Interview | Hotelier Peter Bodenmann muss das «Good Night Inn» schliessen – und übt scharfe Kritik

«Wirtschaftspolitisch grottenschlecht»

Wie viele andere Hotels im Oberwallis zwingt das Coronavirus auch den Briger Hotelier Peter Bodenmann in die Knie. Aufgrund massenhafter Stornierungen für die 167 Hotelzimmer in seinem Hotel schliesst er das «Good Night Inn» heute Dienstag.
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Wie viele andere Hotels im Oberwallis zwingt das Coronavirus auch den Briger Hotelier Peter Bodenmann in die Knie. Aufgrund massenhafter Stornierungen für die 167 Hotelzimmer in seinem Hotel schliesst er das «Good Night Inn» heute Dienstag.
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Geschlossen. Aufgrund massenhafter Stornierungen für die 167 Hotelzimmer schliesst das «Good Night Inn» heute Dienstag.
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Geschlossen. Aufgrund massenhafter Stornierungen für die 167 Hotelzimmer schliesst das «Good Night Inn» heute Dienstag.
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Wie viele andere Hotels im Oberwallis zwingt das Coronavirus auch den Briger Hotelier Peter Bodenmann in die Knie. Aufgrund massenhafter Stornierungen für die 167 Hotelzimmer in seinem Hotel schliesst er das «Good Night Inn» heute Dienstag.

Was bedeuten die Massnahmen des Bundes und des Kantons für Ihren Betrieb?
«Seit drei Wochen ist klar, dass der Tourismus im Oberwallis total zum Erliegen kommen wird. Eher früher denn später. Der Vorstand des Walliser Hotelier-Vereins hat vor zwei Wochen einstimmig die richtigen Forderungen gestellt. Leider wollten die zuständigen staatlichen Stellen und Politiker mit ihren rosa Brillen die Corona-Lawine nicht kommen sehen. Beat Rieder hat vor neun Tagen hinter den verschlossenen Türen der überforderten Tourismuskammer die Vorschläge des Hotelier-Vereins aktiv bekämpft. Weil sie von mir stammen. Christophe Darbellay hat sich noch am Donnerstag im Grossen Rat über mich beklagt. Und jetzt will Beat Rieder die Tourismuskammer in dieser Woche einberufen, um was auch immer zu koordinieren. Wer zu spät kommt, macht sich lächerlich.»

Sind die Gäste, die Sie aktuell beherbergen, am Samstag fluchtartig abgereist oder sind sie dageblieben und haben sich mit der Situation arrangiert?
«Allen professionell arbeitenden Busunternehmen, Reisebüros und Hotels war klar, dass dies früher oder später so weit sein würde. Wir sind zusammen mit unseren Partnern kontrolliert und vorbereitet in den vorhersehbaren Winterschlaf eingetaucht. Dieser wird absehbar so lange dauern, bis Medikamente wirken oder Impfstoffe zur Verfügung stehen. Man darf sich da keine Illusionen machen. Unsere Gäste können auch Ferien auf Balkonien machen. Sie werden erst wiederkommen, wenn die Schweiz kein Seuchen-Stübli mehr ist. So hat Deutschland bereits am letzten Freitag eine noch sanfte Quarantäne für alle in Kraft gesetzt, die von der Schweiz nach Deutschland zurückreisten. Jetzt werden wir abgeriegelt. Das ist erst der Anfang. Wir haben 61 Angestellte. In der Nacht von Sonntag hätten 250 fest gebuchte Gäste im Hotel übernachtet. Am Ende waren es noch drei. Am Dienstag sind absehbar alle Walliser Hotels zu und geschlossen. Der Staatsrat hat dies so beschlossen, der Bundesrat versucht ihn zurückzupfeifen. Was gilt? Das Chaos könnte nicht grösser sein. Das Wallis hat keine Kontakte nach Bern.»

Sind Sie als Hotelier mit dem grössten Bettenangebot im Oberwallis vor den am Freitag kommunizierten Massnahmen vorabinformiert worden?
«Von wem auch? Am Freitagabend um 22.00 Uhr, ich schlief bereits selig, tauchte die Briger Stadtpolizei im Hotel auf. Kommandant Kronig holte mich aus dem Bett. Und wollte mir die Beschlüsse von Bund und Kanton erklären. Habe ihm aufgezeigt, dass wir alles längst umgesetzt haben. Wenigstens hatte Kronig keinen gefährlichen Taser bei sich. Dies, weil sich die Kantonspolizei zu Recht weigert, mit Taser-Polizisten zusammenzuarbeiten. Wir sind in den ersten 75 Tagen mit durchschnittlich 90 Prozent Auslastung in dieses Jahr gestartet. Besser denn je. Es wäre so weitergegangen.»

Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der Walliser Regierung in Sachen Coronavirus?
«Gesundheitspolitisch gut. Wirtschaftspolitisch grottenschlecht.»

Gesundheitspolitisch steht der grosse Test allerdings noch in der Haustür. Was geschieht, wenn es nicht gelingt, die Zahl der Fälle, die man in den Oberwalliser Spitälern behandeln muss, in Grenzen zu halten? Oder wenn zu viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Spitälern an der Grippe oder am Coronavirus erkranken?
«Der Hotelierverein Lugano, dessen Präsidenten Federico Haas ich gut kenne, hat zusammen mit den Spitälern in seiner Region innovative Ideen, wie etwa die Schaffung eines Angestellten-Pools, entwickelt. Ich habe diese Vorschläge unserem Spitaldirektor Dr. Hugo Burgener weitergeleitet. Er will sie prüfen. Vielleicht werden die Spitäler und Altersheime bald einmal dringend auf die Köche und Putzfrauen der Hotels angewiesen sein. Denn gelernt ist gelernt. Die beiden Oberwalliser Daniel Koch und Beda Stadler prägen national die Coronavirus-Debatte. Wir können stolz auf sie sein. Beide raten uns im Kampf gegen das AHV-Virus richtigerweise zur Gelassenheit. Sie gehören wie ich zur Risikogruppe der alten weissen Männer. Wirtschaftspolitisch haben Christophe Darbellay und Roberto Schmidt leider nicht im Ansatz begriffen, was da auf uns zukommt. Aber spätestens seit dem Massenexodus aus Zermatt sollten auch sie langsam mitbekommen haben, was es geschlagen hat. Nur sind sie nicht vorbereitet. Genau gleich wie das SECO. Die meisten Gastwirte und Hoteliers fühlen sich im Stich gelassen. Vorab alle, die im AHV-Alter stehen oder als Geschäftsführer keinen Rappen jener Arbeitslosenkasse sehen, in die sie einbezahlt haben. Singapur zeigt auf, dass man es anders machen kann und muss.»

Das Coronavirus trifft das Wallis hart. Wie schätzen Sie die Auswirkungen auf den Tourismuskanton ein?
«Ich ging bisher von einem Schaden für das Wallis von 1,5 Milliarden Franken aus. Vermutlich liege ich mit dieser Schätzung noch deutlich zu tief. Deutschland bekämpft die wirtschaftspolitischen Folgen nach Wirtschaftsminister Altmaier mit der Bazooka. Beim ersten Schuss war diese Bazooka mit 500 Milliarden Euro geladen. Weitere Schüsse werden folgen. Umgerechnet auf das Wallis entspricht der erste Schuss einem Betrag von 1,7 Milliarden Franken. Finanzminister Scholz und Altmaier haben öffentlich festgehalten, dass jetzt geklotzt und nicht gekleckert werde. Kein Unternehmen werde wegen des Coronavirus untergehen, kein Arbeitsplatz verschwinden. In einem der weiteren Schritte wird Deutschland die Lufthansa und somit auch die Swiss retten. Wetten, dass…»

Der Bund hat am Freitag zehn Milliarden Franken Soforthilfe in Aussicht gestellt, um den wirtschaftlichen Schaden abzufedern. Reicht diese Summe aus?
«Das waren am Freitag typische SVP-Fake-News der Marke Guy Parmelin. Acht der zehn Milliarden sind vorhandene Reserven der Arbeitslosenkasse. Diese Gelder haben Unternehmen und Lohnabhängige bereits einbezahlt. Der zuständige Bundesrat ist bisher mit der Wasserpistole unterwegs und schmückt sich mit fremden Federn. Simonetta Sommaruga hat dies auch noch nicht begriffen. Warum ist so etwas möglich? Mit der für einmal löblichen Ausnahme der SP und der Gewerkschaften hat bisher noch niemand Druck auf Parmelin gemacht. Weder die CVP noch die SVP und leider auch nicht das Wallis oder HotellerieSuisse. Eine weitere löbliche Ausnahme bildet der Präsident von GastroSuisse, Casimir Platzer, aus dem nahen Kandersteg. Die Wirte können stolz auf ihren Präsidenten sein, der als Erster Notrecht verlangte. Jetzt ist auf Bundesebene neu nicht nur mehr das SECO allein zuständig, sondern das Finanzdepartement und die Nationalbank werden faktisch die Federführung übernehmen. Bei der UBS nahmen sie damals 68 Milliarden Franken in die Hand. Damals waren sie vorbereitet, diesmal nicht.»

Was kann man sonst noch tun?
«Das Coronavirus ist verdammt schnell unterwegs. Der Bundesrat muss wirtschaftspolitisch vergleichbar schnell hinterherrennen. Gefordert ist jetzt Serge Gaillard, der wichtigste Chefbeamte des Bundes. Wichtig ist, dass man sich im Wallis keine Illusionen macht. Mit dem Taschengeld, das die Nationalbank dem Kanton zugesteckt hat, kann man eine so tiefe Krise nicht aufhalten. Das ist Globuli-Politik. Die angedachten Darbellay-Darlehen mit einer Laufzeit von 24 Monaten, die man mit 1 Prozent verzinsen soll, verschärfen für die meisten Betriebe das Problem nur. Und neu sind fast alle Betriebe betroffen. Wichtig sind, neben dem Druck auf Bern, kleine konkrete Schritte. Ein Beispiel unter vielen: Promo Valais und die Verkehrsbüros müssten längst Kurzarbeit angemeldet haben. Sie haben bisher nicht viel bewegt. Sie können neu gar nichts mehr bewegen. Im Gegenzug kann und muss man die Kur- und Beherbergungstaxen für die Jahre 2020 und 2021 sofort streichen. Dies nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber. Dies hilft bei dem hoffentlich noch in diesem Jahr möglichen Reset-Start.»

Interview: Norbert Zengaffinen

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