte. Unklar ist auch, wie lange die Absprache zwischen Friedman und Hagelin gültig war.

Ab den 1980er-Jahren wurden in der Presse Gerüchte kolportiert, wonach Crypto mit deutschen oder US-Geheimdiensten kooperiert haben soll. So sollen die Dienste verschlüsselte Kommunikation von anderen Staaten problemlos ausgespäht haben, weil sie über einen Schlüssel dafür verfügten, hiess es.

Iran verhaftet Mitarbeiter wegen Spionage

Behauptungen, Crypto habe Nachrichtendienst betrieben, hatte 1994 auch ein ehemaliger Mitarbeiter der Firma in die Welt gesetzt. Hans Bühler hatte 1992 im Iran rund neun Monate in Haft gesessen. Gegen eine Kaution von einer Million Dollar kam er frei, wurde aber wegen Spionage verurteilt. Die Firma klagte wegen der Vorwürfe gegen ihren ehemaligen Mitarbeiter, einigte sich aber in einem Vergleich.

Die in Zug ansässige Firma war auch Thema im Europaparlament. Auf dessen Anfrage erstellte der britische Journalist Duncan Campbell dazu einen Bericht. In dem 2000 in Brüssel einem Parlamentsausschuss vorgelegten Dokument beschrieb er, wie mit dem von den USA und Grossbritannien 1948 lancierten System "Echelon" Kommunikations-Einrichtungen in Europa abgehört worden sein sollen.

Bericht: Über 130 Länder überwacht

Unter anderem soll die NSA, einer der drei Geheimdienste der USA, auch europäische Chiffriersysteme unterwandert haben. In diesem Zusammenhang "das wichtigste Ziel der NSA-Aktivitäten war eine bedeutende Schweizer Herstellerfirma, die Crypto AG", schrieb Campbell damals.

Laut dem Briten soll es so den abhörenden Geheimdiensten möglich geworden sein, die diplomatischen und militärischen Übermittlungen von über 130 Ländern zu überwachen. Gelaufen seien die Kontakte über Firmengründer Hagelin. Periodisch seien bei Crypto "Berater" erschienen, die für die NSA gearbeitet hätten.

Campbell beschrieb dabei auch die angewandte Methode: Wenn ein Crypto-Gerät eine verschlüsselte Botschaft übermittelte, soll gleichzeitig der Schlüssel selbst übermittelt worden sein. Den Code, um diesen Schlüssel zu lesen, habe indes nur die NSA besessen.

Vom guten Image profitiert

Laut dem Bericht war die Wahl auf Crypto in der Schweiz gefallen, weil sich die Firma nach dem Zweiten Weltkrieg eine starke Marktstellung mit Verschlüsselungssystemen erworben hatte und zudem von der Neutralität und dem guten Image der Schweiz profitierte. Viele Regierungen hätten Produkten aus Grossmächten misstraut.

Die Crypto AG war Marktführerin für Chiffriergeräte, die geheime Kommunikation abhörsicher verschlüsseln sollen. 2018 spaltete sich der Betrieb in zwei Gesellschaften auf, einen Schweizer Teil mit neuem Namen CyOne Security sowie einen internationalen Teil. Die Unternehmen weisen gemäss SRF-Rundschau zurück, heute mit Nachrichtendiensten verstrickt zu sein. sda

Bundesrat veranlasst wegen Geheimdienst-Affäre Untersuchung

Der Bundesrat hat im Zusammenhang mit einer Geheimdienst-Affäre eine Untersuchung veranlasst. Das Verteidigungsdepartement hat am Dienstag Recherchen der "Rundschau" des Schweizer Fernsehens SRF bestätigt.

Es geht um die Zuger Firma Crypto, über welche ausländische Geheimdienste Staaten abgehört haben sollen. Die "Rundschau" teilte am Dienstag das Ergebnis gemeinsamer Recherchen mit dem ZDF und der Washington Post mit.

Demnach haben die CIA und der deutsche Nachrichtendienst BND mit manipulierten Verschlüsselungsgeräten der Firma Crypto spioniert. Die Operation lief laut der Mitteilung der "Rundschau" bis mindestens 2018.

Der Bundesrat hat aufgrund der Recherchen am 15. Januar beschlossen, eine Untersuchung in Auftrag zu geben. Dies bestätigte Renato Kalbermatten, Sprecher des Verteidigungsdepartements (VBS), gegenüber Keystone-SDA.

Mit der Untersuchung beauftragt wurde Niklaus Oberholzer, der bis Ende 2019 als Bundesrichter amtierte. Er soll die Faktenlage klären und bis Ende Juni dem VBS Bericht erstatten.

Laut einer Stellungnahme aus dem VBS wurde der Bundesrat am 5. November durch das VBS über den Fall informiert. Die zur Diskussion stehenden Ereignisse hätten um 1945 ihren Anfang genommen und seien heute schwierig zu rekonstruieren und zu interpretieren, hält das VBS fest. Aus diesem Grund habe der Bundesrat beschlossen, das Thema untersuchen zu lassen.

Weiter schreibt das VBS, der Nachrichtendienst habe Verteidigungsministerin Viola Amherd am 19. August erstmals Gerüchte zur Kenntnis gebracht, die um die Firma Crypto kursierten. Nach weiteren Recherchen sei eine ausführliche Information am 31. Oktober erfolgt. Bundesrätin Amherd habe daraufhin den Bundesrat in dessen Sitzung vom 5. November informiert. Am 12. November seien auch die Aufsichtsbehörden über den Nachrichtendienst in Kenntnis gesetzt worden. sda

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