6. Schweizer Theatertreffen | Gardi Hutter mit «Gaia Gaudi» im Theater La Poste in Visp

«Der Clown ist das Scheitern in Person – aber niemand scheitert so genüsslich wie er»

Volles Haus. Gardi Hutter wünscht sich für die Aufführung von «Gaia Gaudi» einen vollen Theater-La-Poste-Saal.Foto ZVG
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Volles Haus. Gardi Hutter wünscht sich für die Aufführung von «Gaia Gaudi» einen vollen Theater-La-Poste-Saal.Foto ZVG
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VISP | Gardi Hutter ist mit der Produktion «Gaia Gaudi» am Schweizer Theatertreffen im Theater La Poste am 22. Mai 2019 in Visp zu sehen. Ein Gespräch mit der Clownin über erns te Themen: Wa rum sie Übung mit dem Sterben hat und warum sie dem Älterwerden ganz entspannt entgegensieht.

Gardi Hutter, Sie sind soeben von einer China-Tournee zurückgekommen. Sozusagen von Schanghai direkt nach Visp. Passen Sie Ihr Programm jeweils den Auftrittsorten an?

«Da ich auf der Bühne nicht rede, verstehen mich die Menschen rund um die Welt. Es ist die Sprache, die uns unterscheidet. Emotional und verhaltensmässig sind wir uns sehr ähnlich – menschlich eben.»

Versteht man Ihren Humor in China?

«Das Scheitern gehört in allen Ländern zum menschlichen Leben. Der Clown ist das Scheitern in Person; er scheitert ständig. Aber niemand sonst scheitert
so genüsslich. Das ist wohl der Grund, dass die komische Figur vom Publikum geliebt wird – und dass sie in allen Kulturen vorkommt.»

Seit 1981 sind Sie mit der Figur «Hanna» auf Tour.
Sie gelten damit als weibliche Vorreiterin für das Clowntheater. Wurden Sie als Frau in der Clown-
szene von Anfang an ernst genommen? Wobei die
Formulierung «ernst
nehmen» in Zusammenhang mit Clowns unfrei-
willig komisch ist.

«Das Problem am Anfang war, dass ich keine Leitbilder hatte. Es gab weder in der Literatur noch im Theater komische Frauen­rollen. Auch in der Fasnacht ­werden die ‹wilden Weiber› von Männern gespielt. Das öffentliche Lachen und Scherzen, oder Rausch im Allgemeinen, war den Frauen bis zur letzten Emanzi­pationsrunde eher verboten. Eine wirtschaftliche Autonomie ist Voraussetzung, um sich ungestraft über andere lustig machen zu können. Meine Grossmutter, hätte sie das Gleiche gemacht, wäre wohl in die Irrenanstalt ­gesteckt worden.»

«Wir können noch so viele
Versicherungen abschliessen – am Schluss ist Ende!»

Wie lange benötigen Sie, um sich in «Hanna», die zerzauste Reinemacherin, zu verwandeln?

«Nach fast 40 Jahren ist sie zum Alter Ego geworden. Ich kann mitten im Satz umschalten. Ich unterscheide aber scharf, zwischen der Maske und mir persönlich: Hanna sucht das schlimmstmögliche Extrem, ich eher die friedliche Balance.»

«Hanna» spricht nicht.
Sie brabbelt. Trotzdem kommt Ihre Botschaft an. Wie schaffen Sie das?

«Brabbeln ist reden ohne Worte. Es ist mimische, also körperliche Kommunikation. In China half mir meine mimische Genauigkeit sogar im Alltag, um mich mit den Menschen zu verstän­digen. Auch wenn ich nur eine Wan-Tan-Suppe wollte oder ei-
nen Bankomaten suchte.»

Anlässlich des Schweizer Theatertreffens in Visp
bekommt das Publikum das Stück «Gaia Gaudi» zu
sehen. In «Gaia Gaudi» ist die Figur Hanna von allem Anfang an tot. Das Publikum versteht das sofort, Hanna nicht. Ein clowneskes Stück zum Thema Tod – kann das lustig sein?

«Die Clownfigur, wie die meisten tragikomischen Volksfiguren, ist eng mit dem Tod verbunden. So wie auch alle uralten Feste, wie Fasnacht oder Halloween, oder uralte Sagen beziehungsweise das ‹wilde Heer›. Der Tod spielt mit, es geht um das Fürchten vor ihm und das Scherzen über ihn. Die Menschen nehmen sich die Angst, indem sie das Schreckliche übertreiben. Hier hat das Lachen seinen Ursprung. Die Masken haben monströse Züge, sie machen Angst. Aber zugleich ist klar, dass es ein Spiel ist und dass gelacht werden kann.»

Sie sind 66 Jahre alt.
Wann fingen Sie an, sich mit dem Thema Tod zu ­beschäftigen?

«Ich bin in meinen bisherigen acht Stücken am Ende sieben Mal tot. Ich habe also Übung im Sterben. Der Tod ist das Urscheitern überhaupt. Wir können noch so viele Versicherungen ­abschliessen – am Schluss ist Ende!»

Mit 66 weiss man, dass mit Sicherheit mehr als die Hälfte des Lebens vorbei ist. Machen Sie sich Gedanken zum Älterwerden?

«Sicher. Ich habe immer mehr Vergangenheit und weniger Zukunft. Ich bin Teil der Natur und irgendwann fallen die Blätter. Es ist, wie es ist. Ich bin im Frieden damit.»

Können Sie dem Älter­werden etwas Positives ­abgewinnen?

«Ich habe mich noch nie so gelassen gefühlt. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Ich muss gar nichts mehr. Das ist Entspannung pur.»

Was mögen Sie nicht am ­Älterwerden?

«Ich habe oft das Gefühl, alles schon mal diskutiert zu haben. Oder im Theater alles schon mal gesehen zu haben. Es wiederholt sich vieles. Aber plötzlich sind dann junge Künstler auf der ­Bühne, die mich vom Sockel hauen und etwas ganz Eigenes erfunden haben. Die Überraschungen sind einfach seltener.»

38 Jahre lang waren Sie ­alleine auf Tour. Sie konnten alles selbst bestimmen und Ihre Rollen eigen-
ständig entwickeln. Im Stück «Gaia Gaudi» spielen Ihre beiden erwachsenen Kinder Juri und Neda so-
wie Ihre Schwiegertochter Beatriz mit. Sind da
Konflikte nicht vorpro­grammiert?

«Die 15 Wochen Proben waren überhaupt nicht einfach. Wir mussten alle vier ziemliche Spannungen aushalten und Konflikte ausbeineln – und öfters über unsere Schatten springen. Aber da der Generationenkonflikt unser Thema war, gab es immer eine Seite, die spannend war. Aus dieser Sicht konnten wir gar nicht genug Konflikte haben. Aber sie aus­zuhalten, hat uns oft an die Grenzen gebracht. Wir mussten viel reden, weil jeder andere Strategien hatte, um mit den negativen Gefühlen fertigzuwerden. Wir hatten auch die Unter­stützung von zwei professionellen Coaches, die uns geholfen haben, die Not jedes ­Einzelnen hinter Aggression oder Rückzug zu sehen. Nach jeder der vier Sitzungen war wieder viel frische Luft zwischen uns.»

Sind Ihre Kinder Kulturschaffende oder stehen Sie als Ihre Kinder auf der ­Bühne?

«Neda ist Sängerin, Beatriz Tänzerin und Juri Perkussionist und Leiter von Onykron, einer Truppe, die mit Körpertheater Landschaften bespielt. Neda komponiert die Musik für die Truppe und Beatriz macht die Choreografie. Alle drei sind seit Jahren professionell und autonom unterwegs und leben im Ausland. Daher war es ein Sich-wieder-Begegnen.»

Konnten Sie in der Zusammenarbeit mit Ihren ­Kindern Ihre Mutterrolle ­ablegen?

«Das musste ich, und das war von beiden Seiten her gar nicht so einfach. Aber wenn wir es nicht geschafft hätten, ein professionelles, kreatives Team zu werden, wären wir irgendwo im Sumpf stecken geblieben.»

Was haben Sie von Ihren Kindern und Ihrer
Schwiegertochter gelernt?

«Sie sind viel entspannter als ich. Sie brauchen viel weniger zum Leben. Sie haben leichter gute Laune. Ich meine, die 30 Jahre Mutter und Berufsfrau haben mich sehr effizient, aber auch dauerangespannt gemacht. Das hat sicher auch mit dem Gene­rationenunterschied zu tun: Ich bin mit anderen gesellschaftlichen Idealen aufgewachsen als sie. Da können wir alle nichts dafür.»

Stehen Sie in Zukunft
nur noch als Familien-Compa­gnie auf der Bühne?

«Da ich seit drei Stücken schon sage, das ist das letzte, mache
ich keinerlei Pläne. Aber ich ­denke, für die Jungen ist es entscheidend, eigene Wege zu gehen. Unser gemeinsames Thema ist ja in ‹Gaia Gaudi› schon gut verpackt.»

Gibt es noch einen unerfüllten Wunsch, den Sie hegen?

«Ein voller La-Poste-Saal würde mir genügen!»Interview: Nathalie Benelli

«30 Jahre als Mutter und ­Berufsfrau haben mich sehr effi­zient, aber auch dauerangespannt gemacht»

Gardi Hutter, Clownin
Nathalie Benelli

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