Sammeltag für «Nachbar in Not» | Der Gang aufs Sozialamt war für den 61-jährigen Oberwalliser unumgänglich

«Einen Bewerber wie mich würde ich nicht einstellen»

Invalidität. Obschon er sein ganzes Leben als Koch gutes Geld verdiente, lebt der 61-jährige Oberwalliser heute an der Armutsgrenze.Foto Keystone
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Invalidität. Obschon er sein ganzes Leben als Koch gutes Geld verdiente, lebt der 61-jährige Oberwalliser heute an der Armutsgrenze.Foto Keystone
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Quelle: 1815.ch 0

Perrine Andereggen

Pius Ebert* hat ein Leben lang gearbeitet. Als Koch kredenzte der heute 61-Jährige während 40 Jahren in verschiedenen Gastronomiebetrieben in der Region Speisen für unterschiedlichste Kostgänger. Er stieg zum Küchenchef auf, hatte sein geregeltes finanzielles Auskommen, konnte Geld auf die Seite legen.

Durch Invalidität
in der Armutsfalle

Ebert lebte gut, bis er 2009
wegen eines Schulterleidens erstmals ärztlich behandelt werden musste. Die arbeits- inten­siven Jahre hatten an der robusten Gesundheit des alleinstehenden Mannes, der in einem kleinen Oberwalliser Bergdorf lebt, genagt. Es folgten zahlreiche Operationen an der Schulter und an der Wirbelsäule, plötzliche Einkommenseinbussen, Jobverlust. Der Beginn einer fatalen Negativspirale, die schliesslich in einer hundertprozentigen Arbeitsunfähigkeit gipfelte.

Seit zwei Jahren lebt Pius Ebert nun schon von Sozialhilfe. Wegen seiner chronischen Beschwerden ist der ehemalige Koch heute massiv eingeschränkt, der Alltag lasse sich nur mit starken Schmerzmitteln und mit fremder Hilfe meistern. «An manchen Tagen schmerzt die kleinste Bewegung», so der Ausgesteuerte. Weitere Operationen stünden an. An eine Rückkehr in sein angestammtes Berufsfeld – als Koch arbeitet man überwiegend im Stehen – sei nicht zu denken. Seine Gebrechen seien ein unüberwindbares Hindernis. «Hätte ich die Wahl, ich würde mich nicht einstellen», sagt Ebert zu seinen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Zu alt, kaum belastbar, zu hoch das Risiko eines unvorhergesehenen Arbeitsausfalls.

Zu jung jedoch, um in Frühpension zu gehen und noch zu wenig angeschlagen für die Invalidenversicherung. Nach unzähligen Gutachten und Abklärungen durch verschiedene Fachärzte und Spezialisten, nach schier endlosem, unerträglichem Warten, «während dessen man zwischen Stuhl und Bank hockt», sei sein IV-Gesuch Anfang des Jahres schliesslich abgelehnt worden.

Nur das Nötigste,
manchmal weniger

Ein Leben lang gearbeitet, zuverlässig AHV- und IV-Beiträge entrichtet und trotzdem nur das Nötigste zum Leben. Manchmal auch zu wenig. Das Ersparte sei längst aufgebraucht. Unvorhergesehene Auslagen möge es da nicht leiden. Sozialhilfe zu beziehen bedeute nicht nur, den Gürtel enger zu schnallen, so Ebert, der von sich sagt, nie auf grossem Fuss gelebt zu haben. Das wenige Geld müsse mit Bedacht eingeteilt werden. «Man muss stets die Übersicht über die laufenden Ausgaben behalten.» Das gilt auch für den Schriftverkehr mit den Behörden. Wer auf finanzielle Unterstützung angewiesen ist, sehe sich nämlich mit unzähligen Gesetzen und Vorschriften, mit einer Hundertschaft Formularen konfrontiert. Der Durchblick sei nur mit Unterstützung möglich. «Man muss hartnäckig und motiviert bleiben, sich immer wieder aufrappeln.»

Trotz der schwierigen Lebensphase, trotz der Negativentscheide hat es Pius Ebert in all den Jahren irgendwie geschafft, Oberwasser zu behalten. Von sozialer Isolierung, von Depressionen, die bei Betroffenen oft mit der finanziellen Notlage einhergehen, ist er bisher verschont geblieben. «Ich lebe schuldenfrei, habe eine eigene kleine Wohnung, ein intaktes Umfeld und hatte den Mut, mit meiner Situation immer offen umzugehen.» Das rät der angehende Pensionär auch anderen Leidensgenossen. «Obschon es nicht einfach ist.»

*Name geändert

Pius Ebert, Ihre gesundheitlichen Probleme, die auf Ihre vierzigjährige
Tätigkeit als Koch zurück-
zuführen sind, haben Sie nahe an den finanziellen Abgrund gebracht. Wie sind Sie konkret in finanzielle Schieflage geraten?

«Seit 2014, sobald der Operations-Marathon so richtig begonnen hatte, bin ich nun schon zu hundert Prozent arbeitsunfähig. Zuerst profitierte ich während zwei Jahren noch von der Krankentaggeldversicherung und zehrte, während ich auf den Entscheid der Invalidenversicherung wartete, von meinen Ersparnissen. Nachdem diese aufgebraucht waren, der Entscheid der IV aber immer noch ausstand, blieb mir nichts anderes übrig, als mich ans Sozialmedizinische Zentrum Oberwallis zu wenden und Sozialhilfe zu ­beantragen.»

Sie kämpfen seit einigen Jahren vergeblich um eine IV-Rente. Woran ist es ­bisher gescheitert?

«Im Januar 2019 wurde mein IV-Antrag vorerst definitiv abgelehnt. Gemäss deren medizinischen Einschätzungen kann ich trotz abgenutzten Bandscheiben, verengten Nervenkanälen, Implantaten in der Halswirbelsäule oder geschädigten Schultergelenken einer geringprozentigen Arbeit nachgehen. Verschiedene andere Befunde von Fachärzten und Spezialisten in der ganzen Schweiz besagen hingegen, dass ich aufgrund meiner körperlichen Deformationen nicht mehr ar­beitsfähig bin und keinen grossen Belastungen mehr ausgesetzt werden sollte. Schnelle Bewegungen, bücken, zu langes Stehen oder Sitzen sind tabu. Ich war lange genug Küchenchef und habe zahlreiche Vorstellungsgespräche geführt, um sagen zu können, dass ich einen Bewerber in meinem Alter und mit meiner Krankengeschichte nicht einstellen würde. Die nächste Arbeitsunfähigkeit ist doch vorprogrammiert.»

Sie haben monatelang auf einen Entscheid der IV ­gewartet. Diese Situation stelle ich mir sehr ­zermürbend vor.

«Man hat mich oft vertröstet, die IV wollte den Ausgang der jeweiligen, bereits terminierten Operationen abwarten. Das Warten war schwieriger als alles andere. Man steht als Betroffener zwischen Stuhl und Bank, möchte selbst aktiv werden, es sind einem aber die Hände gebunden. Ich habe so lange auf Rückmeldung gewartet, dass ich mich fast verschuldet hätte. Schliesslich habe ich mich ans Sozialmedizinische Zentrum gewendet.»

Hat Sie dieser Gang viel Überwindung gekostet?

«Das war sicher nicht einfach. Vor allem, wenn man davor immer selbstständig war und über ein regelmässiges Einkommen verfügte. Dass ich plötzlich auf andere Menschen und auf finanzielle Hilfe angewiesen war, war schwierig. Trotzdem möchte ich betonen, dass mich das Personal des SMZ stets auf Augenhöhe behandelt hat. Zeigt man sich kooperativ, können sich neue Möglichkeiten eröffnen, es wird einfacher.»

Wie würden Sie Ihre derzeitigen Lebensumstände beschreiben?

«Das Geld muss ich mir einteilen. Dass ich in einer eigenen Wohnung lebe, schuldenfrei und ohne Familie bin, macht vieles einfacher. Trotzdem gilt es stets zu sparen, überflüssige Ausgaben sind zu streichen. Da ich aber immer schon bescheiden gelebt habe, waren die Einschränkungen nicht gravierend.»

Wo mussten Sie trotzdem kürzertreten?

«Theater- oder Kinobesuche, Freizeitaktivitäten, denen ich früher gerne nachgegangen bin, sind derzeit gestrichen.
Ein neues Abonnement fürs Schwimmbad liegt ebenfalls nicht mehr drin, obwohl mir der Aufenthalt im Wasser gesundheitlich gut tun würde. Manchmal vermisse ich diese Möglichkeiten.»

Vor zwei Jahren haben Sie einen Antrag bei der Stiftung «Nachbar in Not» gestellt. Worum ging es?

«Ich lebe in einem alten Haus in einer Wohnung, welche nur mit einem Holzofen zu beheizen ist. Ich brauchte Brennholz für den Winter. Um das Holz zu bezahlen, fehlte mir jedoch das Geld und dem Lieferanten wollte ich, obwohl er sich sicher kulant gezeigt hätte, nichts schuldig sein. Über das SMZ wurde schliesslich ein Gesuch bei ‹Nachbar in Not› gestellt. Für die rasche Hilfe war ich sehr dankbar.»

pan

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