Kolumne | Diese Woche zum Thema

Wohin führt uns der globale Liberalismus?

Peter Bodenmann und Oskar Freysinger schreiben in der Rhonezeitung.
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Peter Bodenmann und Oskar Freysinger schreiben in der Rhonezeitung.
Foto: Walliser Bote

Quelle: RZ 1

Der ehemalige SP-Schweiz-Präsident und Hotelier Peter Bodenmann und Alt-Staatsrat und Schriftsteller Oskar Freysinger im Wortgefecht.

Peter Bodenmann, ehemaliger SP-Schweiz-Präsident und Hotelier

Nur Bares ist Wahres

Liberal, neoliberal, sozial oder unsozial. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik gilt: Nur Bares ist Wahres. Wer vertritt die Interessen von wem? Auch gesellschaftspolitisch geht es am Ende immer um die Frage: Wer will was für wen?

Krankenkassenprämien: Die SP will die Prämienlast pro Haushalt auf zehn Prozent begrenzen. Der Bund soll zwei Drittel der Kosten tragen. Das ist sozial und gut für Randregionen wie das Oberwallis. Die SVP will die Steuerabzüge im Interesse der Reichen und Superreichen erhöhen. Das ist unsozial und schlecht für das Oberwallis. Selbst für Ueli Maurer und die NZZ geht die SVP zu weit.

Bussen von Steuern abziehen: Wer zu schnell Auto fährt, bezahlt eine Busse. Er kann diese nicht von seinen Steuern abziehen. Wieso auch? Die Steuerhinterziehung war das Geschäftsmodell der Grossbanken. Die Amerikaner knackten das Schweizer Steuerhinterzieher-Geheimnis. Die UBS musste bluten. Die von der UBS ebenfalls geschädigten Franzosen und Italiener wollen nicht schlechter behandelt werden als die USA. Logo. Anstatt einen Vergleich zu suchen, setzte sich die UBS auf das hohe Ross und wurde in Paris in erster Instanz zu einer 5-Milliarden-Busse verurteilt. Die SVP will, dass die UBS diese Busse – im Gegensatz zu uns kleinen Temposündern – von den Steuern abziehen kann. Das ist neoliberal und unsozial.

Saudi-Schmecker: In Saudi-Arabien haben die Frauen nichts zu sagen. Aufmüpfige werden ausgepeitscht und eingesperrt. Kritiker wie der Journalist Kashoggi werden zersägt, in Säuren aufgelöst, verbrannt und das Klo runtergespült. Vor diesen Saudis geht der Bundesrat Ueli Maurer in die Knie. Er will die Scheichs im Interesse des Finanzplatzes nicht kritisieren. Das ist neoliberal und erst noch grausam unan­ständig.

Cannabis: Der Oberwalliser Apotheker Dr. Alain Guntern ist bereit, Haschisch kontrolliert abzugeben. Das würde die Zahl der Konsumenten senken. Und es gäbe neu faktisch auch keine Beschaffungs­kriminalität mehr. Dr. Guntern ist gesellschaftspolitisch liberal im guten Sinne des Wortes. Die SVP und ihre Wahlkampfleiter für die Westschweiz wollen mehr Repression und somit mehr Beschaffungs­kriminalität.

Klima: Der Walliser Skifahrer Daniel Yule setzt mutige Zeichen im Kampf gegen FIS-Boss Kasper und alle anderen Klimaleugner. Oskar Freysinger ist ein Klimaleugner. Ihm ist der Tod unserer Gletscher letztlich egal. Das schadet unserer Heimat.

Rechte Schaumschläger wollen immer von diesen und anderen konkreten Fragen ablenken. Irgendwie verständlich.


Oskar Freysinger, ehemaliger SVP-Staatsrat und Schriftsteller

Wohin führt uns der globale Liberalismus?

Der globale Liberalismus reduziert den Menschen auf seine Rolle als homo oeconomicus, der alles aus dem Blickwinkel des Käufers, des Verkäufers oder der Ware wahrnimmt – und sich dadurch selber zum Verkaufsgegenstand macht –, oder auf den Egoismus des Lustprinzips (Kaufwut, ungehemmter Sexualtrieb usw.). Sein Dekalog ist ein Monolog, der sich auf ein einziges Gebot beschränkt: «Du sollst immer mehr wollen!» Das Haben unterdrückt das Sein und der Mensch wird ein Sklave dessen, was die griechischen Philosophen das Pathèticon nannten, die tierische Seite der Seele.

Die organisch gewachsenen Gesellschaften und ihre Grenzen – sprich Länder, Völker, Ethnien und Kulturen – sollen einem uneingeschränkten Individualismus weichen, der nur durch den Handelsaustausch und seine juristischen Leitplanken reguliert wird. Eine Konfrontation von privaten Interessen tritt an die Stelle des Allgemeinwohls. Indem er sich nicht mehr um das Wohl und das Ziel des menschlichen Lebens sorgt, zerstört der moderne Individualismus dessen eigentlichen Sinn und schafft eine Gesellschaft, in der nichts mehr einen Wert, aber alles einen Preis hat.

Der globale Liberalismus ist keine Freiheitsideologie, sondern eine Ideologie, welche die Freiheit auf das Individuum reduziert und die kollektive Freiheit ausblendet. Alles organisch und historisch Gewachsene wird zurückgewiesen, denn der «liberale» Gottmensch sieht in der Gesellschaft keine Einheit, die sich um Werte schart, sondern eine Zusammensetzung isolierter Individuen. Nach aussen scheint der Mensch grenzenlos frei, doch ist er in sich gefangen, denn alles, was der Mensch ist, ist er primär als soziales Wesen geworden und erst sekundär als Individuum. Zudem kann kein Mensch individuell frei sein, wenn seine Freiheit kollektiv eingeschränkt wird. Eine Zivilisation darf sich nicht darauf beschränken, Existenzmittel zu liefern, sie muss dem Leben auch einen Inhalt geben. Sie kann sich nicht damit begnügen, individuelle Freiheiten zu subsumieren und als Allgemeinwohl darzustellen, denn das Allgemeinwohl gehört allen und lässt sich nicht in private Parzellen aufteilen. Eine glaubwürdige gesellschaftliche Ethik hütet sich, persönliche Interessen über die organisch gewachsene Solidarität zu stellen, die den sozialen Zusammenhalt stärkt. Weil sie davon abgekommen sind, verfallen immer mehr Menschen der Depression, der Sucht und dem Zynismus und verfolgen jene mit ihrem Hass, die ihrer nihilistischen Dogmatik widerstehen und noch Werte zu vertreten wagen.

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Kommentare

  • Erwin Gasser, Zürich - 11

    Unser Ueli, der Bundespräsident, hat lauter Freunde in Saudiarabien, weil er zusammen mit uns auf wunderbare Handelsbeziehungen zählen kann. Wir verstecken uns hinter dem Begriff "neutral". Deshalb interessieren uns die begangenen Gräueltaten und die Unterdrückung des einfachen Volkes durch die saudische Regierung nicht. Ich verfolge aufmerksam die zu Papier gebrachten Ansichten der Herren Bodenmann und Freysinger. Leider bringen Schuldzuweisungen nichts aber auch gar nichts.
    Erwin Gasser, Beringen SH

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