Corona-Notfall | Spitalzentrum Oberwallis sieht sich gerüstet

Warten auf den Sturm

Dr. Friederike Meyer zu Bentrup. «Als Schweizer Spitäler an Grenzen stiessen, hat das viele wachgerüttelt.»
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Dr. Friederike Meyer zu Bentrup. «Als Schweizer Spitäler an Grenzen stiessen, hat das viele wachgerüttelt.»
Foto: mengis media / alain amherd

Eveline Studer. «Erkranken ein paar von uns, wird es zu Engpässen kommen.»
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Eveline Studer. «Erkranken ein paar von uns, wird es zu Engpässen kommen.»
Foto: mengis media / alain amherd

Dr. Hans Kummer. «Gutes Gewissen.»
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Dr. Hans Kummer. «Gutes Gewissen.»
Foto: mengis media / alain amherd

Raffaela Basso. «Echte Herausforderung.»
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Raffaela Basso. «Echte Herausforderung.»
Foto: mengis media / alain amherd

Eelco Jansen. «Gottvertrauen.»
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Eelco Jansen. «Gottvertrauen.»
Foto: mengis media / alain amherd

Auf der Intensivstation. In Visp können bis zu 24 Patienten beatmet werden.
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Auf der Intensivstation. In Visp können bis zu 24 Patienten beatmet werden.
Foto: mengis media / alain amherd

Quelle: 1815.ch 0

Noch herrscht im Spital Visp die Ruhe vor dem Sturm. Wobei niemand genau weiss, mit was für einem Sturm denn genau zu rechnen ist. «Es ist, als würden wir auf einer Karibikinsel auf einen Tornado warten. Doch überrollt er uns oder streift er uns nur am Rande?» So oder so wähnt man sich im Spitalzentrum Oberwallis vorbereitet. So gut es eben geht.

Vier Covid-19-Patienten werden im Spital Visp derzeit künstlich beatmet. Das ist relativ wenig – und doch auch viel. Viel, weil in «normalen» Zeiten im Oberwallis gerade mal drei Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen. Eine Grenze, die das Virus also bereits durchbrochen hat. Und wenig, weil man sich im Spitalzentrum Oberwallis in den vergangenen zwei Wochen umfassend auf noch viel grössere Fallzahlen vorbereitet hat. Stand heute könnten im Oberwallis 24 Patienten beatmet und versorgt werden; zudem liegen für den absoluten Notfall weitere Szenarien in der Schublade.

Intensivstation massiv vergrössert

Die Spitalmitarbeiter empfangen den Walliser Boten in einem Sitzungszimmer des Spitals Visp. Da sind Dr. Friederike Meyer zu Bentrup und Eveline Studer, die Chefärztin und die Abteilungsleiterin Pflege der Intensivstation. Da die Kapazität der Intensivstation während der kommenden Wochen aber weder personell noch materiell (Betten mit Beatmungsgeräten) ausreichen wird, hat sich die Intensivstation organisatorisch und standortübergreifend vorübergehend mit weiteren Abteilungen zusammengeschlossen. Deshalb sitzen heute auch Dr. Hans Kummer, Raffaela Basso und Eelco Jansen mit am Tisch. Kummer ist Klinikleiter der Anästhesie, Basso Abteilungsleiterin Pflege der perioperativen Einheit. Jansen wiederum leitet die Intermediate Care Unit (Überwachungsstation) in Brig. Zusammen vertreten sie so die Anästhesie und die Intensivmedizin am Spitalzentrum Oberwallis.

«Unsere Abteilungen müssen, obwohl sie ja schon immer unter einem Klinikdach waren, nun zu einer gemeinsamen Einheit zusammenwachsen. Dies, um Patienten mit schweren Krankheitsverläufen betreuen zu können», zeichnet Meyer zu Bentrup die grundlegende Strategie auf. Und Basso ergänzt: «Eine echte Herausforderung, zumal das Pflegepersonal der Anästhesie doch innerhalb von kurzer Zeit für intensivmedizinische Aufgaben geschult werden muss.»

Getan, was man tun konnte

Man habe nun «die Fenster vernagelt, die Mauern verstärkt und die Vorräte aufgestockt», kommt Anästhesist Kummer auf sein einleitendes Beispiel mit dem Tornado zurück. Ob dies ausreichen wird, um dem Sturm standzuhalten, werde sich innerhalb der nächsten Wochen herausstellen. «Wir sind zuversichtlich, können aber nicht alle Eventualitäten abschätzen», muss er eingestehen. Die kommenden Tage könne man aber sicherlich guten Gewissens angehen, da man sich im Spital gründlich auf einen Patientenansturm vorbereitet habe.

Dies betrifft zum einen den personellen Aspekt. Knapp 80 Pflegefachpersonen und 20 Ärzte vereinen die zusammengeführten Abteilungen nun in sich, also an die 100 Personen. Was zunächst nach viel tönt, relativiert sich, wenn man bedenkt, dass die Betreuung von Intensivpatienten ein 24-Stunden-Job ist. Wer beatmet wird, ist nicht bei Bewusstsein, muss künstlich ernährt und regelmässig umgelagert werden. Auch der Mundhygiene kommt eine entscheidende Rolle zu, besteht andernfalls doch das Risiko von weiteren Infektionen. Zudem benötigen die Patienten typischerweise nicht nur ein paar wenige Tage, sondern zwei bis drei Wochen ein Beatmungsgerät. «Erkranken dann noch ein paar von uns selbst, wird es bald einmal zu Engpässen kommen», gibt Intensivpflegefachfrau Studer zu bedenken.

Als Absicherung stehen dem Spitalzentrum Oberwallis deshalb pensionierte Ärzte und Pflegefachpersonen, aber auch Studenten der Pflegefachschule zur Verfügung. Für Entlastung sorgen sollen auch 70 Armeeangehörige und ebensoviele Zivilschützer, welche beispielsweise Aufgaben im (Patienten-)Transport oder in der Logistik übernehmen können.

Italien als Mahnmal – und als Lehrer

Was den materiellen Aspekt angeht, so kann die Zahl der Intensivpflegebetten mit Beatmungsgerät wie erwähnt von drei auf 24 erhöht werden. Dazu wurden einerseits Narkosegeräte, mit denen Patienten während einer Operation beatmet werden, auf Langzeitbetrieb umgerüstet. Andererseits stellt auch die Armee zehn Beatmungsgeräte zur Verfügung. Gleichzeitig können einige der Operationssäle zweckentfremdet und als eine Art erweiterte Intensivstation genutzt werden. Möglich macht dies die Verschiebung aller nicht dringlichen Operationen, wie vom Bundesrat angeordnet. Zudem übernimmt nun auch die nicht zu Spital Wallis gehörende Clinique de Valère in Sitten einige der Eingriffe. Und: sollten im Spital Wallis irgendwann die Betten ausgehen, stehen auch die Kliniken in Crans Montana und Leukerbad bereit, um nicht lebensbedrohliche Fälle aufzunehmen.

Ob die Bilder aus oberitalienischen Spitälern den Mitarbeitenden denn Angst machen? Angst sei ein schlechter Ratgeber, aber betroffen machten sie schon, antwortet Jansen. Respekt für herausfordernde Situationen lasse konzentriert arbeiten, Angst dagegen sorge für Verwirrung und Fehler. Eine gesunde Portion Gottvertrauen rücke den Virus bei all seiner Bedrohung in die passende Dimension zurück.

Klar: die Mitarbeitenden würden ein höheres Risiko tragen, das sei allen bewusst. So ständen eigene Schutzmassnahmen im Vordergrund, um für die Patienten da sein zu können, sagt Meyer zu Bentrup.

Auf einen weiteren wichtigen Punkt weist derweil Kollegin Studer hin: wenn man der Situation in Italien etwas Gutes abgewinnen wolle, dann, dass man mit den dortigen Fachkräften in Kontakt stehe und nun von deren Erfahrungen profitieren könne. Zudem, so Meyer zu Bentrup, seien auch die Warnungen der Tessiner Kollegen hilfreich gewesen: «Als man sah, dass auch Schweizer Spitäler an ihre Grenzen stossen können, hat das viele wachgerüttelt.»

Keine Besucher mehr

Den Ernst der Lage haben aber nicht nur Politik und Gesundheitswesen, sondern auch die Bevölkerung erkannt. Hier windet das Spitalpersonal insbesondere der Oberwalliser Bevölkerung ein Kränzchen: nur, weil sich die Menschen hier gut an die Massnahmen des Bundesrats hielten und zuhause blieben, sei die Zahl der kritischen Patienten in den letzten Tagen noch nicht exponentiell gestiegen. Jenseits des Pfynwalds, im Unterwallis, sei die Situation bereits wesentlich heikler, äussert Kummer.

Um die Ansteckungsrate so niedrig wie möglich zu halten, hat natürlich auch das Spital selbst Vorkehrungen getroffen. So werden derzeit sämtliche Patienten – der «normale» Spitalbetrieb läuft schliesslich auch in Corona-Zeiten etwas abgespeckt weiter – über die Notaufnahme aufgenommen. Gleich zu Beginn wird dort nach spezifischen Symptomen wie Husten oder Fieber gefragt, um den Patienten gegebenenfalls rechtzeitig mit einer Schutzmaske auszurüsten, bevor er seine Viren im Spital verteilen könnte. Auswirkungen hat das restriktivere Regime aber auch auf die Besuche: diese sind in den Spitälern von Brig und Visp derzeit grundsätzlich untersagt.

Die Helden vom sechsten Stock

Ungewohnt präsentiert sich im Spital Visp auch der sechste Stock. Die Etage wurde zunächst komplett geräumt und ist derzeit allein Covid-19-Patienten oder -Patienten in Abklärung vorbehalten. Wer dort untergebracht ist, befindet sich nicht in kritischem Zustand – zeigt aber offensichtlich Symptome, die eine Hospitalisierung erfordern. «Patienten in diesen Isolationszimmern sind noch viel einsamer als daheim», meint Meyer zu Bentrup dazu. «Bringen Sie deshalb ein elektrisches Gerät mit, mit dem Sie Videoanrufe mit Ihren Familien und Freunden tätigen können!», rät sie. Doch auch für die Pflegefachkräfte hat sich der Alltag auf der Isolierstation im sechsten Stock von einem Tag auf den anderen dramatisch geändert, wie Jansen weiss. Bevor sie ein Patientenzimmer betreten, müssen sie jeweils Schutzkittel, Schutzmaske und Schutzbrille anziehen. Nur, um die Utensilien beim Verlassen des Zimmers wieder abzulegen und vor dem nächsten Zimmer von vorn zu beginnen. Damit soll verhindert werden, dass Viren in ein Zimmer geschleppt werden, in dem ein Patient in Abklärung liegt.

«Alle sprechen immer von den «Helden der Intensivstationen»», sagt Meyer zu Bentrup dazu. «In Visp arbeiten wahre Heldinnen und Helden aber momentan im sechsten Stock.» Nicht nur sie hofft, dass die Aussage auch in zwei Wochen noch Gültigkeit hat und sich der Fokus nicht auf die vergrösserte Intensivstation verschieben wird.

Fabio Pacozzi

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